Zeitung Heute : Kurzmeldungen

Dickfellig und dünnhäutig, moralisch und missionarisch, gelassen und arrogant: So präsentiert er sich in diesen Tagen. Nur Zweifel zeigt er nicht. Aber noch ist nicht ausgemacht, ob George W. Bush als großer Feldherr in die Geschichte eingehen wird – der US-Präsident vor der Entscheidung. Beten, lesen, joggen

Malte Lehming[Washington]

Von Malte Lehming,

Washington

Weißes Haus, Anfang vergangener Woche: Aufgeregt läuft der Mann zum Oval Office, klopft an, wartet nicht auf eine Reaktion, öffnet die Tür. Drinnen sitzt George W. Bush an seinem Schreibtisch. Er guckt hoch, fragender Blick. Der Mitarbeiter platzt los: Gerade hat Donald Rumsfeld, dieser poltrige, undiplomatische Verteidigungsminister, die Welt wieder in Wallung gebracht. Diesmal hat er den Iran und Syrien vor „feindlichen Akten“ gewarnt und mit „ernsten Konsequenzen“ gedroht. Bush lässt seinen alarmierten Mitarbeiter zu Ende reden, lächelt kurz und sagt nur ein Wort: „gut“.

Eine erste Momentaufnahme des US-Präsidenten im Krieg. Resultat? Ein verdammt dickes Fell.

Versuchen wir eine zweite Annäherung: Kurz darauf besucht Bush die Truppe. Im „Camp Lejeune“ im US-Bundesstaat North Carolina spricht er vor 12000 Marines und 8000 Familienangehörigen. Die jubeln ihm zu. „Das Regime in Bagdad lernt nun langsam, dass wir unsere Versprechen halten.“ Tosender Applaus. „Unser Ziel ist Bagdad, und wir werden nichts anderes akzeptieren als einen überwältigenden Sieg.“ Anfeuernder Zwischenruf aus dem Publikum: „Go, get ’em, George!“ Schließlich reißt Bush einen Witz, den ersten in der Öffentlichkeit seit langer Zeit. „Es gibt nichts Schöneres, wirklich nichts Schöneres, als 12000 US-Marines vor sich stehen zu sehen“, sagt er, wartet den Beifall ab und ergänzt: „Es sei denn, man gehört zufällig zur irakischen Republikanischen Garde.“

Tränen in den Augen

Dabei ist die Stimmung im „Camp Lejeune“ durchaus gedämpft. Die Folgen des Krieges sind zu spüren. Bislang wurden 13 Marines von hier getötet, sechs werden vermisst, mehr als ein Dutzend sind schwer verletzt worden. Bush trifft sich mit den Witwen, Waisen und Eltern der Getöteten in der Militärkapelle. Einige Hinterbliebene haben Fotos der Gefallenen dabei. Drei Neugeborene werden ihre Väter nie sehen. Bush redet mit der Mutter von sechs Wochen alten Zwillingen, dann mit der Mutter eines vier Wochen alten Babys. Er hat Tränen in den Augen. „Ihr Mann ist im Himmel“, sagt er zu der ersten, „die Welt wird nach diesem Krieg friedlicher sein“, zu der anderen. Resultat der zweiten Annäherung? Eine verdammt dünne Haut.

Der Ort der dritten Annäherung ist erneut das Weiße Haus. Dort empfängt Bush, einen Tag nach seinem Truppenbesuch, zwölf irakische Oppositionelle. Im „Roosevelt Room“ erzählen sie dem Präsidenten von Folter und Misshandlung. Zainab Suwaij, der Direktor der „American Islamic Conference“ schildert die Praktiken in einem Gefängnis der Stadt Kerbela. Dort gebe es Säurebäder für die Gefangenen und einen Extra-Raum für Vergewaltigungen. Rahman Jebouri, ein irakischer Schriftsteller, zeigt die Narben von ausgedrückten Zigarettenstummeln auf seinem Handrücken. Das sei die Strafe für seine Bücher gewesen. „Eines nicht allzu fernen Tages werden Sie alle in Ihr Land reisen und sich in einer freien Gesellschaft bewegen können“, verspricht Bush. Dieser Krieg ist seine Mission.

Es ist ein dickfelliger und dünnhäutiger, moralischer und missionarischer, selbstbewusster und gelassener, sturer und arroganter Präsident. Als Oberbefehlshaber im Krieg ist er eigentlich ungeeignet. Vor dem Dienst in Vietnam hat er sich gedrückt, sein asketisch-disziplinierter Lebenswandel hat nichts mit dem teils ungezügelten Soldaten-Dasein zu tun, im Präsidentschaftswahlkampf lästerte er über die allzu ausgedehnten außenpolitischen Ambitionen der Clinton-Regierung, in seinen Reden ist er selten mitreißend, meistens dröge. Seine letzte Pressekonferenz, kurz vor dem Kriege, war ein Debakel. Wie unter Drogen hatte Bush gewirkt. Er sprach schleppend, suchte nach Worten, formulierte denselben Gedanken ein ums andere Mal.

Und trotzdem: Kaum ein US-Präsident war je so unangefochten, kaum einer hat in so kurzer Zeit so viel erreicht, kaum einer konnte sich jemals derart lange in sensationellen Umfragewerten sonnen. Drei Viertel der Amerikaner befürworten den Krieg, 71 Prozent sind mit der Amtsführung von Bush zufrieden. Derweil zerfleischen sich die oppositionellen Demokraten selbst. Nur einer von fast einem Dutzend Präsidentschaftskandidatenanwärter, Howard Dean aus Vermont, verurteilt den Krieg. Damit mobilisiert er eine starke linke Basis. Alle anderen prominenten Demokraten dagegen unterstützen Bush. Der Spagat, sich von der Mehrheit der Amerikaner nicht zu entfernen und gleichzeitig die Friedensbewegung bei Laune zu halten, zerreißt sie. Schadenfroh sehen die Republikaner dem Schauspiel zu.

Ihr Held, der Präsident, wirkt übermächtig im Vergleich. Denn Bush kommt an bei seinen Landsleuten. Er hat sich den Ruf erworben, ein Anpacker zu sein, hartnäckig und von Stimmungen unbeeindruckt, seine Ziele zu verfolgen. Eines nach dem anderen, ganz systematisch. Und was hat er nicht alles erreicht! Ein gigantisches Steuererleichterungspaket in Höhe von 1,4 Billionen Dollar durchgedrückt. Den Afghanistan-Krieg begonnen und gewonnen. Bei den Kongresswahlen für seine Partei in beiden Häusern die Mehrheit erkämpft. Ein überwältigend hohes Mandat des Parlaments für den Irak-Krieg erhalten. Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg. Wer will diesen US-Präsidenten zügeln?

Bush hat eine Agenda, die er rücksichtslos verfolgt. Das honorieren die Amerikaner. Etwas Verlässliches, Berechenbares liegt in seiner Politik. Selbst Drastisches, wie der Irak-Krieg, reflektiert bloß die psychischen Eruptionen, die der 11.September verursacht hatte. Diese Seite an Bush wird in Europa nur selten gesehen. Dort gilt er als religiös motivierter Eiferer, als Marionette an den Strippen einflussreicher Kräfte, als Söhnchen, der das Werk des Vaters vollenden will. Doch solche Erklärungen erklären nichts, sondern werfen nur neue Rätsel auf. Warum folgt die Mehrheit der aufgeklärten Amerikaner den verrückten Ideen eines Missionars? Warum ist Bush im vergangenen September zur Uno gegangen, obwohl Vizepräsident Dick Cheney, sein mächtigster Strippenzieher, das vehement abgelehnt hatte?

Bleibt die Rolle des Vaters, Bush Senior. Lebt der Junior mit dem zweiten Golfkrieg nicht lediglich einen Ödipus-Komplex aus? Beide telefonieren oft in diesen Tagen. Doch der Junior-Krieg ist fast das Gegenteil des Senior-Krieges. Damals gab es mit dem irakischen Überfall auf Kuwait eine Völkerrechtsverletzung, dann ein Mandat des UN-Sicherheitsrates, gefolgt von einer großen militärischen Koalition. Es war ein guter Krieg. Diesmal gibt es weder einen unmittelbaren Anlass noch ein UN-Mandat, die Koalition besteht im Wesentlichen aus den USA und Großbritannien. Es ist der erste Präventivkrieg, den Amerika führt. Er folgt keinem verbrieften Recht, sondern der neuen Strategie der letzten verbliebenen Supermacht, die am 11. September 2001 in ihren Grundfesten erschüttert worden war. Den Amerikanern reicht das als Begründung. In den Augen der Weltöffentlichkeit ist es ein schlechter Krieg.

Kriege entscheiden über das Schicksal von Präsidenten. Sie bedeuten Ruhm oder Ruin. George Washington erkämpfte die Unabhängigkeit, Abraham Lincoln bezwang den aufständischen Süden, Franklin Roosevelt triumphierte über Hitler. Lyndon Johnson dagegen, auch er ein Texaner, scheiterte an Vietnam. Er vertiefte sich in jedes Detail, suchte eigenhändig die Bombenziele aus, im Weißen Haus stand ein Miniaturschlachtfeld, auf dem er Brigaden herumschob. Jimmy Carter tauchte während der Geiselkrise im Iran schlichtweg ab. Johnson wirkte besessen, Carter feige. Bush Senior wiederum gewann zwar glorreich den Golfkrieg, unterlag aber wenig später gegen den Sunnyboy aus Arkansas, Bill Clinton.

Hoch gepokert

Für eine Prognose, als was Bush Junior in die amerikanische Geschichte eingeht, ist es zu früh. Sicher ist nur: Erinnern wird man sich. Ob Ruhm oder Ruin, Held oder Idiot: Halbheiten sind seine Sache nicht. Dafür hat Bush zu hoch gepokert. Er hat die Verbündeten verprellt, die Nato gespalten, die EU entzweit, die Uno umgangen. Er hat einen riesigen Haushaltsüberschuss in ein noch gigantischeres Defizit verwandelt. Hinzu kommen astronomische Kosten für die Besetzung und den Wiederaufbau des Irak. Der ideologische Richtungsstreit in seiner Administration – Rumsfeld gegen Außenminister Colin Powell – könnte bald eskalieren. Sollte es zum offenen Krach kommen, die Wirtschaft in eine Rezession schlittern und der Nahe Osten unbefriedet bleiben, wäre Bush widerlegt, das Kalkül nicht aufgegangen. Plötzlich würden die Wähler der Kosten des Radikalkurses gewahr.

Es könnte aber auch anders kommen: Wenn der Krieg vorbei ist, kommen die Iraker zu Wort. Sie berichten von Folter, Not und Elend unter Saddam Hussein. Sie danken den Amerikanern. Ihr Dank düpiert die kriegswiderständigen Europäer. Labors für Biowaffen werden entdeckt. Der Ölpreis sinkt. Durch Kriegsende und Steuererleichterung läuft gegen Ende des Jahres die Wirtschaft wieder an. Neue Arbeitsplätze entstehen. Das wäre genau rechtzeitig für die heiße Phase des Wahlkampfs. Derweil sind die Regierungen von Syrien, Nordkorea und Iran kleinlaut geworden. Amerikas Härte hat sie beeindruckt. Dann, ja dann wäre Bush ein ganz Großer, einer wie Ronald Reagan, den die Amerikaner – ebenfalls zur Verwunderung aller Nicht-Amerikaner – immer noch als ihren größten Präsidenten verehren.

Die vierte Annäherung an Bush findet in Camp David statt, kurz bevor er Tony Blair besucht. Es ist bereits das zweite Wochenende, das Bush während des Krieges in dieser Abgeschiedenheit verbringt. Sein Tag beginnt früh, mit Beten, Lesen, Joggen. Kurz nach acht Uhr telefoniert er mit Vladimir Putin, anschließend mit Jose Maria Aznar. Um 8 Uhr 50 tagt das Kriegskabinett. Im Irak läuft alles nach Plan, keine Besonderheiten, die ersten US-Truppen rollen in Bagdad ein. Nach 25 Minuten ist die Sitzung beendet. Am Abend sieht sich Bush im Fernsehen das Halbfinalspiel der College-Basketballer an. Der Mannschaft der „University of Texas“ drückt er beide Daumen. Zweifel plagen ihn keine.

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