Zeitung Heute : Kurzmeldungen

Walter Schmidt

Elf Spritzen brauchte es, zur Entspannung, wie Dieter Kosslick sagt, dann war er wieder fit. Das war im letzten Jahr, als er seine erste Berlinale leitete. Vielleicht geht es dieses Jahr ja ohne Spritzen ab, denn Kosslick macht jeden Morgen Yoga. „Nur so steigt man nach dem Schleudergang, den so ein Filmfestivasl bedeutet, einihgermaßen heil wieder aus der Trommel“, sagte er im Interview mit dem Tagesspiegel.

Dem einen fährt die Berlinale in die Glieder, andere belastet die Sorge ums Geld, den Arbeitsplatz oder die Partnerschaft. Dann sitzt uns die Angst „im Nacken“ und der Rücken schmerzt. 70 Millionen Krankheitstage pro Jahr entstehen allein durch Rückenleiden, die oftmals seelische Ursachen haben. Die Folgen der Stress-Gesellschaft seien „vermeidbares Leid für die Beschäftigten sowie Kosten in Milliardenhöhe für Unternehmen und Staat“, befindet die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BfAA).

Jeder Zweite fehlt wegen Stress

Nach Angaben der Europäischen Arbeitsschutzagentur steht arbeitsbedingter Stress an zweiter Stelle der häufigsten berufsbedingten Gesundheitsprobleme in der Europäischen Union. Er betreffe EU-weit jährlich „mehr als 40 Millionen Arbeitnehmer“ und über die Hälfte der Fehlzeiten gehe auf sein Konto.

Besorgnis erregt seit einiger Zeit auch die Stressbelastung von Kindern. Immer häufiger seien als Folge einer psychosozialen Überforderung auch Stress-Reaktionen bis hin zum Ausgebranntsein (Burn-out) zu beobachten, warnte im vergangenen Mai der Präsident der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe. Die Kinder wüchsen „vielfach mit psychischen Konflikten auf“.

Ein Übermaß an Stress spannt über komplizierte, körperliche und seelische Reaktionen unsere Muskeln an, ohne dass wir die so aufgebaute Energie loswerden können. Statt die Treppen hoch zu hetzen, steigen viele Eilige in den bequemen Fahrstuhl. „Von der Biologie her sind wir eher dafür ausgerüstet, körperlich aktiv zu sein statt vorwiegend geistig“, sagt dazu der Lübecker Psychologe und Entspannungs-Experte Dietmar Ohm. „Hier geht die Schere immer weiter auseinander.“ Im Laufe der letzten 50 – 60 Jahre hätten die geistigen Stressbelastungen ständig zugenommen, während wir uns immer weniger bewegten. „Wenn man das nicht ausgleicht, etwa durch Entspannungstraining, bleiben die Menschen auf einem Gutteil an Stress buchstäblich sitzen“, urteilt Ohm.

Teure Flucht in die Tabletten

Viele dauerhaft Angespannte flüchten in ihrer Not zu Tabletten. Der Konsum an Schlaf- und Beruhigungsmitteln sinkt zwar, doch das kann auch eine Folge höherer Wirksamkeit der Präparate und des Sparzwangs der Kassen sein. Hoch ist der Verbrauch immer noch. Nach Angaben des Bundesfachverbandes der Arzneimittel-Hersteller (BAH) in Bonn verschrieben deutsche Ärzte im Jahr 2001 rund 198 Millionen Tagesdosen an Schlaf- und Beruhigungsmitteln im Wert von 104 Millionen Euro. Hinzu kommen rezeptfreie Mittel wie Baldrian oder Johanniskraut, mit denen die Pharma-Branche 2001 laut BAH rund 221 Millionen Euro umgesetzt hat, über die Hälfte davon mit pflanzlichen Mitteln. Schließlich stehen Entspannungsbäder, Massagen und teils exotische Angebote der Wohlfühl-Branche hoch im Kurs.

Das gilt auch für diverse Entspannungsverfahren. Hier stehen fernöstliche Methoden wie Yoga und Tai-Chi neben eher westlich geprägten Verfahren wie Autogenem Training oder Progressiver Muskelentspannung. Alle Techniken sollen übermäßige Anspannung abbauen, doch stellen sie unterschiedliche Ansprüche an Geduld und Übungsdisziplin. Fernöstliche Verfahren sind zudem in für uns fremden Kulturkreisen entstanden und lassen sich nicht ohne Weiteres in die westliche Leistungsgesellschaft übertragen. Nur eines ist klar: Wer sich beim Entspannen unter Druck setzt, hat schon verloren.

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