Zeitung Heute : Kurzmeldungen

Daniel Erk Esther Kogelboom

Von Daniel Erk und

Esther Kogelboom

Irena Medavoy ist eine prototypische Bewohnerin der Hollywood Hills. Die 44-Jährige ist verheiratet mit einem erfolgreichen Filmproduzenten, liebt Galas und die Shopping-Meile Rodeo Drive. Sie hat viel Zeit für ihr Spiegelbild – und für Arnie. Arnie, auch bekannt als Dr. Arnold Klein, ist einer der prominentesten Prominenten-Ärzte Hollywoods. Sein Fachgebiet: Dermatologie, die Lehre von den Hautkrankheiten. Arnie Klein verhalf Mrs. Medavoy zu einem jüngeren Aussehen. Er ließ die vertikale Zornesfalte zwischen ihren Brauen verschwinden, die Krähenfüße zauberte er einfach weg. Ihr Gesicht wurde glatt wie ein Babypopo. Alles mit Botulinumtoxin.

„Botox“, so der Handelsname eines Herstellers des beliebten Nervengiftes, steht inzwischen in immer mehr ärztlichen Giftschränken, scheint es doch bestens geeignet für die Entfaltung von immer mehr Patienten. 4,9 Millionen Amerikaner ließen sich 2002 mit dem Nervengift zwecks Schönheitskorrektur behandeln. Teuer ist das (ab 350 Euro pro Behandlung), aber unblutig. Doch jetzt hat sich das Blatt gewendet. Erstmals klagt jemand gegen einen der Botulinumtoxin-Produzenten, die US-Firma „Allergan“, und gegen Arnie Klein. Und das ist ausgerechnet Kleins Vorzeigepatientin Irena Medavoy.

Der Prozess beginnt im Juni

Mrs. Medavoy litt nämlich nicht nur unter ihren Falten, sondern auch unter hartnäckiger Migräne. Also soll Arnie Klein, auf dessen Patientenliste angeblich auch Elisabeth Taylor und Michael Jackson stehen, die Dosis auf bis zu 73 Einheiten pro Sitzung erhöht haben. Botox hilft auch gegen Kopfschmerzen, das ist erwiesen. Doch Irena Medavoy ging es plötzlich richtig schlecht – die Migräne-Attacken kamen angeblich öfter als sonst, sie klagte über grippeähnliche Symptome und musste das Bett hüten. Außerdem sei die Anwendung von Botox gegen Migräne in den USA noch nicht von der zuständigen Behörde freigegeben, berichtet das Magazin „Vanity Fair“ in seiner aktuellen Ausgabe. Klein habe sie nicht umfassend über Risiken und Nebenwirkungen informiert, behauptet die schöne Mrs. Medovay. Der Prozess Medovay vs. Klein beginnt im Juni.

Von diesem Prozess hat Horst Sander, der Sekretär der Deutschen Gesellschaft für ästhetisch-plastische Chirurgie, noch nie etwas gehört. „Ich gehe sehr sorgsam mit dem Gift um“, sagt Sander, der seit zwei Jahren Botulinumtoxin zur Faltenglättung verwendet und sich selbst bei einer Schulung hat behandeln lassen. „Bei Stirnfalten genügen etwa fünf kleine, senkrechte Stiche.“ Das Injizieren des stark verdünnten Giftes habe keinerlei Nebenwirkungen für den Organismus, das Mittel werde ausschließlich lokal gespritzt.

Die „Hollywood Mask“

Auch der Schauspieler Mickey Rourke soll sich mit dem Botulinumtoxin behandelt haben lassen, berichtet der Nachrichtensender „Sky News“. Ernsthafte Nebenwirkungen traten bei ihm offenbar keine auf – bis auf die „Hollywood Mask“. So nennen es die Klatschkolumnisten spöttisch, wenn das Gesicht eines Patienten wie eingefroren erscheint. Nach einer „Botox“-Sitzung kann es vorkommen, dass ein Lid schlapp herunterhängt und ein freundliches Lächeln mit Augenzwinkern unmöglich macht. Im Zweifel ist das nicht weiter schlimm, weil die Wirkung des Giftes spätestens nach sechs Monaten nachlässt und die Gesichtszüge von selbst wiederhergestellt werden. Doch gerade Schauspieler, die frisch aussehen müssen, sollen in der Lage sein, Zorn und Zärtlichkeit durch expressive Mimik auszudrücken. Mickey Rourke könne das nicht mehr, sagte der britische Casting-Direktor Jeremy Zimmerman der britischen Zeitung „The Guardian“. Das soll den Schauspieler, der noch 1985 in „9 1/2 Wochen“ an der Seite von Demi Moore den Superlover gab, eine imageträchtige Rolle gekostet haben. „Er wäre perfekt gewesen für den Part, aber er sieht seltsam aus – so ausdruckslos.“

Trotzdem sind viele Patienten überzeugte Wiederholungstäter. Der Chef der Potsdamer Klinik Sanssouci, Michael Krüger, gibt an, im vergangenen Jahr rund 500 Menschen das Toxin injiziert zu haben. Der plastische Chirurg ist begeistert von der „unkomplizierten“, reversiblen Methode. Im Gegensatz zu einer Operation ist man nach einer Botox-Behandlung nicht für Familie und Kollegenkreis unmittelbar sichtbar verändert, sondern wirke wie frisch aus den Ferien zurückgekehrt: erholt und friedlich, weniger griesgrämig. Wenn nichts schief geht.

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