Zeitung Heute : Kurzmeldungen

Elke Binder

Am Anfang waren es nur ein paar Bier. Gegen den Stress und den Frust bei der Arbeit. Doch schnell wurden es mehr. „Einmal habe ich mir morgens 15 Flaschen Bier geholt“, erinnert sich Frank. „Das hat nicht gereicht, ich habe mir dann noch sechs Bacardi Rigos und vier Jägermeister reingezogen.“ Das war einer der Tage, an denen Frank danach in die Klinik gefahren ist. Es war der Tag vor einem Jahr, an dem er sich zum vierten Mal einer Entgiftung unterzogen hat. 3,5 Promille hatte er im Blut: Alkoholvergiftung. Frank ist 22 Jahre alt – und Alkoholiker.

Kein Einzelfall, glauben Suchtexperten. „Der Alkoholkonsum unter Jugendlichen nimmt zu“, sagt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Marion Caspers-Merk. Neue Untersuchungen bestätigen diesen Trend. Im Sommer vergangenen Jahres sind in mehreren deutschen Bundesländern für eine europaweite Erhebung der Weltgesundheitsorganisation Befragungen unter Schülern im Alter zwischen zehn und 17 Jahren durchgeführt worden. Die Befunde sind noch nicht veröffentlicht, liegen jedoch schon vor. Nicht nur die Zahl der Jugendlichen, die öfters einen Alkoholrausch erleben, wird demnach größer. „Der Prozentsatz der Kinder und Jugendlichen, die in kurzen zeitlichen Abständen, täglich oder wöchentlich, Alkohol konsumieren, wächst ebenfalls“, bestätigt Ulrike Ravens-Sieberer, Studienleiterin am Robert-Koch-Institut in Berlin. 30 Prozent der 15-jährigen Berliner Schüler trinken schon mindestens einmal pro Woche Alkohol.

Eine weitere Beobachtung ist besonders beunruhigend: „Der erste Alkohol wird immer früher getrunken“, sagt Wolfgang Settertobulte, Leiter der Teilstudie in Nordrhein-Westfalen. Immer mehr Jugendliche fangen demnach schon mit 13 Jahren an. Die Studie unter Berliner Schülern kommt für den Genuss des ersten Alkohols sogar auf ein Alter von elf Jahren.

Bier mit Mango

Die Experten haben für diese Entwicklung eine mögliche Ursache gefunden. „Der Mehrkonsum hat offenbar mit dem immer größer werdenden Angebot an Mixgetränken zu tun“, sagt Rolf Hüllinghorst, Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen in Hamm. In der Tat: „Mixery“, ein Gemisch aus Bier und Cola, oder „Desperados“, das Bier mit dem Tequila-Geschmack, fehlen mittlerweile auf kaum einer Party. Wo die Eltern noch Radler und Alster tranken, genießen ihre Kinder heute Bier mit dem Geschmack von Grapefruit und Mango. Und müde Partykids können sich mit „antörnendem“ Bier, versetzt mit Koffein, wieder in Schwung bringen.

Das ist kein Zufall, das ist Strategie. Denn die deutsche Bierindustrie steckt in der Krise. Der Absatz von „traditionellem“ Pils ist leicht rückläufig. Deshalb haben die Bierhersteller „junge Erwachsene“ ins Visier genommen. „Für die hat Bier ja eigentlich ein langweiliges Image“, sagt Birte Kleppien, Sprecherin des Deutschen Brauer-Bundes in Bonn. „Aber mit den Mixgetränken kann man sie an Bier heranführen.“ Der Marktführer Karlsberg sponsert Großpartys und Konzerte, hat sogar eine eigene Sendung auf dem Musikkanal Viva. Offenbar sind die Bemühungen erfolgreich: „Die Mixgetränke boomen regelrecht“, sagt Kleppien. 2002 gab es gegenüber dem Vorjahr einen Zuwachs von fast 30 Prozent.

Nicht nur die Brauer, auch die Hersteller von Spirituosen haben die jungen Leute entdeckt. Rum mit Limonade – „Bacardi Breezer“ oder „Bacardi Cola“ – macht den Mischungen aus Bier und Limonade Konkurrenz. Besonders erfolgreich ist „Bacardi Rigo“. Der Mix aus Rum, Limette und Cola wurde erst im Mai 2001 auf den Markt geworfen, im vergangenen Jahr machte er 36 Prozent des gesamten Umsatzes des Unternehmens aus, 25 Prozent entfielen auf „Bacardi Breezer“, einer Rum–Limonade–Mischung.

Koffein macht müde Trinker munter

Experten wie der Suchtmediziner Martin Schäfer von der Berliner Charité halten die Mixgetränke durchaus für bedenklich: „Sie lassen einen mehr trinken“. Während Alkohol eher müde macht, enthalten sie zusätzlich aufputschende Stoffe – etwa das Koffein der beigemischten Cola. Zudem verleitet der süße Geschmack gerade Kinder und Jugendliche zum Konsum. Eigentlich haben sie nämlich eine natürliche Abneigung gegen Alkohol. Der irritiert als Reizstoff die Nerven im Mundraum. Erst Erwachsene gewöhnen sich daran. Der süße Mix geht dagegen auch den Jüngeren leichter über die Zunge.

Aber ist gegen ein bisschen Spaß wirklich etwas einzuwenden? Nein, sagt Rolf Hüllinghorst von der Hauptstelle für Suchtgefahren: „Eigentlich ist es ja richtig, dass junge Leute Alkohol trinken.“ Der Umgang damit müsse schließlich auch gelernt werden. Denn Alkohol ist in unserer Gesellschaft selbstverständlich und allgegenwärtig. Problematisch sei nur, wenn zu früh damit begonnen oder zu exzessiv getrunken werde. Denn: „Prinzipiell wirkt Alkohol auf Jugendliche schädlicher als auf Erwachsene", ergänzt Suchtmediziner Martin Schäfer von der Psychiatrischen Klinik der Charité in Berlin. „Einfach, weil ihr Körper noch in der Entwicklung ist.“ So dauert die Reifung des Gehirns – das Organ, das durch Alkohol besonders angegriffen wird – etwa bis zum Alter von 17 Jahren.

Mediziner vermuten deshalb, dass Jugendliche auch besonders gefährdet sind, abhängig zu werden. Vor allem, wenn noch soziale Faktoren dazu kommen. Anfällig sind Jugendliche, die zu behütet aufgewachsen sind, oder solche, deren soziale Entwicklung vernachlässigt wurde, die es im Elternhaus nicht gelernt haben, Konflikte zu bewältigen. Beide trinken sich dann die „harte Realität“ schön. In Zahlen drückt das die Drogenbeauftragte Marion Caspers-Merk so aus: „Etwa vier Prozent der 16- bis 17-Jährigen in Deutschland haben ein Abhängigkeitsproblem.“

Die finden sich aber vergleichsweise selten in den Beratungsstellen ein. Es gibt auch kaum Hilfsangebote, die speziell auf ihre Situation eingehen. Die meisten Menschen, die mit Alkoholproblemen Selbsthilfegruppen, Therapiezentren und Kliniken aufsuchen, sind zwischen 35 und 50 Jahre alt. Und sie haben oft schon eine über zehnjährige Karriere als Alkoholiker hinter sich.

Bei aller berechtigten Sorge, es wäre nun auch verkehrt zu fürchten, dass dieser Weg jedem jungen Schluckspecht vorgezeichnet ist. „Tatsächlich hören die meisten mit dem exzessiven Trinken auf, wenn sie älter werden", sagt Hüllinghorst. Die Suchtexperten wollen trotzdem Eltern, Lehrer und Sozialarbeiter für das Risiko des Alkoholkonsums unter Jugendlichen sensibilisieren. Denn einige bleiben auf den Spaßgetränken hängen.

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