Zeitung Heute : Kurzmeldungen

Kerstin Kohlenberg

Ob Emil was wusste oder nicht, das kann hier niemand sagen. Wenn, dann hätte er ja das gesamte Dorf auf dem Gewissen. Und das kann eigentlich nicht sein. Er ist ja einer von ihnen. Überhaupt ist es allen ein Rätsel, wie er all die Leute dazu gebracht hat.

Martin Schrab sitzt am Tresen im Höllenwirt und bestellt ein Cola-Bier. Ein kleiner runder Mann von 65, mit weißem Bart und Cordhose, der Einzige, der auf einem Barhocker sitzt. Alkohol hat ihm noch nie geschmeckt. Wenn er sich mal besaufen will, dann muss es was Süßes sein. Was anderes kriegt er nicht runter. Mit ihm am Tresen stehen Hugo – der Bruder von Emil – und zwei andere Freunde. Der Polizist und der Getränkehändler. Auf den Regalen stehen Fußball-Pokale des WSV Böllenborn, auf den Tischen Stühle mit den Beinen nach oben. Der Gasthof „Erika“, der dazugehört, ist schon seit Jahren dicht. Ein Aquarium blubbert in der Wand, dahinter sieht man die Frau des Höllenwirts bei Kaffee und Kippen in ihrem tiefen Sessel mit einer Fernbedienung sitzen. Ab und an schwimmt ein Fisch an ihr vorbei. Hier treffen sie sich, die Männer von Böllenborn, und trinken ihre schlechte Laune weg. Früher war natürlich auch immer der Emil dabei, aber seit dieser Sache geht er nicht mehr vor die Tür. Zu viele Morddrohungen, „der ist fertig“, sagt Martin Schrab. Deshalb soll auch keiner seinen richtigen Namen erfahren und den der anderen auch nicht. „Nennen Sie mich einfach Schrab“, sagt der kleine, runde Mann. Die Männer begießen, dass sie ihr Geld verloren haben, dass es mit dem Frühruhestand nichts wird, und dass die tollen Autos weg sind. Seitdem das Büro vom Emil durchsucht worden ist, wird in Böllenborn ganz schön viel gesoffen.

285 Einwohner hat das Dorf, es gibt eine Waldstraße, eine Brunnenstraße, eine Hauptstraße. Drumherum ist dunkelgrüner Wald und eine Luft, die gut ist für die Bronchien. Bad Bergzabern, das nächste Städtchen, ist nur fünf Kilometer entfernt. Am Ortseingang nach Böllenborn steht ein Schild: „1988 und 1990 schönstes Dorf im Kreis Südliche Weinstraße“. 1988, da hatten die Ersten schon unterschrieben.

Mitte der 80er Jahre, da muss sie begonnen haben, die Veränderung im Dorf. So genau weiß das hier keiner mehr. Börse, Aktien, Termingeschäfte, damit hatte in der Südpfalz, in ganz Deutschland, noch keiner was zu schaffen. In der Südpfalz war man Schreiner oder Winzer. Keiner wäre hier auf die Idee gekommen, dass man mit seiner Hände Arbeit nicht weiterkommt. Da kam der Emil.

Sie wussten von nichts

Wenn man den Männern so zuhört, Geld ohne Arbeit, die Geschichte ihres Lebens, sie will so recht keine Form finden. Sie ist wie ein Karussell, das immer schneller wurde und sich auch jetzt, nachdem man ihm den Strom abgestellt hat, in den Köpfen immer weiterdreht. Abgestellt wurde der Strom am 25. Oktober 2001. Da durchsucht die Polizei Emils Büro in Bad Bergzabern und verhaftet seinen Chef Claude Kaiser in Saarlouis. 3000 Anleger hatte der betrogen, hatte vorgegeben, ihr Geld in Amerika anzulegen, ihnen hohe Gewinne versprochen. Jetzt ist das Geld weg, über 100 Millionen Mark. Drei Menschen sollen sich umgebracht haben. Ein Steuerberater ist aus einem Hochhaus gesprungen, wer die anderen sind, darüber munkelt man nur. Die Böllenborner können sich das alles nicht erklären. Es gab doch nie etwas Verdächtiges. Sie wussten doch von nichts. Oder?

Die Firma, die das Virus hineingetragen hatte nach Böllenborn, heißt CTS, Commodity Trading Service. Sie gehörte dem Anlageberater Claude Kaiser, hatte ihren Sitz in Saarlouis und war ursprünglich völlig legal. Kaiser wickelte seit 1984 Warentermingeschäfte ab. Er kaufte zu einem festen Preis Waren, über die er erst zu einem späteren Termin verfügen konnte. Er spekulierte darauf, dass der Preis für Sojabohnen oder Mais in der Zwischenzeit stieg. Kaiser verdiente anteilig am Gewinn seiner Kunden, bis es irgendwann keine Gewinne mehr gab. Mitte der 80er hatte sich Emil auf eine Anzeige Kaisers gemeldet und bot an, neue Kunden rund um Bad Bergzabern ranzuschaffen.

Martin Schrab, der kleine runde Mann, rückt seinen Barhocker etwas näher an das Cola-Bier. Draußen vor der Kneipe ist es jetzt mucksmäuschenstill und stockdunkel. Ab und zu fährt ein Auto vorbei. Auch Schrab und die Männer sind mit dem Auto gekommen. Das heißt, sie sind von der Brunnenstraße oder Waldstraße in die Hauptstraße eingebogen. „Der Emil war gelernter Schlosser und ein bunter Hund“, sagt Schrab. „Der kannte die Leute aus der Schule, der Kneipe oder der Bundeswehr. Der kam in jedes Wohnzimmer rein. Auch in meins.“ 1986 war das, Schrab war einer der Ersten. Er hat zuerst gezögert. Termingeschäfte? Er hatte damals noch seine Fahrschule und wollte kein Risiko eingehen. So sind sie halt in der Südpfalz, im Dahner Felsenland, wo es vor 800 Jahren Raubritter gab und die Dörfchen bettelarm waren. So waren sie, bis Emil kam.

Er bot eine Art Show-Konto an. Auf Schrabs Namen, mit Emils Geld, wenn alles gut laufe, dann könne Schrab es ja übernehmen. Der erste Auszug kam, mit reichlich Gewinn. „Ich hab dem Emil eine Pistole und eine Kugel auf den Tisch gelegt. Das ist deine, wenn es schief geht, habe ich gesagt.“ Für Schrab war das ein fairer Deal, er übernahm das Konto, die Pistole verstaute er im Regal – nichts Ungewöhnliches hier in Böllenborn.

Das war der Anfang. In einer Gegend, die von der Bundeswehr und immer weniger Kurgästen lebt. Es geht also um viele kleine Leute, die alle den Traum vom sorglosen Leben hatten. Manche sind extra nach Saarlouis gefahren, um die Firma mit eigenen Augen zu sehen. Das Firmenschild, die Sekretärin, die Computer. In den Anfangsjahren ging Emil noch von Tür zu Tür. Als die Ersten ihr Geld herzeigten, und sich was leisteten, mietete er ein Büro. Das Virus hatte sich festgesetzt. Ein Virus, das während des Börsenbooms ganz Deutschland befallen hat. Der Traum vom Reichsein.

Ende der 90er, da war das ganze Dorf samt Umgebung wie auf Droge. Kunden haben neue Kunden geworben, man sprach nur noch vom Dollarkurs, und wenn die Auszüge von der CTS kamen, gab jeder damit an, was er vom Geld kaufen werde. Autos, Vieh, Reisen, Häuser. Ein Wirtschaftswunder, nur für sie. Wer jetzt noch einen Termin bei Emil wollte, musste bis zu vier Wochen warten. Die Leute kamen von überall her. Man kannte sich schon längst nicht mehr, hatte nur von dem Wunder gehört. Martin Schrab redet ungerne von dieser Zeit. Es soll nicht der Eindruck entstehen, dass sie vor lauter Geld den Verstand verloren hätten. „Gier frisst Hirn“, stand mal in der Lokalzeitung „Rheinpfalz“. Schrab hat sie danach abbestellt.

„Der Schlimmste war der Emil“, sagt Christine Hauck, Vorsitzende des Vereins der CTS-Geschädigten. Hinter ihr die drei Kinder, vor ihr das Vereinsbuch der Geschädigten. Natürlich war auch sie bei der CTS. „Der Emil ist wirklich durchgedreht. Hat von einer Goldmine in Russland erzählt und von einem Schloss, das er angeblich gekauft hat.“ Im Tennisverein in Steinfeld, ein paar Dörfer weiter, erzählt später einer, dass sich Christines Mann kurz vor dem Crash noch einen Ferrari bestellt habe. Wer hier den größten Rausch hatte, da gehen die Meinungen auseinander. Und im Tennisverein wird auch über Beck geredet, Kurt Beck, den Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz, den alten Steinfelder. Gesagt hat er, dass er kein Geld in der CTS hatte. Aber weiß man’s, fragen sich die Leute. Das CTS-Karussell dreht sich immer weiter.

Vor Emils Haus in Bad Bergzabern stehen ein Pajero und ein Mercedes SL. Die Jalousien sind runtergelassen. Er hat sich verbarrikadiert, ist für keinen zu sprechen. Die Staatsanwaltschaft glaubt nicht, dass er von dem Betrug wusste. Kaiser hat nach der Verhaftung alle Schuld auf sich genommen. Emil war sechs Wochen in der Psychiatrie. Wenn er das Haus verlassen muss, dann legt er sich auf die Hinterbank des Autos und versteckt sich unter Decken. Seine Frau fährt ihn dann aus der Kampfzone, denn viele hier in der Gegend wünschen ihm den Tod.

Und Claude Kaiser? Bernd Weiss, Kaisers langjähriger Anwalt, sitzt in seinem Büro in Saarlouis und blättert die Akten durch. Er hat ihn in zwei Scheidungen und einigen Verkehrsdelikten vertreten. Bis März 2002, bis Kaiser die Anwaltshonorare nicht mehr zahlen konnte. Kaiser, Klaus-Joseph – genannt Claude–, geboren 1949, Gymnasium, Banklehre, abgebrochenes BWL-Studium, Kassierer, Angestellter bei Volvo. 1985 hat er sich mit der CTS selbstständig gemacht, hat Seminare bei Daimler gegeben. Alles legal. Mitte der 90er muss er sich dann mal richtig verspekuliert haben. 1998 änderte sich zudem das Kreditwesengesetz, Kaiser brauchte eine Genehmigung für seine Firma, die ernicht bekam. Er versuchte, sein Geschäft über eine US-Briefkastenfirma zu lenken, die aber von keinem Broker akzeptiert wurde. Um seinen Kunden weiter ihre hohen Gewinne auszahlen zu können, brauchte Kaiser Geld. Geld von immer neuen Kunden. Und die hat Emil ihm besorgt. Der hatte ja in den guten Zeiten ausreichend Werbung für die CTS gemacht. Drei Jahre lief das so, und keiner hat es gemerkt. Erst als gegen einen Kunden der CTS wegen Geldwäsche ermittelt wurde, stieß die Steuerfahndung auf Kaisers Schneeballsystem. „Ich glaube, der ist da einfach so reingeschliddert“, sagt sein Ex-Anwalt. „Der wollte seine Kunden nicht verlieren.“ Weiss rechnet damit, dass Kaiser sechs bis zehn Jahre bekommt.

Ein nagelneuer Mercedes

731 Gewinner und 2240 Verlierer gibt es laut Steuerfahndung. Gewinner sind jene, die wie Schrab sehr früh mit der CTS begonnen haben und lange tatsächlich Geld abgehoben haben. Verlierer sind wie immer die, die zu spät kamen. Helfen die Gewinner den Verlierern heute? Immerhin bestehen ihre Gewinne größtenteils aus dem Geld der Verlierer. „Gibt doch keiner zu, dass er da Geld rausgeholt hat“, sagt Christine Hauck. Vor ihrer Tür steht ein nagelneuer Mercedes. Die Gier ist ein zäher Virus. Auch in der Sparkasse Saarlouis. Die Ermittlungen ergaben, dass Kaiser die Kundengelder nur zwischen zwei Konten hin und her geschoben hat. Es wurde dabei von Mark in Dollar und zurück gewechselt. Die Bank berechnete dafür jeweils Gebühren.

Die Menschen hier in der Südpfalz leben in ihrer eigenen Welt. Eine verschworene Gemeinschaft, die schon einmal von einem unangenehmen Virus befallen war. Vom Traum etwas Besseres zu sein. Überreste davon sind überall zu sehen. Spaziert man durch Böllenborn, fallen zuerst die vielen weißen Neubauten im oberen Teil des Dorfes auf, dann unten die alten Bauernhäuser, ein Holzkreuz am Anfang und am Ende des Ortes. Erst auf den zweiten Blick sieht man die Zeichen an Hugos Haus. Runen-Zeichen, viele davon verboten. „Das ist so ein Tick vom Hugo. Germanische Bräuche, Sonnenwende und so“, sagt Schrab. Auch die Sache mit dem Emil, dass der bis vor 15 Jahren im rechtsradikalen Stahlhelm aktiv war, das seien doch alte Geschichten. Alte Geschichten und gute Kontakte? Schrab erzählt lieber von der Quelle auf seinem Grundstück, dass er Schafe züchtet und sie vor kurzem im Dorf ihren Brotbackofen eingeweiht haben. „Wir wollen nämlich selbstständig werden.“

Weil jetzt alle pleite sind?

„Nein, falls wir in eine Notlage kommen.“

In eine Notlage?

„Ja, wenn die, die die Macht über die Nahrungsmittel haben, uns von der Versorgung abschneiden.“

Wer hat denn die Macht?

„Na, die jüdischen Konzerne.“ So mancher Virus bleibt für immer.

„Noch ein Bier“, ruft Hugo dem Höllenwirt zu. Seine dicken, dunklen Haare haben sich ihre eigene Ordnung gesucht. „Wenn ich Geld brauchte, habe ich mir von meinem Bruder Emil einen Scheck ausschreiben lassen.“ Warum sollte der ehemalige Schmied da noch arbeiten? 150000 Mark hat er für die Einlage bei der CTS auf sein Haus aufgenommen. 1,5 Millionen Mark Gewinn hat er auf dem Papier gemacht. Kurz vor der Durchsuchung hat Emil den Hugo noch überredet, den Audi A6, den er sich bestellt hatte, nicht mit CTS-Geld zu bezahlen, sondern einen Kredit bei der Bank aufzunehmen. Der Gewinn bei der CTS sei doch so viel höher als die Bankraten. Das hat er zum Schluss vielen geraten, und das macht ihn jetzt für viele sehr verdächtig. Nur für Hugo nicht. „Wer so was mit seinem Bruder macht, der kann in der Sauerei nicht drinstecken.“ Hugo muss aufstoßen.

Seit dem Unglück ist Hugo Nachtwächter in der Kaserne. Aber lange, sagt er, hält er den Job nicht mehr aus. Seine Augen sind glasig von Alkohol und Selbstmitleid. Er ist 50, und es ist gar nicht einfach, zu einem Leben mit Arbeit zurückzukehren. „Mit dem Kaiser, das war eine ganz andere Welt. Wir haben Urlaub auf Kreta gemacht, in seiner Villa, er hat dem Fußballverein Trikots gespendet und dem Dorf eine Chronik.“ „Mensch Hugo“, ruft der Getränkehändler über den Tresen, „du hast genug angegeben mit deiner CTS-Kohle, jetzt heul’ hier nicht so rum.“ Die Höllenwirt-Runde kommt so langsam in Fahrt.

Seit einigen Monaten wissen die Böllenborner, dass sie nicht nur ihr Geld verloren haben, jetzt wurde ihnen auch noch mitgeteilt, dass sowohl echte Gewinne als auch Scheingewinne aus der CTS versteuert werden müssen. Die Scheingewinne, die Kaiser willkürlich auf die Auszüge geschrieben hat. Das Finanzamt geht davon aus, dass sie ihr Geld jederzeit hätten abheben können. Das hat der Bundesfinanzhof im Juli 2001 in einem ähnlichen Fall so entschieden. Das geht natürlich keinem in den Kopf, und deshalb klagt der Verein der Geschädigten. Die CTS hatte immer damit geworben, dass sogar die Gewinne aus Warentermingeschäften steuerfrei seien. Am 11.Januar hat das Finanzgericht Rheinland-Pfalz eine erste Entscheidung gefällt: Kunden, die sich Gewinne auszahlen ließen, müssen Steuern zahlen. Über die Scheingewinne wird noch entschieden. „Bevor ich mein Haus für die Steuerschuld verkaufen muss“, sagt Schrab, „zünde ich meine Bude lieber an. Und dann tummle ich mich noch ein bisschen mehr im rechten Milieu, so dass der Staatsschutz zwei Leute auf mich ansetzen muss. Da wollen wir ja mal sehen, was die das dann kostet.“ Schrab rutscht vom Barhocker. Für ihn ist es Zeit nach Hause zu gehen.

Wenn Martin Schrab 1986 den Anfang gemacht hat, dann ist Manfred Wagner das Ende. Er sitzt in seiner kalten Stube und raucht. Er ist einer von denen, die noch sehr spät in die CTS eingestiegen sind. Weil er nicht der Dumme sein wollte, der das Glück nicht erkennt, wenn es vor ihm steht. Für den Besuch macht er jetzt kurz die Heizung an. Das Haus ist sein Elternhaus, hier ist er auf die Welt gekommen. Der winzige Raum ist Küche und Wohnzimmer zugleich. Wagners größter Schatz sind die Kassetten von seinen Hypnose-Sitzungen. „Darauf kann ich mich erinnern, bis vor meiner Geburt.“ Sie haben es hier mit dem Übernatürlichen, gerade in Zeiten, in denen es nicht gut läuft. Und richtig gut ist es bei Wagner noch nie gelaufen. Bis vor kurzem hat er noch mit seinem Vater zusammengelebt, aber der ist im letzten Jahr gestorben. „Der Emil hat mir immer in den Ohren gelegen. Mit deinen 2000 Mark Hausmeister-Brutto im Monat kannst’ doch nicht hupfen. Leiste dir doch mal was. Geh halt nei in die CTS, hat er gesagt, da kannst’ viel Geld verdienen.“ Am 18.Juni 1999 hat Wagner dann 80000 Mark auf sein Häuschen aufgenommen, alles was er hatte. „Ich wollte halt noch mal was vom Leben haben. Aber ich hab das Geld verdummbeutelt.“ Wagner holt den CTS-Aktenordner. 48179,92 Dollar waren noch auf seinem Konto, als sie den Laden dichtgemacht haben. Letztes gehandeltes Objekt auf dem Papier: Sojabohnen.

Besuch bei der Wahrsagerin

Wagner hat seine Werkzeuge verkauft und Bilder der Eltern. Bleibt noch ein Kredit von 30000 Euro plus Zinsen zu tilgen. 150 Euro zahlt er monatlich ab, die nächsten 33 Jahre. Als er erfahren hat, dass er auch noch Steuern zahlen muss, ist er zur Wahrsagerin gegangen. Das schien ihm das Vernünftigste. Die hat ihm gesagt, dass er bald im Lotto gewinne. Ab und an wagt er jetzt ein Spielchen.

Es ist also alles Schicksal gewesen? Martin Schrab und Frau sitzen in ihrem Wohnzimmer und essen Kuchen. „Angst hatte man immer“, sagt Frau Schrab, und Herr Schrab korrigiert: „Nach zehn Jahren hat man schon mal gedacht, das fliegt doch irgendwann alles gegen die Wand, so gut wie das läuft, aber die Zeit hat einem dann wieder Sicherheit gegeben.“ Die Zweifel hat man übergangen, die Gerüchte überhört. In den letzten Jahren wurde gemunkelt, dass Leute aus Lettland mit Koffern zu Emil gekommen sind, es war von Drogengeld und Geldwäsche die Rede. Warum keiner ausgestiegen ist? „Mir hat ein Bekannter 1998 beim Spießbraten im Feuerwehrhaus gesagt: Du, die CTS wackelt“, sagt Schrab. „Ich bin dann zum Kaiser. Da hat der mich angebrüllt: Du kannst mich beleidigen, oder meine Frau, aber nicht mein Geschäft. Der hat mich so zusammengestaucht, da hab’ ich lieber den Mund gehalten. Meinen Vertrag habe ich trotzdem gekündigt. Als drei Monate später noch kein Geld da war, bin ich zum Emil. Der hat ein bisschen Druck gemacht, dann kam das Geld auch.“ Den Vertrag auf seine Frau ließ Schrab weiterlaufen. Vielleicht hatte der Kaiser ja doch Recht? Es war einfach zu verlockend. Der Traum vom Reichsein, er durfte einfach nicht sterben.

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