Zeitung Heute : Kurzmeldungen

Die Männer waren auf dem Weg nach Hause. Jetzt sind vier von ihnen tot. Die Militäraktion in der afghanischen Hauptstadt ist gefährlich und technisch aufwändig. Aber werden die Soldaten ausreichend geschützt? „Das wussten wir von Anfang an“

Antje Sirleschtov

ANSCHLAG AUF DEUTSCHE SOLDATEN IN KABUL

Das Pfingstwochenende sollte für die 30 deutschen Soldaten der Internationalen Schutztruppe in Afghanistan (Isaf) eigentlich ein ganz besonderes werden. Sie waren auf dem Weg in die Heimat – nach Deutschland. Doch als sie in zwei Reisebussen am frühen Sonnabendmorgen auf der DschalalabadStraße aus ihrem Hauptquartier kommend in Richtung Kabuler Innenstadt fuhren, wurden sie zum Opfer eines gezielten Attentats. Ein mit Sprengstoff präpariertes Auto rammte einen der Busse. Vier deutsche Soldaten überlebten den Anschlag nicht. 29 Verletzte wurden in ein Lazarett gebracht. Verteidigungsminister Struck wird später von sieben Schwerverletzten berichten.

Gesandt wurden die rund 4800 Schutzsoldaten der Isaf – darunter 2500 aus Deutschland – nach der im Dezember 2001 vom UN-Sicherheitsrat verabschiedeten Resolution 1386, um nach der Vertreibung des Taliban-Regimes Sicherheit und Ordnung in der afghanischen Hauptstadt Kabul zu sichern. Die Soldaten helfen außerdem im humanitären Bereich. Der Einsatz war ursprünglich auf sechs Monate befristet. Inzwischen hat der Sicherheitsrat das Mandat der Truppe allerdings bis zum Dezember diesen Jahres ausgedehnt. Deutschland gehört seit Gründung der Isaf zu den wichtigsten Unterstützern der Schutztruppe. Seit Februar haben Deutschland und die Niederlande die Führung inne.

Wie gefährlich der Einsatz der Soldaten ist, ist der Truppe und auch den Politikern seit langem bewusst. Immer wieder gab es Anzeichen dafür, dass sich terroristische Zellen des ehemaligen Taliban-Regimes zusammenschließen und für Unruhe im Land sorgen. Die Übergriffen hatten erst harmloseren Charakter, wie etwa Steinwürfe während eines Fußballspieles im vergangenen Jahr. Doch in letzter Zeit kam es auch zu Schusswechseln und Granateinsätzen gegen die Truppe. Vor dem Hintergrund des aktuellen Attentats hat nun auch die Diskussion um zusätzliche Schutzmaßnahmen für die Isaf wieder begonnen. Der Vorsitzende des Deutschen Bundeswehrverbands, Bernhard Gertz, fordert bereits einen Abzug der Friedenstruppe. „Afghanistan ist ein Pulverfass. Die Kämpfer von Taliban und Al Qaida sammeln sich und werden stärker. Die Wahrscheinlichkeit von Anschlägen wächst“, sagte Gertz. Doch zu einem solchen Schritt wollen sich die Verteidigungsexperten des Bundestags wohl nicht entschließen. „Rückkehr ist kein Ausweg“, sagte der verteidigungspolitische Sprecher der Union, Christian Schmidt, dem Tagesspiegel am Sonntag. Schmidt erinnert genauso wie Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) an den internationalen Auftrag der Soldaten und die weiterhin bestehende Notwendigkeit der Sicherung des Friedensprozesses in Afghanistan. Dennoch gibt Schmidt zu bedenken, dass über die Sicherheit der Soldaten nun weit ernster nachgedacht werden müsse als bislang. Es könne nicht angehen, dass die Soldaten ungeschützt in Bussen unterwegs sind, meint er. Auch die Entsendung von Leopard-Panzern nach Kabul sei zu diskutieren.

Sein wichtigstes Anliegen jedoch: Die Erweiterung des Einsatz auf Regionen außerhalb Kabuls müsse vorerst gestoppt werden und dürfe erst nach einer umfassenden Sicherheitsanalyse weiter verfolgt werden. Doch dazu wird es nicht kommen. Der Verteidigungsminister will das so genannte Erkundungsteam der Bundeswehr, das die Fraktionsvorsitzenden der Parteien im Bundestag erst am Donnerstag per Beschluss in das rund 600 Kilometer von Kabul entfernte Herat geschickt hatten, pünktlich entsenden. Denn die Soldaten sollten eine Ausweitung des Einsatzes ab August prüfen.

Ob nur in Kabul oder in anderen Regionen, Fakt ist für die Bundeswehr: Totale Sicherheit kann es nicht geben. Selbst, wenn Soldaten in Zukunft nur noch in Panzern fahren würden, sagte Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan, „dann suchen sich die Attentäter eben Einzelpatrouillen“. Der Auftrag der Bundeswehr sei die Begleitung des demokratischen Aufbaus. Dabei seien Panzer und zu viel Abschottung der Soldaten ausgeschlossen. „Und das wussten wir von Anfang an.“

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