Zeitung Heute : Kurzmeldungen

„Das kann gar nicht wahr sein“, sagte Frau Möllemann, als sie vom Tod ihres Mannes erfuhr. Hans Varnhagen, ein Freund aus der FDP, war bei ihr. Er kann wie viele Münsteraner nicht recht glauben, dass Jürgen Möllemann sich das Leben genommen haben soll. Eine Stadt trauert. Warum hat er das getan?

Christina Sticht[Münster]

Hans Varnhagen begreift noch nicht, was geschehen ist, dabei ist er gerade vom Flugplatz Marl-Loemühle zurückgekehrt. Dorthin hat er Jürgen Möllemanns Ehefrau begleitet. Sie wollte ihren Mann unbedingt noch mal sehen, ließ sich dann aber von ihrem Schwager überzeugen, es besser nicht zu tun. Nun steht Varnhagen, Dachdeckermeister und FDP-Ratsherr, im Coesfeldweg in Münsters Ortsteil Gievenbeck. Eine ehedem schicke 70er-Jahre-Flachdachsiedlung, weißer Klinker. Die Zufahrt zu Möllemanns Bungalow blockiert ein Polizeiwagen. Varnhagen trägt ein rotes Poloshirt. Sein Gesicht sieht zerknittert aus, die Augen sind wässrig, doch er bewahrt Haltung. So wie es sein Freund Jürgen Möllemann immer tat.

„Viele haben seine Kraft bewundert, wie er das alles durchsteht“, sagt Varnhagen mit fester Stimme. „Unter seiner sehr harten Schale steckt ein sehr weicher Kern.“ Der 59-Jährige spricht in der Gegenwartsform von Möllemann. Er ist noch nicht bereit, Abschied zu nehmen von diesem lebendigen Mann, mit dem er so viel Spaß hatte. Carola Möllemann-Appelhoff ist wie Varnhagen im Stadtrat von Münster. Wenn ihr Mann in der Stadt war, verabredeten sie sich nach den Sitzungen oft, um zu dritt ein Bier zu trinken. Man stand dann auf dem Prinzipalmarkt, und Möllemann grüßte beinahe jeden, der vorbeikam.

Nachdem er die Nachricht im Radio gehört hatte, rief Varnhagen gegen 13 Uhr 30 bei Carola Möllemann an. Die Polizei und die Staatsanwaltschaft, die wegen der Razzia im Haus waren, hatten sie gerade vom Tod ihres Mannes unterrichtet.

„Die Informationspolitik der Polizei war katastrophal“, schimpft Varnhagen. Frau Möllemann habe die Nachricht vom Tod ihres Mannes später erhalten als die Medien. Die jüngste Tochter erfuhr die Nachricht sogar von einem Journalisten, der sie auf dem Handy anrief, und fragte, was sie denn zum Absturz ihres Vaters sagen könne.

„Ein sehr feiner Mensch“

„Das kann gar nicht wahr sein“, habe Frau Möllemann im Auto immer wieder gesagt, während das flache Münsterland an ihnen vorbeiflog. Die 60-Kilometer-Fahrt war eine der schlimmsten, die er je erlebt hat, sagt Varnhagen. Sie konnten es beide nicht fassen. Am Abend zuvor hatte Möllemann noch Anekdoten an der Theke seiner Gievenbecker Stammkneipe „Zum Rüschhaus“ erzählt. Vor dem Zubettgehen schaute er sich mit seiner Frau die Harald-Schmidt-Show an. Hans Varnhagen zündet sich eine Zigarette an. „Warum sprechen alle von Selbstmord?“, fragt er müde. Er glaube nicht an Selbstmord und Frau Möllemann auch nicht. Nichts habe darauf hingedeutet.

In Münster fällt es den Menschen schwer zu glauben, dass dieser energiegeladene Mann seinem Leben freiwillig ein Ende gesetzt haben soll. An diesem Tag spricht man nicht über den Politiker, sondern über den Menschen Möllemann. Und das mit Hochachtung. „Er war ein sehr feiner Mensch“, lobt Karl Jorczyck, Möbelspediteur in Rente. Jorczyck ist an diesem Abend noch mal ins „Rüschhaus“ gefahren, wo er eigentlich nicht mehr so häufig verkehrt, wie er sagt. Aber hier, an dieser dunklen Eichentheke, hat er einst mit Jürgen Möllemann geknobelt. Da habe ihm der Politiker auch etwas anvertraut, sagt Jorczyck: „Hätte er gewusst, was die Politiker heute so alles anstellen, wäre er nach der Chip-Affäre nicht in die Politik zurückgekehrt.“

Jorczyck lässt auf den berühmtesten Bewohner Gievenbecks nichts kommen. Schließlich hat der ein Freundschaftsspiel von Schalke 04 mit dem FC Gievenbeck organisiert, direkt nachdem Schalke den Uefa-Cup gewonnen hatte. Gorbatschow, Genscher und Beckenbauer folgten Möllemanns Ruf in die rustikale Gaststätte mit den Häkelgardinen, wo es Thekenschnitzel für 4 Euro 50 gibt. Die Wirtin will dazu nichts sagen. Sie war eben erst in Tränen ausgebrochen, als ein Fernseh-Reporter sie interviewen wollte. „Er war ein sehr angesehener Gast“, sagt sie nur und zapft weiter Pils, während im Hintergrund die Dire Straits dudeln: „Baby I see this world has made you sad. Why worry…“

Dann schweigen die vier Männer an der Theke in ihr Pils. Vielleicht erinnern sie sich an das letzte Schützenfest, bei dem Jürgen Möllemann in Uniform mitmarschierte und sogar auf den Vogel zielte. Oder an seine Auftritte im Karneval vor dem Tennengericht, eine Münsterische Tradition, wo er Guido Westerwelle verteidigen musste. Im Historischen Rathaus in Münster, in dem der Westfälische Friede geschlossen wurde, lag am Freitag ein Kondolenzbuch aus. Darin werden sich auch die Männer eintragen, die an der Theke im „Rüschhaus“ mit Möllemann geknobelt und diskutiert hatten. Er war eben einer von ihnen. Und jetzt ist er tot.

An dem Ort, wo er starb, steht am Donnerstagabend noch immer dieses weiße Zelt, das von weitem an eine Gartenparty erinnert. Die Polizei entfernt das Absperrband, eine Karawane von Journalisten macht sich auf, um die Unglücksstelle zu filmen und zu fotografieren. Es ist ruhig auf dem Flugplatz Marl-Loemühle, und es riecht ein bisschen nach Bauernhof. Ein Entenpaar fliegt über die Landebahn. An anderen Tagen könnte man diese Stille idyllisch nennen, an diesem Tag ist sie unheimlich. Die Menschen, die sich die Formation der Fallschirmspringer anschauen wollten, sind nach Haus gegangen. Der Biergarten und der Kinderspielplatz am Flugplatz-Restaurant sind verwaist. Am Freitag haben Möllemann-Anhänger vor dem Fallschirm-Landeplatz ein Schild aufgestellt. Es trägt die Aufschrift „Möllemann, warum? Wir trauern.“ Ein kleines Foto des berühmten Schnauzbartträgers zeigt Möllemann lächelnd. Die sieben roten Rosen daneben verwelken in der Sonne.

Ein paar Schaulustige stehen an der Straße neben dem Flugplatz. „Der hat sich bestimmt umgebracht und wollte einen Unfall vortäuschen“, mutmaßt ein älterer Mann in kurzer Hose, der sich auf sein Fahrrad stützt. „Ist doch klar, wegen der Lebensversicherung!“

Für viele Menschen ist der Selbstmord schon eine Tatsache. Dabei ist die Untersuchung des Unglücks noch nicht abgeschlossen. Nach Auskunft des Essener Oberstaatsanwalt Wolfgang Reinicke wird weiterhin „in alle Richtungen“ ermittelt. Allerdings sagte die Polizei in Recklinghausen am Freitag, es hätten sich keine Anhaltspunkte für eine Fremdmanipulation am Schirmsystem ergeben. Augenzeugen des Absturzes hatten berichtet, dass Möllemann in etwas über 1000 Metern Höhe den Hauptschirm abgehängt habe, ohne den Reserveschirm zu ziehen. Ein Fallschirmspringer vom Marler Verein, der am Boden stand, schätzte dies als „sicheren Selbstmord“ ein. Am Abend will kein Springer mehr etwas sagen. „Recherchieren Sie doch selber“, blafft einer die Journalisten an, als sie nach der Funktionsweise des Schirms fragen. Es scheint, als hätten die Fallschirmspringer Angst, dass durch Möllemanns Absturz ihr Sport in Verruf kommt. Vor allem sind sie aber nervlich am Ende. Der Aufprall soll einen Kilometer weit zu hören gewesen sein.

Armin Schwarzer ist froh, dass er an diesem Tag nicht dabei war. Gleichzeitig ist er traurig, denn vielleicht wäre Möllemann nicht in den Tod gesprungen, wenn er dabei gewesen wäre. Vielleicht hätte er ihm das nicht antun wollen. Aber er konnte nicht springen, er hatte sich an der Schulter verletzt. Armin Schwarzer ist Jürgen Möllemanns Fallschirmlehrer und Leiter des Teams „JWM“, knapp 300 Mal ist er mit dem FDP-Politiker aus dem Flugzeug gesprungen, über der Trabrennbahn Mönchengladbach, im Gelsenkirchener Parkstadion, an den Stränden von Gran Canaria, Nord- und Ostsee. Immer sind sie heil gelandet. „Als Fallschirmspringer sage ich, es muss Selbstmord gewesen sein“, sagt Schwarzer. „Aber es ist für mich unfassbar. Es passt nicht zu ihm.“ Schwarzer hat in der Nacht zu Freitag lange wachgelegen und nachgedacht. Über seinen Sportfreund, der immer als Letzter sprang und den Schirm recht früh zog. „Sicherheit geht vor“, war Möllemanns Wahlspruch, wenn er mit 18 Springern für das Projekt 18 unterwegs war. Deshalb kehrten sie oft mit dem Flugzeug um, wenn der Wind etwas zu stark war, auch wenn unten 1000 Leute auf „Möllis“ großen Auftritt warteten. „Es muss eine Kurzschlusshandlung im Affekt gewesen sein“, vermutet Schwarzer. Im Gegensatz zu anderen Springern sei er nicht wütend, dass Möllemann seinen Sport dazu benutzt habe. „Wenn man so verzweifelt ist, hat man das Recht zu allem.“

Die Vorwürfe des Lehrers

Traurig ist Schwarzer nur, dass Möllemann ihn nicht mehr angerufen hat. Vor 14 Tagen haben sie sich zuletzt gesehen, da hat Möllemann auf dem Flugplatz seines Clubs im westfälischen Sendenhorst vorbeigeschaut. Eine Zeit lang war er nicht gesprungen, wegen der Herzprobleme. Der Fallschirmlehrer sprach Möllemann auf seine neue Partei an. Welche Farben er denn plane, wegen der neuen Schirme, und ob er schon eine Tour organisieren solle. Möllemann lächelte nur spöttisch und zwinkerte. Dann sagte er, dass es unwahrscheinlich schwer sei, die Partei zu gründen und Menschen zu gewinnen, die mitgehen. Schwarzer macht sich jetzt Vorwürfe, dass er das nicht als Hinweis auf Möllemanns Verzweiflung gedeutet hat. „Aber er hatte Pläne für die Zukunft“, sagt er. An einem anderen Tag verkündete Möllemann, er werde ein zweites Buch veröffentlichen, in dem er die neue Partei beschreibt. Schwarzer hofft irgendwie noch, dass alles nur ein böser Traum ist. Wenn einige Zeit vergangen ist, will er Frau Möllemann fragen, ob das Team weiter in Blau-Gelb springen dürfe. Mit den Schirmen, auf denen „JWM“ steht.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben