Zeitung Heute : Kurzmeldungen

„Salem nefsak“ – „ich ergebe mich“: Wochenlang haben US-Soldaten Arabisch gelernt, monatelang haben sie gewartet. Jetzt setzen sie sich in Marsch. Am meisten Angst haben sie vor dem unsichtbaren Tod, vor Giftgas und Viren. Deshalb ist das erste Ziel: B- und C-Waffen finden. Die Maschine rollt

Malte Lehming[Washington]

Von Malte Lehming,

Washington

Der Ratgeber hat knapp 60 Seiten, in der ersten Auflage wurden 9000 Exemplare gedruckt, das Papier ist wasserfest und säurebeständig. Alle Witterungsarten muss die Broschüre aushalten – Kälte, Hitze, Regen, Sandstürme. Außerdem ist sie leicht genug, um das Gepäck eines fußmarschierenden Soldaten nicht zu belasten. In den vergangenen Wochen, mitten in der kuwaitischen Wüste, war dieses kleine Büchlein Unterrichtsstoff. Sein Inhalt wurde abgefragt, gepaukt, auswendig gelernt. Die Leitfrage lautet: „Wie untersuche ich verdächtige Orte und identifiziere chemische, biologische und andere giftige Materialien?“ Das berührt einen empfindlichen Punkt. Unter den Soldaten, die in den Irak einmarschieren, kursiert vor allem eine Angst. Es ist die Angst vor dem unsichtbaren Tod, ausgelöst durch Gase oder Viren.

„Wir haben die beste Ausrüstung und ein umfangreiches Wissen“, sagt ein 24-jähriger Truppenkommandeur. „Aber das nützt nichts.“ Die Angst bleibt. Mit den ersten Panzern rollen mobile Laboratorien über die Grenze, mit Waffenexperten und Geheimdienstlern. Auch ehemalige UN-Waffeninspekteure sind angeheuert worden. Sie alle haben nur ein Ziel: So schnell wie möglich die vermuteten Bestände an B- und C-Waffen finden und unschädlich machen. Diese Mission sei eine der „delikatesten und heikelsten“ des ganzen Krieges, sagt ein Mitarbeiter des Pentagon. Auf einer Liste stehen die Namen von Hunderten irakischer Wissenschaftler, die an den Waffenprogrammen beteiligt gewesen sein sollen. „Die müssen wir zum Sprechen bringen, sofort.“

Erste Explosionen

Noch scheint der Vollmond über die nächtliche Wüste. Für einen Angriff ist das ungünstig. Je dunkler die Nacht, desto höher die technische Überlegenheit der Amerikaner. „Wirklich nicht schön“, wie ein US-Marine bemerkt, sei auch der heftige Sandsturm, der am Mittwochmorgen im Norden Kuwaits losbrach. Wann also beginnt der Krieg? Vielleicht in ein oder zwei Stunden, vielleicht in zwei oder drei Tagen? Das weiß keiner. Die Unsicherheit ist Teil der Strategie. Saddam Hussein könnte die Nerven verlieren. Ein Offizier könnte putschen. Der Gegner soll Zeit haben, um panisch zu werden, aber keine Zeit, um seine Verteidigung zu perfektionieren.

In einer riesigen Phalanx sind amerikanische und britische Einheiten am Mittwoch bis unmittelbar zur irakischen Grenze vorgerückt. Mehr als 100000 Soldaten stehen bereit und warten auf den Angriffsbefehl. Transporthelikopter und Kampfflugzeuge schwirren in der Luft. So dicht ist der Himmel, dass die Meteorologen der US-Armee aus Sicherheitsgründen ihre Wetterballons nicht steigen lassen dürfen. An der Spitze der Formation stehen Bulldozer. Sie sollen die Schützengräben zuschütten, damit die Truppen leichter vorankommen. In der südirakischen Stadt Basra soll der Donner der Artillerie bereits zu hören gewesen sein. Das iranische Fernsehen berichtete über erste Explosionen. Deutlich sei das Heulen der Sirenen zu hören gewesen. Eine Bestätigung dafür gab es nicht.

Etwas hektisch finden die letzten Vorbereitungen statt. „Ohne Ersatzreifen lasse ich meine Kompanie nicht in die Wüste fahren“, brüllt ein Major. Bis Bagdad sind es immerhin knapp 500 Kilometer. Vor windzerzausten Zelten stehen Neuankömmlinge, um sich gegen Pocken und Anthrax impfen zu lassen. Vor die Türen der Jeeps werden Sandsäcke gelegt, um sie vor gezielten Schüssen zu schützen. Ist an ausreichend Trinkwasser und Treibstoff gedacht? Ist das Hubschrauber-Reparatur-Team inzwischen eingetroffen? Wie viele Sanitäter werden pro Einheit gebraucht? Die kleinste Planungsschlamperei kann katastrophale Folgen haben.

Basra ist das geografische Nahziel der Invasion. In der südirakischen Stadt leben mehr als eine Million Menschen, die meisten von ihnen sind Schiiten. Die Regierung von Saddam Hussein mögen sie nicht. Einen Aufstand der Schiiten vor zwölf Jahren hat der Diktator blutig niedergeschlagen. Mehrere tausend Menschen wurden umgebracht. Im Pentagon kalkuliert man so: Falls die amerikanischen und britischen Truppen relativ schnell und widerstandslos Basra erobern und von der Bevölkerung als Befreier gefeiert werden, könnte das Image des Krieges weltweit aufpoliert und der Verteidigungswille vieler Iraker gebrochen werden. „Der erste Eindruck dieses Krieges ist entscheidend“, sagt ein Sprecher der US-Marines.

Außerdem ist Basra von strategischer Bedeutung. Von der Hafenstadt aus lassen sich die südlichen Ölfelder des Irak kontrollieren. Die humanitäre Versorgung der Zivilbevölkerung könnte von dort aus organisiert werden. Allerdings weiß auch Saddam Hussein, wie wichtig die Stadt ist. Deshalb hat er mit der Verteidigung des Südens einen der übelsten seiner Männer betraut, Ali Hassan Al Majid, besser bekannt als „Chemical Ali“. Er war es, der 1988 Senfgas gegen die Kurden einsetzte.

Die Schock-Strategie

Die genauen Kriegspläne kennt nur einer: US-General Tommy Franks, der Oberbefehlshaber der Militäroperation. Er kehrte am Mittwoch aus Kuwait in sein Hauptquartier nach Qatar zurück. Von dort wollte er unverzüglich zur „Prince Sultan Air Base“ nach Saudi-Arabien weiterfliegen, um sich ein letztes Mal mit seinen Kommandeuren abzustimmen. Öffentlich spekuliert über den Kriegsverlauf wird überall viel. Von „massiven Bombardements“ ist die Rede, einer „Schock-Strategie“. Kann sein, kann nicht sein. Alles, was über die Kriegspläne bislang durchsickerte, sollte durchsickern – als Gerücht gezielt vom Pentagon gestreut, um die irakische Führung unter Druck zu setzen.

Allenfalls ein paar Faustregeln dürfen als zuverlässig gelten. Die oberste davon heißt im Englischen „pottery rule“, das „Töpfereigesetz“: Was du kaputt machst, musst du bezahlen. Im Unterschied zum Golfkrieg 1991 wollen die Amerikaner diesmal das Land erobern und besetzen. Sie übernehmen die Verantwortung für den Wiederaufbau. Jede Brücke, die sie bombardieren, jedes Elektrizitätswerk, das sie zerstören, kommt sie teuer zu stehen. Außerdem müssen sie tunlichst alles vermeiden, was sie in den Augen der irakischen Bevölkerung zu rücksichtslosen Eroberern macht. Der amerikanische Schlachtplan laute daher „Make Friends and War“, schreibt die „New York Times“.

„Salem nefsak“ – „ich ergebe mich“. Viele US-Soldaten mussten in den vergangenen Wochen Arabisch lernen. Allein im kuwaitischen Camp „Champion Main“ gaben fünf Arabisten täglich Sprachunterricht. Kurzbefehle wie „Hinlegen!“ oder „Keinen Widerstand leisten!“ können die Soldaten nun in der Landessprache erteilen. Die Einheiten der Militärpolizei erhielten zusätzliche kulturelle Aufklärungsstunden. Eine Leibesvisitation arabischer Frauen etwa darf nie in Anwesenheit von Männern durchgeführt werden.

Eine neue Sensibilität legt die Truppe selbst bei der Ernährung an den Tag. Oft gingen Kriege mit einer Ausbreitung amerikanischer Produkte einher. Im Zweiten Weltkrieg waren es Coca-Cola, Camel-Zigaretten und die M&M-Schokolade, im Koreakrieg die Tootsie Rolls, über Afghanistan wurden Versorgungspakete mit Erdnussbutter abgeworfen. Im Irak soll alles anders sein. Zumindest in den ersten Monaten ist die US-Regierung allein für die Versorgung der Zivilbevölkerung verantwortlich. Die Vorratskammern sind mit einheimischer Kost gefüllt worden.

Das Warten auf den Krieg hat viele US-Soldaten ungeduldig gemacht. Die „3rd Infantry Division“ zum Beispiel ist schon seit fast sechs Monaten in Kuwait. „Inzwischen herrscht eine Stimmung bei uns wie in einem überfüllten Bus“, sagt Pedro Quinones aus Florida. „Je mehr Menschen sich hineindrängen, desto weniger reden sie miteinander.“ Der 26-Jährige gehört zu einer Einheit, die die Truppe mit Schutzanzügen vor Angriffen mit B- und C-Waffen versorgt.

Massenvernichtungswaffen. Dieselbe Angst, die die Bush-Regierung in den Krieg ziehen lässt, begleitet viele Soldaten. Zu Tausenden ließen sie sich in den vergangenen Wochen von Militärgeistlichen taufen. Unter tosendem Applaus stieg einer nach dem anderen mitten in der kuwaitischen Wüste in ein künstliches Wasserbecken und wurde anschließend gesegnet. „Nach dem heutigen Tag“, sagte einer von ihnen, „bin ich wirklich bereit, die Grenze in den Irak zu überschreiten. Das ist ein besserer Schutz als alles, was mir das Marine Corps zur Verfügung stellt.“ Auch Rabbiner gibt es in den Camps und sogar Imame. Vor allem während des Krieges sind deren Dienste gefragt – um Verwundeten beizustehen, Soldaten mit Traumata zu betreuen, die Toten zu salben.

James Haigler, ein 34-jähriger Kampfpilot, der an Bord des Flugzeugträgers „Abraham Lincoln“ auf seinen Einsatz wartet, war schon1991 und im Kosovo dabei. Er ist abgebrüht. Meistens schweigt er, während die Jüngeren reden. Schließlich sagt er doch etwas. „Alles Gewäsch. Unser Auftrag ist ganz einfach. Wir müssen die anderen töten und dürfen selbst nicht getötet werden. Mehr nicht.“

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