Zeitung Heute : Kurzmeldungen

„Die Iraker wittern überall Verschwörung“, sagt ein US-Soldat. Dass niemand ihre Arbeit schätzt, sei das Schlimmste. Aber auch die tägliche Monotonie und die Sehnsucht nach ihren Familien setzt vielen zu. Eine Armee will nach Hause. Der Soldatenblues

Orly Halpern[Bagdad]

Der Schweiß läuft ihm unter dem Helm hervor, er schwitzt ungeheuer in seiner schweren Tarnausrüstung. Es herrschen unbarmherzige 44 Grad Hitze. „Wen interessiert es, dass sie Udai und Kusai getötet haben?“, fragt Chris Mitchell. „Für Soldaten wie uns macht es keinen Unterschied.“ Der Militärpolizist ist 22 Jahre alt, er steht den ganzen glühenden Tag neben einem Panzer, mitten auf einer Straße in Bagdad, und interessiert sich ziemlich wenig für das Schicksal der Nummer zwei und drei auf der amerikanischen Liste der meistgesuchten Iraker.

Mitchell, ein Armeereservist, der im zivilen Leben für eine Kreditkartenfirma in New Jersey arbeitet, führt ein dreiköpfiges Team an, das die meiste Zeit hinter einer Straßensperre der irakischen Polizei herumsteht. „Wir bringen hier den irakischen Polizisten bei, wie sie die Ali-Babas stoppen können“, erklärt er. Und benutzt dabei den in Bagdad geläufigen Ausdruck für Diebe. „Wir können hier manchmal zwölf Stunden am Stück stehen“, sagt er, „und auch danach sind wir immer in Bereitschaft.“

Letzte Woche wurden Udai und Kusai getötet, die Söhne Saddams, in ihrem Versteck in Mossul. Die Politiker in Washington feierten den Tod, und die Iraker auf Bagdads Straßen jubelten, doch vielen amerikanischen Soldaten im Land war gar nicht nach Feiern zu Mute. Tatsächlich haben die Angriffe auf die US-Truppen seither stark zugenommen. Viele Soldaten auf den Straßen Bagdads denken nur noch an eins – nach Hause zu fahren.

Die meisten sind immer noch wie vor den Kopf geschlagen von der Neuigkeit, dass es noch lange dauern kann, bis sie nach Hause können. Letzte Woche eröffnete US-Stabschef General John Keane, dass es keinen Zeitplan für die irakische Polizei und die zivile Verteidigung gebe, wann sie wieder selbst für die Sicherheit verantwortlich seien, die zurzeit von den US-Soldaten gewährleistet werden soll.

In den großen Städten wächst die Kriminalität, Angriffe von Guerillakämpfern, die immer noch Saddam Hussein ergeben sind, sind an der Tagesordnung. Und Soldaten wie Corporal Chris Mitchell wissen, dass sie noch Monate im Irak gebraucht werden. Aber vielen erscheint die verlängerte Stationierung nun wie eine Strafe.

Mike Canzius bewacht das irakische Kongresszentrum. Er gehört zur ersten Panzerdivision und fährt mit einem Metalldetektor über den Körper eines Irakers. „Ich bin müde und will nach Hause,“ sagt Canzius. „Aber wir haben keine Ahnung, wann das sein wird, wahrscheinlich nicht vor nächstem Jahr.“

„Ich habe genug von diesen Irakern“, zieht auch sein Kamerad Ronny Theodore Bilanz. „Ich will keinen Einzigen mehr von ihnen sehen.“ Er sitzt im Schatten eines Baumes und behält die Iraker im Auge, die in einer Schlange stehen. „Sie gehen mir auf die Nerven, weil sie hier ständig auftauchen auf der Suche nach Jobs. Und niemals stehen sie ordentlich in einer Schlange.“ Eigentlich sollte Theodore mehr Verständnis für die Menschen hier aufbringen, wie all die anderen Soldaten, die in den Irak entsandt wurden, erhielt auch er einen Crashkurs zur arabischen Kultur und Tradition. Alle Soldaten sollten ein paar Worte arabisch kennen. Doch weder Canzius noch Theodore scheren sich groß um die Sitten hier. „Die Bezahlung im Krieg ist gut, aber das ist mir egal. Ich will weg hier“, sagt Canzius. Beide sind Vollzeit-Berufssoldaten, normalerweise in Deutschland stationiert. Jetzt kontrollieren sie zwölf Stunden am Tag Iraker in der gleißenden Sonne. Die Pausen sind kurz. „Dann gehe ich zu den Baracken zurück, dusche, esse, gucke etwas fern und schlafe ein.“

Canzius ist einer von den 167000 Soldaten, die im Irak stationiert sind – es handelt sich um die größte militärische Aktion in der jüngeren amerikanischen Geschichte und um die größte Reservisten-Armee der letzten Jahrzehnte. Da die Truppen der US-Armee auch in Afghanistan, Südkorea und dem Balkan stationiert sind, war das Pentagon gezwungen, fast die Hälfte der Soldaten im Irak aus den zivilen Mitgliedern seiner Reserve und der Nationalgarde zu stellen.

Anders als Berufssoldaten, die beim Militär Karriere machen wollen und wissen, dass Auslandseinsätze Teil dieser Arbeit sind, sind viele der Teilzeit-Soldaten damit überfordert, so Hals über Kopf in ein fremdes Kriegsgebiet geraten zu sein.

In Saddams Privat-Kino

In einem muffigen Gang, bedeckt mit Bildern von Britney Spears und US-Flaggen, liegen in der Basis etwa 70 teilnahmslose Soldaten in Shorts herum und bemühen sich, die Hitze zu ignorieren. Thomas Stanley Senior, 27, sitzt auf seinem Klappbett, das in eine Reihe neben Dutzende andere Betten gepfercht ist. Er zeigt seinem Freund und Kameraden Staff Sergeant Miguel Hernandez, 33, Bilder von seiner Frau und seinem Sohn. Die beiden Männer meldeten sich vor Jahren freiwillig für die Nationalgarde in Florida. Wie andere Freiwillige für die US-Reservisten und die Nationalgarde bekommen sie höhere Pensionsbezüge, Unterstützung für Studiengebühren, geringere Hypothekenraten und eine gute Gesundheitsversorgung. Im Gegenzug verbringen sie ein Wochenende im Monat beim Training auf einer Militärbasis.

Aber dieses eine Wochenende im Monat ist inzwischen zu einem sieben Monate dauernden, ununterbrochenem Aufenthalt im Mittleren Osten geworden, davon fast viele Wochen im Kampf. Und obwohl das Gesetz sagt, dass sie bis zu einem Jahr stationiert werden dürfen, hat sich keiner von ihnen jemals vorgestellt, dass sie so lange von ihren Angehörigen getrennt und fern ihrer Arbeit sein würden. „Unsere Familien sind darauf nicht vorbereitet“, sagt Hernandez, der, wie Stanley auch, den dritten Geburtstag seines Sohnes verpasst hat. „Wir leben nicht in der Nähe der Militärbasen, so wie die Berufssoldaten, also erhalten unsere Frauen auch keine emotionale Unterstützung von dort. Und wir wohnen auch zu weit weg, um die anderen Vorteile zu nutzen, wie in der Basis einzukaufen, was sehr viel billiger wäre.“

Während der Kämpfe war ihre Einheit verantwortlich für Kriegsgefangene, aber nun bewacht auch sie das irakische Kongresszentrum. In ihrer Freizeit gehen die Soldaten in Saddams Hauptpalast in Bagdad schwimmen. Dann planschen sie im Swimmingpool des Diktators oder sehen sich einen Film an in seinem Privat-Kino.

„Wir schlafen nicht viel, da unsere Schichten so durcheinander gehen“, sagt Stanley. Die Einheit der Nationalgarde wacht eigentlich nur acht Stunden am Tag: drei Stunden Dienst, drei Stunden frei, zwei Stunden Dienst, zwei Stunden frei, eine Stunde Dienst, eine Stunde frei, zwei Stunden in der Nacht. „Wenn die Sicherheitsleute reinkommen, um uns aufwecken, 15 Minuten vor Dienstbeginn, dann zieht man sich schnell an und fährt in die Stiefel.“ Anfang dieser Woche legten sie sogar zum Schlafen Kleidung und Stiefel nicht ab. „Es war ,große Bedrohung’ ausgerufen worden, also schliefen wir in unseren Uniformen“, sagt Hernandez. „Es gab Informationen, dass Rebellen das Hotel gegenüber dem Kongresszentrum sprengen wollen.“

„Wir sollten überhaupt nicht hier sein – sie sollten Berufssoldaten einsetzen,“ sagt Hernandez, der für eine Telefongesellschaft in Orlando, Florida, arbeitet. „Dies hier ruiniert die Familien und die Karrieren unserer Jungs. Ganz zu schweigen davon, was das die amerikanischen Steuerzahler kostet.“

Das amerikanische Gesetz verbietet es Arbeitgebern, ihre Angestellten, die durch die Reserve oder die Nationalgarde eingezogen werden, zu feuern. „Aber vielen von uns entgehen nun Beförderungen und Gehaltserhöhungen“, erklärt Hernandez, der mit anderen Mitgliedern seiner Einheit eine Umfrage startete, um einen Überblick über die Schwierigkeiten der Freiwilligen zu gewinnen. „Ich glaube trotzdem nicht, dass sie viel darauf geben werden,“ sagt Hernandez, „sie werden uns einfach nach Hause schicken, wann es ihnen beliebt.“ Die Selbstständigen in der Truppe hätten es besonder schwer, denn sie haben niemanden, der ihre Unternehmen führt,“ ergänzt Stanley, der im Kundendienst für Southwest Airways arbeitet.

Telefongespräche sind verboten

Beide Männer haben Zugang zum Internet, um mit ihren Frauen in Verbindung zu bleiben, aber es gibt strenge Regeln für das, was sie schreiben dürfen. Vor den Terminals sind oft lange Schlangen. Telefongespräche sind nicht erlaubt. Wenn die Soldaten schließlich doch Kontakt bekommen mit ihren Familien, dann bitten sie meist um „Care“-Pakete mit Nahrungsmitteln, die sie vermissen. Und um Bilder ihrer Kinder.

Neben der Monotonie der Arbeit und der Sehnsucht nach ihren Familien sei das Schlimmste, dass niemand ihre Arbeit wertschätzt. „Die Iraker wittern überall eine Verschwörung“, sagt Stanley. „Wir versuchen, ihnen zu helfen, und sie begreifen es einfach nicht. Sie wollen, dass wir alles für sie erledigen. Sie schreien uns an, weil Müll auf der Straße liegt. Sollen sie doch hingehen und ihn selbst aufheben.“ Hernandez stimmt ihm zu. „Wir machen hier bloß unseren Job, und sie beschimpfen uns. Sie sind sauer, weil sie warten müssen und durchsucht werden.“ Er sagt auch, dass die Generäle „verstehen müssen, dass dies sehr anstrengend ist – und an einem bestimmten Punkt wird es sehr schwer, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren, wenn man so lange hier war. Sieben Monate sind eine lange Zeit.“

Offiziell registrieren die USA das nicht oder sind nicht gewillt, den lauter werdenden Unmut aus den eigenen Reihen zu hören. „Unsere Soldaten fühlen sich zurzeit sehr gut mit dem, was sie tun,“ sagt General John Keane, „es herrscht eine enorme Befriedigung, ein Gefühl, dass die Tätigkeit einen Sinn hat.“

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