Zeitung Heute : Kurzmeldungen

Auf Rosen schlafen, im Kuhstall trainieren: Das Phänomen Heuschnupfen beschäftigt Forscher seit Jahrhunderten. Nicht nur die genetische Veranlagung, sondern auch die „Erziehung“ des Immunsystems hat Einfluss. Ab ins Heu

Adelheid Müller-Lissner

Das saisonale Niesen und Schniefen sei eigentlich eine Krankheit der Aristokraten, befand Mitte des 19. Jahrhunderts der New Yorker Neurologe George Miller Beard. Dass es besonders viele Angehörige der „gehobenen Kreise“ dazu zwang, ihre Batist-Taschentüchlein zu zücken, erklärte der Mediziner mit einer „erhöhten Empfindlichkeit des Nervensystems“, die Vornehme anfällig mache für die „unruhige Lebensweise“ der Moderne.

Vornehm allein reicht nicht

In der Zugehörigkeit zur Upperclass lag aber nicht die ganze Erklärung: Beards Kollegen hatten für das Leiden die volkstümliche Bezeichnung „Heufieber“ übernommen. Dass Pflanzen mit dem saisonalen Leiden in Verbindung stehen, hatte schon weit früher, um das Jahr 900 herum, ein persischer Gelehrter mit der feineren Wortschöpfung „Rosenschnupfen“ veranschaulicht. Der italienische Humanist Valerianus erwähnte in seinen Schriften das frühsommerliche „Rosenfieber“, nicht ohne zu betonen, dass auch starke, männliche Krieger ihm zum Opfer fallen können.

In den Rang einer ernst zu nehmenden Erkrankung stieg das Phänomen jedoch erst auf, als der englische Arzt John Bostock im Jahr 1819 der altehrwürdigen „Royal Medical Society“ von seinem eigenen Leiden berichtete. Seine präzise Darstellung der Symptome des „Sommer-Katarrhs“ – Niesreiz, Naselaufen, Augenrötung und -jucken – gilt heute als Meilenstein in der Erforschung des Heuschnupfens. Bis Pollen als dessen Auslöser dingfest gemacht werden konnten, vergingen aber noch einmal Jahrzehnte.

Etwa 15 Prozent der Deutschen haben Heuschnupfen, die Rhinitis – Rhinokonjunktivitis genannt, wenn zugleich die Augen betroffen sind – ist die häufigste aller allergischen Erkrankungen. Die meisten leiden saisonal darunter, wer etwa auf Milben mit Niesreiz reagiert, ist aber ganzjährig (perennial) geplagt. Auch nachdem Eiweiße auf der Oberfläche der Pollen identifiziert sind, auf die das Immunsystem überschießend reagiert, ist noch längst nicht klar, warum es das bei einigen Menschen tut, bei anderen nicht. Unbestreitbar spielen die Gene eine Rolle: Sind beide Eltern Allergiker, dann liegt das Risiko des Kindes bei etwa 60 Prozent. Inzwischen sind mehrere Genorte identifiziert, die für Überreaktionen des Immunsystems auf eigentlich harmlose Fremdkörper prädestinieren.

Über den Wipfeln ist Ruh

Nur wer die kritische Zeit oberhalb der Baumgrenze im Hochgebirge verbringt oder seine Reisepläne minutiös nach dem aktuellen Pollenflugkalender richtet, kann den Allergenen entfliehen. Die Flucht ist nur denen anzuraten, die schon unter allergischer Rhinitis leiden. Vor dem Ausbruch des Heuschnupfens scheint – passend zur „Aristokratentheorie“ – eine Kindheit im Heu eher zu schützen.

Ausgerechnet das Risiko von Bauernkindern, so das Aufsehen erregende Untersuchungsergebnis der Münchner Allergie-Forscherin Erika von Mutius, ist gegenüber ihren Altersgenossen auf ein Drittel reduziert. Der frühe Kontakt mit Stalltieren hat eine schützende Wirkung, so vermutet man heute. Trainingslager Bauernhof: Wahrscheinlich zwingt das Landleben das körpereigene Abwehrsystem zur Auseinandersetzung mit Keimen und Parasiten. Noch wird nach den maßgeblichen Mikroben im Mist gesucht wie nach der sprichwörtlichen Stecknadel im Heuhaufen. Man weiß jedoch, dass in den ersten Lebensjahren über die Art der Spezialisierung des Immunssystems entschieden wird. Immunglobuline vom Typ E (IgE) jedenfalls, wie sie sich bei Allergikern in höherer Konzentration messen lassen, werden verstärkt gebildet, wenn die körpereigene Abwehr nur schwach gegen Viren und Bakterien in Stellung gebracht werden muss.

Dazu passt die „Kinderkrippen-Hypothese“. Mit ihr versuchen Allergie-Forscher das Nach-Wende-Phänomen zu erklären. Im Vergleich zum Jahr 1991 haben in Leipzig heute doppelt so viele Schulkinder Heuschnupfen. Von klein auf mit vielen Kindern aufzuwachsen, schützt wahrscheinlich davor, eine saisonale Rhinitis zu entwickeln. Dafür spricht auch die Tatsache, dass jüngere Geschwister seltener erkranken als Älteste. Heuschnupfen ist dieser Theorie zufolge der Preis, den Kinder mit entsprechender Veranlagung für das Schrumpfen der Familiengröße in ganz Deutschland und die Veränderung der frühkindlichen Betreuung in den neuen Ländern bezahlen. Er ist hoch, auch wenn die Symptome des Heuschnupfens zunächst banal erscheinen mögen. 40 Prozent der Betroffenen zeigen eine erhöhte Empfindlichkeit der Bronchien, jeder dritte Heuschnupfen-Patient entwickelt später ein allergisches Asthma.

Foto: Superbild

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