Zeitung Heute : Kurzmeldungen

Katja Winckler

Meike Knefel (37) arbeitet seit acht Jahren als Krankenschwester für die Zeitarbeitsfirma Med Kontor. Anfangs hatte die Hamburgerin einen Vertrag als Vollzeitkraft, dann machte sie in der Abendschule ihr Abitur nach und begann ein Medizinstudium. Mittlerweile ist Knefel im zehnten Semester und kann sich vorstellen, später auch als Ärztin weiter für die auf medizinische Berufe spezialisierte Jobvermittlungsagentur zu arbeiten.

Ärzte als Leiharbeitnehmer – diese Idee steckt noch in den Kinderschuhen. Nachdem die Zeitarbeitsbranche durch die Hartz-Reformen an Renommee und auch Fantasie dazu gewonnen hat, geben immer mehr Jobvermittler auch den medizinischen Bereich als Geschäftsfeld an. Der Bereich medizinischer Berufe ist schließlich groß: Ärzte diverser Fachrichtungen, Krankenschwestern und -pfleger, Arzthelfer, Alten- und Heilerziehungspfleger, Medizinisch Technische Assistenten für Radiologie und Labor sowie Hebammen und Entbindungspfleger. Doch viele private Jobvermittler reden offensichtlich über Zukunftsmusik. Die Statistik der Bundesanstalt für Arbeit hat für das Jahr 2002 nur insgesamt 2876 Beschäftigte als Zeitarbeiter im Gesundheitswesen erfasst. Das sind 0,59 Prozent aller Tätigkeiten im Aufgabenspektrum von Leiharbeitern.

Personalengpässe managen

Sicher: Die Zahlen werden steigen, denn einerseits wird immer mehr Krankenhaushauspersonal weg rationalisiert, andererseits steigt wegen der demografischen Entwicklung der Bedarf an ambulanten Pflegekräften. Um die Personalengpässe zu managen, werden Klinikmanager und Pflegedienste verstärkt auf Leiharbeiter setzen. Doch betrifft das auch die „Halbgötter in Weiß“? Nach einer Studie des Bundesverbands für Zeitarbeit (BZA) beschäftigen bundesweit über 3800 Zeitarbeitsfirmen (inklusive Niederlassungen 6321) jährlich rund 780 000 Leiharbeiter.

Dass nur die wenigsten davon Ärzte sind, wundert nicht. Schließlich herrscht Ärztemangel (siehe auch Beitrag rechts oben). Das Deutsche Ärzteblatt weiß: Jeder dritte Mediziner sucht sich nach dem Studium einen Job außerhalb der Patientenversorgung. Die Folgen sind dramatisch. Laut Landesärztekammer stehen im ländlichen Raum Brandenburgs bereits Praxen leer, es fehlen etwa 180 Assistenz- und vor allem Fachärzte. Für planbare Operationen bestehen bereits jetzt Wartelisten – und sie werden nach den Bundestagsbeschlüssen von vergangener Woche wohl länger werden.

Warum also nicht Fachärzte temporär einsetzen? Etwas Ähnliches gibt es schließlich schon: Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) vermittelt für Praxisvertretungen regional bezogen Ärzte. Und Agenturen, die sich auf die reine Adressenvermittlung spezialisiert haben, ermöglichen es Ärzten, sich kurzzeitig etwas dazu zu verdienen. Doch die Zeitarbeitsbranche hält sich zurück. Die Platzhirschen wie Randstad, Adecco und Manpower vermitteln Arbeitnehmer medizinischer Berufe nur selten. „Wir bieten diesen Zweig an, konzentrieren uns aber auf unser Kerngeschäft Kaufmännischer Bereich, IT und Engineering Management“, heißt es bei Randstad, Adecco spricht von „Einzelfällen und nur auf Kundenanfrage.“

Die großen auf den Medizinbereich spezialisierten Jobvermittler arbeiten mit Filialen und Dependancen: Medirent mit Hauptsitz in Berlin ist auch in Hamburg, Köln, Düsseldorf und Palma de Mallorca vertreten, das Hamburger Med Kontor hat Filialen in München, Ulm und Stuttgart. Die Münchner Zeitarbeitsfirma Medial hat Zweigstellen in Hamburg und Frankfurt / Main. Den Löwenanteil der Überlassungen machen diese Agenturen im pflegerischen Bereich. Ärzte zu vermitteln sei „erst noch im Kommen“, sagt Petra Huber, Niederlassungsleiterin von Med Kontor. Markus Schymiks, Inhaber der Dortmunder Agentur Domed, befürchtet dabei jedoch organisatorische Probleme. Die „fachlich sehr unterschiedliche Ausrichtung der Ärzte“ könne die Kapazitäten mancher Zeitarbeitsfirma überschreiten. Seine persönliche Zurückhaltung begründet Schymiks mit: „Um Ärzte punktgenau überlassen zu können, bräuchten wir einen sehr großen Mitarbeiterstamm."

Die wahren Gründe könnten noch ganz woanders liegen. Viele Anbieter schweigen sich zum Thema „Ärzte und Zeitarbeit“ nach dem Motto aus: Die Konkurrenz schläft nicht. Viel wichtiger aber noch: Es bestehen rechtliche Hürden, die mancher Jobvermittler nicht zu nehmen bereit ist. Eine Agentur, die namentlich nicht genannt werden möchte, verleiht Ärzte lieber als Berater an Unternehmen statt an Krankenhäuser, denn: „Wer will schon die Haftung übernehmen, falls mal was schief geht“. Wer als freiberuflicher Arzt für einen niedergelassenen Kollegen einspringt, ist durch seine private Berufshaftpflicht abgesichert. Leiharbeitsfirmen dagegen müssen – wie alle anderen Arbeitgeber – die Versicherungskosten für ihre Angestellten tragen.

Damit wird ein Pluspunkt der Zeitarbeit verschenkt. Meike Knefel, Ärztin in spe, sagt: „Ich habe durch meine Tätigkeit viele Praxen und Krankenhäuser kennen gelernt und wichtige Erfahrungen gesammelt.“

Ist das nicht genau das, was Kliniken und auch Patienten von Ärzten erwarten?

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