Zeitung Heute : Kurzmeldungen

Walter Schmidt

Seit Jahren beschwören Hautärzte die Gefahren des Sonnenbadens, es hört ihnen nur kaum jemand zu. 26 Prozent der Bundesbürger halten nach einer Umfrage der Demoskopen die Warnungen vor dem Hautkrebsrisiko für übertrieben, 27 Prozent beabsichtigen auch in diesem Sommer, sich stundenlang in die Sonne zu legen. „Die Leute sind beratungsresistent“, sagt denn auch Professor Hans-Jürgen Tietz von der Hautklinik der Berliner Charité.

Tietz erfüllt das mit „tiefer Sorge“, vor allem angesichts all der Melanome, also Fälle von Schwarzem Hautkrebs, die er an der Charité zu sehen bekommt – als mögliche Spätfolgen übermäßigen Sonnenkonsums. Zurzeit erkranken in Deutschland jedes Jahr 120 000 Menschen neu daran, rund 3000 davon tödlich. Nach Angaben der Deutschen Krebshilfe (DKH) gibt es Schätzungen, wonach die Vorliebe der Deutschen für Solarien und Sonnenurlaube rund ums Jahr die Zahl der Hautkrebsfälle jährlich um sieben Prozent steigern wird. Allerdings hat, wer heute erkrankt, schon vor Jahren in der Sonne gesündigt.

Nicht die Wärme macht’s

Dabei kann deren Licht doch so gesund sein. Es hilft bei Schuppenflechte und hellt unsere Stimmung auf. Obendrein kann unser Körper nur durch Sonnenstrahlen das für den Knochenbau so wichtige Vitamin D3 bilden. Hierzu reicht allerdings eine bescheidene Menge Sonnenlicht aus.

Die Sonne verbrennt unsere Haut anders als Feuer oder eine heiße Herdplatte. Erst 1875 wurde erkannt, „dass nicht die Wärmestrahlung den Sonnenbrand auslöst, sondern der ultraviolette oder UV-Anteil ihrer Strahlung“, sagt Professor Hans Meffert, der an der Berliner Charité die Abteilung für Photodermatologie leitet. Dabei ist es der Haut gleich, ob sie eine Überdosis UV-Strahlen in der Sonne oder im Solarium abbekommt. Obendrein hält der Effekt der 90 000 bundesweit verfügbaren Sonnenbänke wegen der dort vorherrschenden Bestrahlung mit dem UV-A-Anteil des Sonnenlichts oft nicht einmal lange an. „Durch UV-A-Strahlen verursachte Bräune ist nach 24 Stunden schon wieder verschwunden“, sagt Rüdiger Greinert, Biophysiker am Dermatologischen Zentrum Buxtehude. UV-A-Lampen mobilisieren lediglich die in der Haut schon vorhandene Menge des Pigmentes Melanin, erzeugen anders als UV-B-Strahlen aber kein zusätzliches Melanin.

Dickes Fell

Wehren gegen die Sonnenstrahlen kann sich die nackte Haut nur, wenn sie langsam an den UV-Beschuss gewöhnt wird – so wie es bei unseren Vorfahren durch den langen Aufenthalt im Freien automatisch geschah. Man unterscheidet die tief in die Haut eindringenden UV-A- von den energiereichen UV-B-Strahlen. UV-A lässt die Haut altern, schwächt das Immunsystem (deshalb auch Lippen-Herpes nach dem Sonnen) und fördert Hautkrebs. Den Sonnenbrand verursacht die noch kurzwelligere UV-B-Strahlung, die ebenfalls Krebs auslösen kann, wenn sie die Reparatur-Mechanismen der Haut überfordert. Sie ist es aber auch, die bei vernünftigem Umgang mit dem Sonnenlicht den Eigenschutz der Haut aufbaut, indem sie nachhaltig bräunt und in der Oberhaut die Lichtschwiele – quasi als dickes Fell – wachsen lässt. Da Kleinkinder, vor allem aber Säuglinge, diesen Eigenschutz noch kaum entwickeln können, gehören sie nicht ins pralle Sonnenlicht. „Je früher man die Haut zu starker UV-Strahlung aussetzt, umso größer die Chance, dass man seinen Hautkrebs noch erlebt“, drückt es Rüdiger Greinert drastisch aus.

Sonnencremes täuschen aus mehrerlei Gründen eine falsche Sicherheit vor (siehe rechte Spalte). Für Hans Meffert von der Berliner Charité sind sie deshalb nur Teil eines wirksamen Sonnenschutzes. Eindringlich rät er zum Tragen schützender Kleidung. „An keinem Strand der Welt sind lange Hosen und langärmelige Hemden verboten“, sagt der Lichtdermatologe. Wobei es sich nicht unbedingt um teure Sonnenschutzkleidung handeln müsse. Dicht gewebte Stoffe wie Baumwolle und Seide ließen „praktisch keine UV-Strahlung“ durch. Der beste Sonnenschirm indes sei „gesunder Menschenverstand“. Und das heißt vor allem: raus aus der Sonne zwischen 11 und 15 Uhr und dafür Siesta im dunklen Schatten oder gar im Haus. Kann ja auch sehr erholsam sein.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben