Zeitung Heute : Kurzmeldungen

Ein Jahr mehr als die West-Kollegen hat Gudrun Krüger seit der Wende gearbeitet. Darum streikt die Gewerkschafterin. Andere haben mehr Angst. Beim Brandenburger BMW-Zuflieferer ist manch einer sogar für die 40-Stunden-Woche. Geht im Osten jetzt die Sonne unter?

Kerstin Decker

Eisenketten versperren die Tore zum Daimler-Chrysler-Werk in Ludwigsfelde. Eine moderne Schließtechnik ist das nicht. Aber wahrscheinlich sind das weniger Anti-Streikbrecher-Ketten, als symbolische Verschlüsse. Der Proletarier hat nichts zu verlieren als seine Ketten – steht so im Kommunistischen Manifest. Die vier Männer am Streikpostentisch vorm Daimler-Chrysler-Tor heben kaum den Blick. Kein Streikbrecher weit und breit. Und mit der Presse reden sie nicht, früher in der DDR nicht und jetzt auch nicht. Steht doch immer schon vorher fest, was am Ende rauskommt. Die Männer tragen ihre knallroten „Wir streiken“-Zellophanwesten wie Rüstungen. Hinter ihnen geht auf Plakaten die 35-Stunden-Ost-Arbeitssonne auf. Aber die Arbeitgeber tun so, als würden sie für 35 Stunden Sonne am Tag streiken. Oder geht die Sonne im Osten jetzt vielleicht schon wieder unter?

Gudrun Krüger steht ratlos neben dem Streikposten-Tisch. Irgendwie war es leichter, im Osten in der Gewerkschaft zu sein. Da haben alle in Ruhe ihren W 50 gebaut, den DDR-Einheits-LKW, streiken war verboten – wofür und wogegen hätte man auch streiken sollen? Gudrun Krüger hat damals Ferienplätze verteilt. Das Ferienplätze-Verteilen war die wichtigste Aufgabe der Gewerkschaft in der DDR. Streiks kannten sie nur aus den Geschichtsbüchern. Jetzt ist Gudrun Krüger Betriebsratsvorsitzende bei Daimler-Chrysler, und die Geschichtsbücher werden wahr, oder ist Streiken wirklich Geschichte und nur die Gewerkschaften – Eisenketten! – haben das noch nicht gemerkt? Es ist exakt der fünfte Streiktag in Gudrun Krügers ganzem Gewerkschaftsleben, und er fühlt sich noch immer fremd an. Ferienplatz-Verteilen ist doch eine viel harmonischere Tätigkeit. Doch ein seltsamer Stolz fährt jetzt in die gelernte Chemiefaserfacharbeiterin, spätere Montageschlosserin und Qualitätskontrolleurin Gudrun Krüger, er macht ihre Stimme spröder, den Blick härter.

Natürlich, sagt sie, sei dieser Streik richtig. Wenn sie für dieselbe Arbeit weniger Geld bekommen als ihre Westkollegen in den anderen Mercedes-Werken, muss da nicht jeder denken, sie seien unproduktiver als die? Und am Ende glaubt man das noch selber? Auf der einen Seite gibt es die Daimler-Chrysler-Arbeiter in Ludwigsfelde und, ein paar Kilometer weiter – auf der anderen Seite, die Daimler-Chrysler-Arbeiter in Marienfelde. Und nur weil bei das eine „- felde“ mit Ludwig und das andere mit Marie anfängt, hat Gudrun Krüger seit der Wende schon ein Jahr länger gearbeitet. Ein ganzes Jahr! Das ist der Unterschied zwischen einer 35-Stunden- und einer 38-Stunden-Woche, auf zwölf Nach-Wende-Jahre gerechnet. Im Blick der Betriebsratsvorsitzenden steht dieses ganze mehr gearbeitete Jahr. Man könnte ihr jetzt sagen, dass die Schweizer noch viel mehr arbeiten als die Ludwigsfelder, und die Engländer und die Amerikaner noch länger als die Schweizer. Aber früher in der DDR gab es eben keine Marienfelder. Da ging für alle die gleiche Sonne auf. Immer vierzig Stunden plus.

Geht es um Zeit, Geld oder Stolz?

Hinten am letzten Streiktisch sitzen Edgar Creuzberg und seine Kollegen. Sie haben immer noch den Blick, den viele DDR-Arbeiter hatten. Direkt, leicht herausfordernd und irgendwie unverwundbar. Vielleicht weil sie zu den Arbeitern im Osten gehören, die trotz Wende, trotz Massenentlassungen noch nie arbeitslos waren. Es gibt sie also doch, wir werden noch mehrere treffen: Offensichtlich sind sie es, die die Streikposten vor den Brandenburger Metallbetrieben stellen.

Seit 1965 arbeitet Edgar Creuzberg in Ludwigsfelde. Früher war er Testfahrer des W50. Er fuhr die ganze Woche mit dem LKW durch die Republik und am Ende der Woche schrieb er auf, was an seinem W 50 unterwegs kaputtgegangen ist. Heute arbeitet Creuzberg in der Logistik. Nein, dieser Streik kann nicht bloß eine Idee von Westfunktionären sein, wie viele glauben. Creuzberg und die anderen hier machen nicht den Eindruck, als würden sich zu etwas überreden lassen, was sie nicht selber wollen. Den „Vario“ bauen wir doch viel schneller zusammen als die vorher in Düsseldorf!, sagen sie. Vor ein paar Jahren wurde die „Vario“-Produktion nach Ludwigsfelde verlagert. Kann auch sein, dass es gar nicht um die drei Stunden in der Woche geht, auch nicht ums Geld. Es geht um etwas nicht Messbares. Es geht um den Stolz. Jeder bekommt in dieser Gesellschaft soviel, wie er wert ist. Creuzberg und seine Kollegen wissen, was sie wert sind. Sie möchten, dass es alle wissen. Auch den „Vaneo“ würden sie hier schneller zusammenbauen, als wir gucken können, sagen sie. Das Problem ist: Keiner verlangt das von ihnen. Absatzprobleme. Im Augenblick arbeiten Creuzberg und seine Kollegen keine 38 Stunden in der Woche. Sie schreiben Minusstunden.

Zweimal täglich fährt von Ludwigsfelde ein außerplanmäßiger Bus 70 km weiter nach Brandenburg: Das ist die Streikhilfe. Denn in Brandenburg ist das Streiken viel schwieriger als in Ludwigsfelde. Hier hängen keine Eisenketten vor den Werkstoren. Wie bei Prominentenempfängen führt eine abgesperrte Gasse nach drinnen. Nur dass neben den Gittern hier nicht die Fans warten, sondern die Kollegen. Die pfeifen auch, bloß aus anderen Gründen. Wer hier als Streikbrecher durchgeht, bekommt eine problematische Prominenz. Die Gasse hat die Werkleitung per einstweiliger Verfügung durchgesetzt. Immer noch besser, als die Arbeitswilligen mit dem Hubschrauber einzufliegen, wie in Sachsen. Im „ZF Getriebe“ haben sie keine Absatzprobleme. Die Getriebeproduktion für BMW läuft auf Hochtouren. Oder besser: sie könnte auf Hochtouren laufen. Ohne Streik.

Gerechtigkeit, ja, aber…

Es ist Nachmittag. Im Augenblick geht keiner durch die Gasse, weder rein noch raus. Auf der Streik-Bühne stehen die „Golmer Lausbuben“ mit einer neuen Sängerin und einem West-Gewerkschafter. Der West-Gewerkschafter ist zugleich Dichter, er dichtet „Wir füllen den Wannsee mit dem Blut der CDU“. Die Band soll das nachsingen. Die Sängerin, die noch im Osten singen gelernt hat, schaut den West-Gewerkschaftsdichter entsetzt an. Das „Solidarität für immer“ vorhin hatte sie leichter gesungen, das kannte sie schon aus der DDR. Und es klang so ungemein richtig. Und „Die Gewerkschaft macht euch frei“ wäre sogar unter Honecker möglich gewesen. Aber „Wir füllen den Wannsee…“? Der kampferfahrene Dichter nickt ermutigend, und die Blonde versucht durch besondere Melodik dem Text etwas Weiches, Poetisches zu geben. Publikum ist eigentlich nicht da, nur ein paar Streikende an den Tischen, die auch ohne Musik hier sitzen würden. Sie schauen peinlich berührt nach unten und tun so, als hörten sie nichts. Auch bei „Wir hängen den Friedrich Merz an den höchsten Baum der Welt“ kein Applaus. Irgendwie scheinen diese West-Gewerkschafter doch aus einer anderen Welt zu kommen, obwohl man schon froh ist, dass sie da sind. Müssen die denn unbedingt dichten?

Wilfried Ruhdorf schaut noch einmal auf seine Uhr. Seine Schicht hätte schon längst begonnen. Wilfried Ruhdorf setzt sich. Dann steht er wieder. Er findet einfach keine Ruhe. Seit dieser Streik begonnen hat. Irgendetwas an diesem Sonnenaufgang Ost stimmt nicht. Ruhdorf ist das Faktotum des ZF Getriebe Brandenburg. Spindeldürr, von einem gelben T-Shirt umhangen, Jeans-Weste drüber und auf dem Kopf eine Tarnfarbenmütze. Trotzdem erkennt ihn jeder. Seit er aus der Schule raus ist, ist er hier, seit 29 Jahren.

An der Gasse pfeifen die Kollegen. Alle, die aus dem Werk rauskommen, werden ausgepfiffen. Mit manchen reden die Streikposten auch, halb im Spaß, halb im Ernst. Die meisten Streikposten sind Männer wie Creuzberg von Daimler-Chrysler. Derselbe Stolz, dieselbe Ruhe. Die Masse der Streikbrecher, sagen sie, arbeitet sowieso im Büro. Sie sprechen das Wort „Büro“ mit derselben Verachtung wie früher in der DDR. Nur über die „Befristeten“ reden sie anders. Über die Befristeten, die Angst haben, das könnte alles noch viel befristeter für sie werden.

Wilfried Ruhdorf blickt noch immer unglücklich. Er pfeift nicht, er trägt das Harmoniebedürfnis doch schon im Namen. Er versucht, sich zu beruhigen: Warum soll er, der Transportarbeiter, da rein, wenn es eh nichts zu transportieren gibt? Aber schon diese Woche wird BMW in Bayern kurzarbeiten, weil das Werk ZF Getriebe nicht liefert, ein Produktionsausfall von 1800 Pkw am Tag wird befürchtet, das Unternehmen droht schon, geplante Investionen noch einmal zu überdenken. Doch Ruhdorf kann da nicht reingehen, das würde er den Kollegen nie antun. Aber draußen vorm Tor stehen kann er eben auch nicht. Abends zu Haus ist es am schlimmsten. Da fragt er sich, was richtig ist. Gerechtigkeit ist gut, sicher. Für den Fall, dass es aber wirklich ein Land werden sollte, so ganz richtig ein Land mit gleichem Lohn für gleiche Arbeit, hat BMW schon überlegt, dass es schließlich noch viel mehr Länder gibt. Polen oder Tschechien zum Beispiel. Ruhdorf hat Angst. Ihm sind die 35 Stunden im Grunde egal. Wahrscheinlich würde er auch wieder 40 Stunden plus arbeiten wie in der DDR. Der Betrieb ist doch sein zu Hause. Sagt Ruhdorf.

Zwei Herren in dunklen Anzügen, mit weißen Hemden und Schlips kommen gemessenen Schrittes durch die Gasse. Sie gehen nicht, sie schreiten: Elmar Stollenwerk, Rechtsanwalt vom Verband der Metall- und Elektroindustrie Berlin und Brandenburg, und Dr. Andreas Schlegel, der ZF-Getriebe-Personalchef, verkörpern die sanfte Überlegenheit der Macht. Sie laufen wie unter einer Glocke, als drängen die Pfiffe nicht bis zu ihnen. Wahrscheinlich ist die Lärmglocke auch eine Machtglocke. Wilfried Ruhdorfs gequältes Gesicht klart auf. Er geht auf seinen Personalchef zu. „Was soll ich denn tun?“, fragt er ihn. Dr. Andreas Schlegel schickt einen bösen Blick in die Streik-Aktivistenrunde und sagt dann mit seelsorgerischer Milde sehr vieles zu Wilfried Ruhdorf. Auch, dass jeder selber wissen muss, was er tut.

Nun wird Ruhdorf wieder nachts nicht schlafen können und immer dieselben Gedanken denken. Dabei wäre alles so einfach. Ruhdorf schlägt der IG Metall vor, dass sie wie in der DDR wieder 40 Stunden arbeiten. Nur diesmal in West und Ost. Wegen der Einheit.

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