Zeitung Heute : Kurzmeldungen

Claudia Aldenhoven

So ein Nieser hat es in sich: Mit 150 Stundenkilometern fliegen tausende Tröpfchen aus Rachen und Nase durch die Umgebung. Wer so ein Tröpfchen in einem Bereich von etwa einem Meter einatmet, muss mit Schnupfen rechnen. Ein Milliliter des wässrigklaren Nasensekrets enthält etwa eine Million Erkältungsviren. Handelt es sich beim Erreger um ein Rhinovirus, dann lauert noch eine weitere Infektionsquelle: die Hand. Es droht eine so genannte Schmierinfektion, wenn wir mit der mit Viren kontaminierten Hand an der Nase oder in den Augen reiben.

Mit einem Fluoreszenzmittel als Nasensekretersatz zeigte der englische Schnupfenforscher Sir Christopher H. Andrewes, wie Versuchspersonen innerhalb weniger Stunden ihren Schnodder bei Essen, Geplauder und Kartenspiel verbreiten. Nachdem der Leuchtfarbstoff mit einem Ultraviolettstrahler sichtbar gemacht wurde, leuchteten nicht nur Gesicht und Hände des Präparierten, sondern auch das Essen, die Spielkarten sowie Hände und Nasenpartien der Mitspieler. Überträgt man dieses Ergebnis auf den Alltag, dann fängt jenseits der eigenen vier Wände die Welt zu leuchten an: auf Telefonhörern, an Haltestangen von U-Bahnen, auf Geldmünzen, an Türklinken und auch an den Griffen der Einkaufswagen; überall könnten sich Rhinoviren befinden.

Küssen für die Forschung

Allein der Nachweis eines infektiösen Erregers führt aber noch nicht automatisch zur Ansteckung. In den 80er Jahren untersuchte eine Arbeitsgruppe der Universität Wisconsin drei mögliche Übertragungswege des gemeinen Schnupfens. Infizierte Versuchspersonen spielten mit Gesunden in einem engen, ungelüfteten Raum Karten. Zwei bis drei Stunden lang wurde laut geredet und geniest. Vergeblich: Keiner der Mitspieler bekam Schnupfen.

In einem zweiten Experiment verbrachten drei Gruppen, bestehend aus jeweils zwei Verschnupften und zwei Gesunden, 36 Stunden in einem Schlafzimmer. Auch hier ist die Ausbeute mager: Lediglich einer hatte sich infiziert.

Im dritten Versuch küsste ein Schnupfengeplagter 13 gesunde Münder. Doch auch hier erzielten sie mit der vorgeschriebenen Kusslänge von einer Minute nur eine Neuinfektion. Die amerikanischen Forscher schlossen aus den Ergebnissen, dass für die Ansteckung mit Schnupfenerregern hohe Viruskonzentrationen über einen längeren Zeitraum von Nöten seien. Allerdings fallen die Ansteckungsraten im Labor generell niedriger aus, als bei sich natürlich ausbreitenden Schnupfenepidemien. Denn gereinigte oder gar in Kultur gehaltenen Viren verlieren mit der Zeit an Infektiösität.

Von der Hand in die Nase

Drei Jahre später suchten dieselben Wissenschaftler eine Antwort auf die Frage, ob der Virus eher über Tröpfcheninfektion oder über kontaminierte Hände übertragen wird. Sie arrangierten eine weitere, diesmal zwölfstündige Pokerrunde. Sollten Schnupfenviren tatsächlich von den Händen und berührten Gegenständen in Augen und Nasen gelangen, so die Überlegung der Forscher, müsste sich eine Ansteckung vermeiden lassen, indem man während des Versuchs die Berührung von Nase und Augen verhindert. Während sich die eine Gruppe der gesunden Mitspieler wie gewohnt verhalten durfte, hielt man die andere mit Plastikkragen oder Armschienen davon ab, sich ins Gesicht zu fassen. Das Ergebnis erwies sich als Schlag gegen die Händetheorie. Ganz gleich, ob sie sich ungehindert bewegen konnten oder nicht: die Hälfte der Teilnehmer bekam Schnupfen.

Auch 15 Jahre nach diesem Versuch steht immer noch in Lehrbüchern, dass Rhinoviren häufiger durch virushaltige Hände als durch Tröpfcheninfektion übertragen werden. „Nicht der einzige Fehler, den man in einem Lehrbuch findet“, sagt der Wiener Rhinoviren-Forscher Ernst Küchler. „Auch wenn Rhinoviren einige Stunden im eingetrockneten Schleimfaden überdauern, reicht die Zahl infektiöser Partikel für den Weg von der Hand in die Nase in der Regel nicht aus, um hier noch eine Infektion herbeizuführen.“ Daher könne regelmäßiges Händewaschen auch nicht vor Schnupfen schützen. Zur Vorbeugung bakterieller Infektionen mache die Handhygiene jedoch Sinn.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!