Zeitung Heute : Kurzmeldungen

Erhöhte Temperatur – Geschichten, die der Sommer schreibt (III): An den Jungen gefällt ihnen nur eines: dass die sich auf den Sprungturm trauen. Deshalb besser nur die altmodischen Männer genau beobachten. Denn Liebe gibt’s nicht, sagen die beiden Damen, nur Gemeinsamkeit und Treue. Früher ist ein schönes Wort

Jana Simon

Die älteren Damen sitzen immer vorn am Becken links, eingeklemmt zwischen zwei Holzbänken. Die Sonne brät dort richtig schön und sie haben es nicht weit bis ins Wasser. Ihre Handtücher liegen ordentlich nebeneinander auf dem Beton, berühren sich aber nicht, sie markieren ihr Gebiet. Meist sind sie zu viert oder fünft, früher, in den guten Zeiten, waren sie manchmal 15 Frauen. Und sie kommen alle allein. Das verbindet. Keine Männer. Die Damen kennen sich seit Jahren, man sonnt gemeinsam hier im Sommerbad von Berlin-Neukölln. Badebekanntschaften, Freundschaften für eine Saison. Da ist Waltraud, die ihre Zigaretten selbst dreht und nachts Taxi fährt, Brigitte, mit den blonden Locken, deren Mann vor ein paar Jahren in Ägypten gestorben ist, ganz plötzlich, Gloria, die Künstlerin, die immer allein durch Asien reist und Regina. Die könne was erzählen, sagen die anderen. Die habe eine Liebe hier im Bad. Nur Regina ist noch nicht da.

Hinter den Handtüchern beginnt die Hecke, dahinter liegen die Wiesen. Becken und Wiese sind streng getrennte Bereiche. Im Hinterland lauert das Chaos. Schreiende Babys, laute Kinder, dort regiert der „Araber“, wie sie sagen, und auf der Wiese treffen sich die älteren Herren. Obwohl dieses Jahr nicht so viele da seien, sagt Gloria, die Künstlerin. Sie sind ins Prinzenbad nach Kreuzberg abgewandert. Nur zwei ältere Männer hocken am anderen Ufer des Beckens und blicken herüber. Gloria kennt sie, man grüßt sich. „Aber die haben ihre Lieben eher in Thailand“, sagt sie und lacht. Gloria blinzelt, zündet eine Pall Mall an und schaut streng zu den Kindern, die nebenan ins Becken springen, das ist verboten. „Wenn die über mein Handtuch rennen, dann raste ich aus.“ Ihre Nerven seien nicht mehr die Besten, sagt sie. Gloria ist 58, seit 50 Jahren geht sie ins Sommerbad Neukölln.

Das Sommerbad Neukölln – das sind 85 Meter Rutsche, zwei Schwimmbecken, ein Restaurant, in dem heiße Dampfwurst und Pommes rot/weiß angeboten werden und ein Sprungturm mit Drei-, Fünf- und Zehn-Meter-Brett. Auf ihm liegt Glorias Sehnsucht. Im Moment probieren dort zwölfjährige Jungs, wie man eine fette Bombe so nah wie möglich am Beckenrand platziert, um die maximale Anzahl an Gästen mit Wasser zu durchtränken. Gloria zieht an ihrer Zigarette. „Zu meinem 60.“, sagt sie, „springe ich vom Zehner“. Eigentlich hatte sie das schon für den 50. Geburtstag geplant, aber da bekam sie eine Augenentzündung. Jetzt übt sie mit Blicken. Brigitte, die Blondgelockte, flüstert von der Seite, sie zweifle an der Umsetzung.

Die Unabhängigkeitserklärung

Gloria hört sie nicht. Sie trägt einen schwarz-silbrig glänzenden Badeanzug, die blonden Haare hat sie nach oben gesteckt und sie ist braun, sehr braun. Keine Angst vor Hautkrebs? „Ach, ich bin abgehärtet“, sagt sie. Gloria nimmt einen Schluck aus ihrer Plastikflasche, gefrorene Apfelsaftschorle. Abends legt sie die Flasche ins Kühlfach, morgens, wenn sie losgeht, so gegen halb neun, ist sie ein Eisblock. Er taut dann über den Tag. Gegen Mittag verschwindet Gloria wieder. „Was nach zwei Uhr kommt, ist nicht mehr vertretbar“, sagt sie. Zu laut, zu rücksichtslos.

Gloria hat früher ihre Diplomarbeit für die Kunsthochschule im Bad geschrieben. Heute legt sie Patiencen, liest bunte Blätter, redet mit den anderen Damen und beobachtet. Beobachten ist wichtig. Nur so kann man aufblühende Leidenschaften frühzeitig erkennen. Sie hat einmal eine ihrer Freundinnen mit einem Turmspringer verkuppelt. Alles eine Frage der guten Beobachtung. Den ganzen Sommer sieht man sich jeden Tag, irgendwann weiß man, wer zu wem passt. Auch die Bademeister schauen manchmal vorbei und verteilen Küsschen. Nur so. Sommerlieben? Gloria lacht, neigt den Kopf. „Nee“, sie winkt ab, „nichts für mich“. Sie war lange mit einem Mann zusammen. Sie haben sich getrennt. Jetzt sehen sie sich nur ab und zu. Heiraten wollte sie nicht. „Ich bin ein sehr unabhängiger Mensch.“ Ins Freibad hat ihr Freund sie nie begleitet, er mochte den Wald lieber.

Um den Sprungturm herum hat sich eine Menschenmenge gebildet. „Der 16-Jährige Tahir meldet sich sofort beim Schwimmmeister“, tönt eine Stimme aus dem Lautsprecher. Die Damen richten sich auf. Fast jeden Tag passiert etwas, Schlägereien, Messerstechereien, Schließfächer werden aufgebrochen. Die Sicherheitsleute haben sich Hunde angeschafft. Die Frauen sagen, vergangenes Jahr habe es sogar eine Schießerei im Bad gegeben. Sie versuchen, sich herauszuhalten, nur wenn einer ihren Handtüchern zu nahe tritt, dann gnade ihm Gott.

Die Menge löst sich auf, ein Bademeister schlendert vorüber. Gloria winkt ihn heran. Er arbeitet seit 40 Jahren hier, trägt weiße Plastiksandalen und die Haare umschließen seinen Kopf wie ein Kranz. Er schreibt in seiner Freizeit Geschichten über das Wasser. Auch über Liebe? „Vielleicht“, sagt er und lächelt. Für eine Ausstellung hat er über die Jahre Dinge zusammengetragen, die Gäste im Bad vergessen und nicht abgeholt haben. Viele Liebesbeweise sind darunter, Bändchen mit eingestickten Namen der Liebsten oder Ketten. „Heute tätowieren sie sich die Namen ein“, sagt er und es klingt enttäuscht.

In diesem Augenblick schreit eine Frau hinter ihm auf. Sie hat einen Tennisball gegen den Kopf bekommen und schimpft laut mit dem Täter, einem Jungen. Der betrachtet sie mit Verachtung: „Was willst Du?“, fragt er sie. Der Bademeister muss einschreiten, der Junge will ihn würgen. Gloria kommentiert vom Badetuch: „Sehen Sie sich das an!“ Der Bademeister redet leise auf den Jungen ein.

Gloria nimmt sich jedes Jahr vor, auch ins Prinzenbad zu wechseln, aber da kennt sie niemanden. In Neukölln ist alles so vertraut, mit den anderen Damen wird alles genau besprochen, wenig ausgespart. Gloria lächelt. Natürlich geht es auch um Männer, manchmal. Gloria glaubt ja nicht, dass sie selbst noch wirklich attraktiv seien in ihrem Alter. Falten, schlaffe Haut und so was. Dabei ist Gloria so schlank, als habe sie ihr Leben lang nie mehr als zwei Äpfel am Tag gegessen. Vor kurzem ist sie mehrere Monate durch Burma gereist, allein. Am Strand habe sie da ein sehr junger Engländer angesprochen und eingeladen. Sie hat seine Aufmerksamkeit genossen, aber es war nichts, nur so ein bisschen flirten. In Indien ist ihr einer sogar hinterhergerannt. „Ältere Frauen sind heißer“, hat er ihr nachgerufen. Da hat Gloria nur gelacht. Gloria schaut auf die Uhr, schon nach Mittag. Zeit zu gehen, sonst drehe sie hier durch, sagt sie. Zu Hause malt sie, baut Skulpturen und einmal hat sie etwas erfunden – einen Fahrradanhänger, den man mit einem Handgriff in ein Zelt verwandeln kann, der Camp Buggy. Leider hat sie noch keinen Hersteller gefunden.

Auftritt Regina

Brigitte, die mit den Locken, schaltet sich ein, sie wundert sich, wo die Regina bliebt. Sie selbst will nichts mehr von Männern wissen, sie macht nur eine abwehrende Bewegung mit der Hand. Ihr Mann war ihre große Liebe. „Er war ein guter Mann, so was findet man heute nicht mehr“, sagt sie. Dieses Jahr wären sie 40 Jahre zusammengewesen, er ist kurz vor seinem 60. im gemeinsamen Urlaub gestorben. Herzinfarkt. Sie blickt auf die Jugendlichen vor sich, die sich gegenseitig ins Wasser stoßen, auch eine Form der Annäherung, eine ungelenke. Sie schüttelt langsam den Kopf. „Die Zeit vergeht heute nicht“, stöhnt sie. Die Hitze macht matt, die Gedanken torkeln wie im Vollrausch. Aber keiner will in den Schatten, niemals. Und wo, verdammt, bleibt Regina?

Regina erscheint erst am nächsten Tag. Oder besser: Sie tritt auf. Die anderen warten schon. Regina hat roten Lippenstift aufgetragen, ihre Haare leuchten grell im gleichen Farbton, über ihren großen Brüsten spannt ein blauer Badeanzug, um den Hals glitzern Goldkettchen. Sie ist 63 und erzählt, früher seien sie doch viel mehr Frauen gewesen, das jetzt, sei doch gar nichts. Aber der Eintritt sei so teuer geworden und es gebe keine Jahrestickets mehr. Da müsse man jeden Morgen sehr genau in den Himmel schauen, ob es sich lohne. Wahnsinn sei das. Regina bräunt sich vormittags schon vor, auf dem Campingplatz, dort besitzt sie einen Wohnwagen. Alles holzvertäfelt. „Nur, da ist es ja ein bisschen tot auf Dauer.“ Deshalb geht sie nachmittags ins Bad.

Ihre Flamme ist nicht da, aber sie will auch nicht mit ihm gemeinsam auftreten, „Hier macht jeder seins.“ Kein Küsschen und Händchenhalten und so. Sie liegen nicht einmal beieinander. Er bleibt bei den Männern, Regina bei ihren Frauen. Sie sagt, man beobachte schon, wer so da sei. Unauffällig natürlich, aus den Augenwinkeln. Manche Herren strichen langsam ums Becken herum und machten dann Bemerkungen wie: „Du ist aber schon schön braun“, oder: „Gehen wir mal eine Tasse Kaffee trinken?“ „Will doch keiner allein sein“, sagt Regina und lacht vergnügt.

Mit 15 Jahren, 1955, war sie das erste Mal hier, noch mit den Eltern, dann nach der Heirat ging sie mit ihrer Tochter. Und dann immer allein. Ihr Mann ist nie mitgekommen, er besuchte unterdessen die Kneipen der Umgebung. „Im Urlaub bin ich auch einsam am Strand gewesen.“ Sie kann sich noch erinnern, in der Türkei begrüßte sie ihr Gastgeber jeden Morgen mitfühlend: „Ah Mama! Und Papa? Schon wieder betrunken?“ Sie musste immer nicken. Regina begann, sich vor der Zukunft zu fürchten. Wo sollte das enden? Vor drei Jahren hat sie sich von ihrem Mann getrennt, sie ist noch heute traurig darüber. „Die Liebe gibt’s nicht“, sagt Regina. Nur Treue und Gemeinsamkeiten.

Regina gleitet tief in die Vergangenheit. Früher, ein schönes Wort. Damals waren die Schwimmbecken noch nicht beheizbar, das Wasser immer kalt. Die Becken waren aus Beton und man gelangte nur über Leitern in sie hinein. Das Sommerbad gibt es seit 1952. Auch die Gäste seien natürlich netter gewesen. In ihrer Jugend hätten sie sich niemals getraut, ihre Angebeteten öffentlich im Bad zu knutschen. Gloria sagt, da wäre man wahrscheinlich herausgeflogen. Und die Gaststätte erst. Regina hat jahrelang ihre Geburtstage darin gefeiert. Warum sollte sie Ende August in ihrer Wohnung schwitzen, wenn die Festkerzen schmelzen und der Ventilator dröhnt. Die Bademeister pflückten Blumen, der damalige Restaurantbetreiber deckte die Tische, es gab Kuchen und Sekt. Manchmal haben sie, schon etwas angeheitert, Partyteller über das Becken segeln lassen und sind dann noch weitergezogen bis spät in die Nacht. Ihr Mann erschien auch zu den Geburtstagen nicht. Viele dachten, es gebe ihn gar nicht. Aber Regina hielt die Grenzen ein, nur flirten mehr nicht. Das Freibad wurde ihr Wohnzimmer.

Nicken und Schweigen

Einmal hatte sie eine kleine Romanze mit einem Angestellten des Bades, er lief an ihrem Handtuch vorbei und lud sie zum Kaffee ein. Am Saisonende schenkte er ihr einen „Biedermeierstrauß“. „Das fand ich toll“, sagt Regina. Diese Höflichkeit, dieses „Beamtenmäßige“ – Tür aufhalten, Teller bringen und so, das gefalle ihr. Oder so einer wie Peter, der eine Bademeister, groß, stattliche Schultern, immer braun. Gloria kann sich an einen erinnern, so einen Schönling, der sei sofort aufgefallen, ein Grafiker. „Der hatte ein bisschen Grips“, sagt sie. Sie beobachten sehr genau, die Damen. Bei ihm haben sie bemerkt, wie ordentlich er seine Sachen zusammenlegte. Das fanden sie ziemlich beeindruckend. Und dann gibt es da noch den Rolf, der kommt immer nach der Arbeit so gegen vier. Eines Tages meinte Regina, Gloria solle fragen, wie alt er sei. Rolf dachte gleich, Gloria wolle etwas von ihm. Die beiden Frauen kichern noch heute darüber.

Und was ist nun mit der Sommerliebe von Regina? Sie schaut nach unten. Naja. Sie habe ihn bei Eduscho getroffen, wusste aber schon aus dem Bad, dass er Single sei. Sie sind jetzt zusammen, aber wohnen getrennt. Und sie küssen sich. Wie ist das in ihrem Alter mit Erotik? „Gehört auf jeden Fall dazu“, sagt Regina. Bei den meisten Männern sei aber tote Hose. Ihr Vater, der habe noch mit 86 Jahren sieben Frauen gehabt. Seit sie nicht mehr mit ihrem Mann lebt, vermisst sie den Sex. „Auf dem Gebiet war er immer die Nummer 1“, sagt sie. Aber die Freiheit sei auch ganz schön, sie müsse nicht mehr kochen, wenn sie nicht wolle. Die anderen Frauen nicken. Allgemeines Schweigen.

Was machen sie nur im Winter? Dinge erledigen, wie Malern zum Beispiel, sagt Regina. In die Sauna gehen. Auf den nächsten Sommer warten. Einmal kurz vor Weihnachten treffen sie sich jedes Jahr beim Jugoslawen zum Essen. Damit es nicht zu komisch ist, wenn die Badesaison wieder anfängt.

Was passiert mit den Menschen, wenn es heiß wird? Unsere Autoren beschreiben, wie sich der Sommer anfühlt: am See, am Strand, auf dem Land – eine Serie über die Liebe in loser Folge.

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