Zeitung Heute : Kurzmeldungen

Esther Kogelboom

Was macht die Macht mit den Politikern? Nach dem Tod von Jürgen Möllemann redet man plötzlich wieder über Selbstüberschätzung, Inszenierungswahn und Verzweiflung in der Politik. Über die Gefahren der Macht, über deren womöglich deformierenden Einfluss über die menschliche Psyche. „Politik und Macht. Das Ende war Verzweiflung“, schreibt Heribert Prantl in der „Süddeutschen Zeitung“. „Es ist wie in einem Shakespeareschen Drama.“ Und die von der Fotografin Herlinde Koelbl porträtierten Politiker, die sie für das Projekt „Spuren der Macht“ immer wieder besuchte und befragte, hat man noch vor Augen. Nicht einfach gealtert sind sie, sondern schmallippiger geworden, härter. Die „Spuren der Macht“ lassen sich aus den Gesichtern lesen.

Narzissmus und Macht

Jetzt wird Jürgen Möllemann zum Prototypen eines politisch Größenwahnsinnigen, Inszenierungssüchtigen erklärt. Möllemann fällt über seinen Tod hinaus – noch bevor endgültig geklärt es, ob es sich bei dem Absturz tatsächlich um Selbstmord handelte. „Nichts prägte sein Medien-Image so nachhaltig wie der famose Fallschirmabsprung, mit dem er 1970 zum ersten Mal als junger, lässig-langhaariger Landtagskandidat in den überregionalen Medien in Erscheinung getreten war“, schrieb der Psychologe Ronald Hitzler schon 1993 in der „Zeitschrift für Politische Psychologie“.

„Bilanzselbstmord“ nennen Psycholgen Möllemanns mutmaßliche Entscheidung, seinem Leben mit einer letzten Inszenierung ein Ende zu setzen. Für Hans-Jürgen Wirth, Psychoanalytiker und Autor des Buches „Narzissmus und Macht – Zur Psychoanalyse seelischer Störungen in der Politik“, ist der so genannte „Bilanzselbstmord“ ein für unter Machtentzug leidende Politiker fast typisches, weil nahe liegendes Phänomen. Er zieht die Parallele zum Fall des ehemaligen Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein, Uwe Barschel, der am 11. Oktober 1987 in der Badewanne seines Genfer Hotelzimmers tot aufgefunden wurde. „Barschel“, so Wirth, „hat einen regressiven Suizid vorgezogen, den Weg ins Wasser, das Einschlafen mit Hilfe von Medikamenten.“ Jürgen Möllemann habe sich dagegen offenbar für eine eher „männlich-brutale“ Variante entschieden.

Innere Ohnmacht

Jeremy „Mike“ Boorda war kein Politiker, sondern Chef der US-Navy. Er tötete sich 1996 mit einem gezielten Schuss in die Brust – dort hatten bis 1995 zwei Tapferkeitsmedaillen aus dem Vietnamkrieg geprangt, die dem Admiral jedoch gar nicht zustanden. Boorda, der ohnehin in verschiedene Affären verstrickt gewesen war, wollte sich an diesem Morgen eigentlich mit zwei „Newsweek“-Journalisten treffen und Fragen zu den unrechtmäßig getragenen Orden beantworten. Er hätte seine Fehler zugeben müssen. Als Jeremy Boorda, der aus einem zerrütteten Elternhaus stammte und drei Kinder zurückließ, noch Personalchef bei der Navy war, sagte er seinen Schützlingen laut „New York Times“: „Die Navy ersetzt mir den Alkohol. Ich möchte noch immer am liebsten nach Hause gehen – aber mit einer Uniform, die zeigt, dass ich es geschafft habe.“ Boorda litt offenbar unter dem übersteigerten Bedürfnis, sich ständig in den Mittelpunkt zu stellen. Und eines Tages begann er, sich mit fremden Federn zu schmücken – um seine Ehre zu retten.

Verdrängte Depression – das ist laut Hans-Jürgen Wirth ein Grund für übersteigerten Narzissmus, den er bei Jürgen Möllemann zu erkennen glaubt. „Gesunder“ Narzissmus sei in der Politik durchaus von Belang, erklärt er, ansonsten könne man sich im politischen Betrieb gar nicht erst eine Namen machen. Von „gesund“ spreche man tendenziell dann, wenn das Selbstwertgefühl in Balance zur Fremdwahrnehmung sei. Krankhafter Narzissmus sei dagegen nicht nur von einem starken destruktiven, sondern auch von einem selbstzerstörerischen Element gekennzeichnet. Menschen, die unter krankhaftem Narzissmus llitten, handelten nicht mehr aus inhaltlichen Beweggründen, sondern nur noch der Show wegen. „Manche, die gesellschaftliche Macht suchen, streben danach, innere Ohnmacht kompensieren“, so Wirth. „Innere Ohnmacht“ sei vor allem durch Kleinheitsgefühle und Minderwertigkeitskomplexe gekennzeichnet.

Kette von Kränkungen

Der Suizid-Forscher Armin Schmidtke von der Universität Würzburg spricht im Zusammenhang mit dem Tod des FDP-Politikers von dem „Ende einer langen Kette von Kränkungen“. – „Wenn einer narzisstisch so gekränkt ist, dass er jede Macht und Anerkennung verloren hat, wenn die Erniedrigung nicht mehr auszuhalten ist und er von allen zurückgestoßen wird, dann kann der Entschluss zum Selbstmord reifen“, sagt Schmidtke. Dass Möllemann am Abend vor seinem Tod Freunden gegenüber „locker“ aufgetreten sein soll, passt für Schmidtke perfekt in das Psychogramm „fast wie aus dem Lehrbuch“. – „Ist der Entschluss zum Freitod erst gefallen“, sagt er, „merkt man diesen Menschen nichts an, weil sie befreit und gelöst wirken.“ Der Psychologe nennt dieses Symptom die „Ruhe vor dem Sturm“. Einzig Menschen mit einem überdurchscnittlich guten sozialen Netz könnten Kränkungen einer übersteigerten Selbstliebe in dieser Kategorie verkraften.

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