Zeitung Heute : Kurzmeldungen

Erhöhte Temperatur – Geschichten, die der Sommer schreibt (IV): Carsten Schäfer ist Bauer und Schweinezüchter. Wenn andere in den Urlaub fahren, holt er die Ernte ein. Lange suchte er eine Frau – und fand sie im Internet. Mach mir den Hof

Constanze von Bullion

Schwer zu sagen, woher sie diese Sicherheit nehmen. Schwer zu glauben auch, dass all die Zweifel an ihnen abprallen, die anderen das Leben vergällen. Doch, sagen sie, sie sind glücklich. Haben sich entschieden. Schnell und ohne Reue. Und jeden Tag, so scheint es, wird die Wärme größer, die zwischen Silvia und Carsten Schäfer herrscht, wie diesen Sommer, der auf den Äckern das Korn reifen lässt. So schnell, als sei keine Sekunde zu verlieren auf diesem Anwesen, wo Liebe und Wahnsinn manchmal eng beieinander gewohnt haben.

Sie leben inzwischen zu acht auf dem Schäferhof, der für die Leute im Dorf wohl immer die Wiesenmühle bleiben wird. Weil man hier mittendrin sitzt in üppigen Wiesen des hessischen Schwalm-Kreises, und weil es hier über Jahrhunderte eine Mühle gab, die Korn gemahlen hat für die Bauern von Merzhausen. Die Mühle haben die Schäfers abgerissen und dort Ställe hingebaut. Gleich gegenüber haben sie ein blütenweißes Wohnhaus errichtet, mit Blumenbalkonen und so viel Platz, als sei die Großfamilie längst nicht groß genug. Überhaupt scheint nie etwas fertig zu sein und immer alles in Arbeit auf diesem Hof, auf dem es nach Fleiß riecht und nach Schweinemist. Und auf dem eine Familie lebt, die beschlossen hat, nicht allzu oft zurückzuschauen.

Silvia und Carsten Schäfer würden das etwas nüchterner ausdrücken. Überhaupt lässt ihr Leben recht wenig Platz für besinnliche Lebensbetrachtungen und Heuschober-Romantik, und wenn sie sich jeden Montagmorgen um drei Uhr aus den Federn schälen, weil die Mastschweine verladen werden müssen und um sechs die Sauen ihr Futter wollen, geht es ziemlich pragmatisch zu. Türen knallen, Kaffeetassen klappern, am Küchentisch wird zu acht gefrühstückt, bevor der Familienrat zusammentritt und jedem sein Tagwerk zuweist.

Spuren legen

Ohne den Trubel, sagt Silvia Schäfer, kann sie schon gar nicht mehr leben, und wenn zufällig mal Stille einkehrt hier im Haus, weil die Männer auf den Mähdreschern sitzen und die Schwiegermutter im Jeep, wenn sie dann mit ihrer anderthalbjährigen Tochter Vanessa zu Mittag isst, „dann sitze ich hier ganz elend und allein“. Es sind nicht die Geister der Vergangenheit, die sie dann heimsuchen, der Großvater mit dem Loch im Kopf oder der Onkel, der eines Tages verrückt wurde. Eher ist es das Glück, das in solchen Momenten zerbrechlich wirkt, als es könnte es so schnell verdunsten wie es vom Himmel geregnet kam.

Angefangen hat die Geschichte mit einer Spur im Internet. Gelegt hatte sie Carsten Schäfer, der damals 22 Jahre alt war, Bauer und einer, der nicht warten wollte, bis das Schicksal auch bei ihm vorbeischaute. Carsten Schäfer ist einer von der stillen Sorte, ein schmaler, recht sensibler Kerl, der hier im hessischen Hinterland geboren ist, Landwirt gelernt hat und schon immer hier bleiben wollte, auf 170 Hektar Ackerland, die ihn und seine drei jüngeren Brüder ernähren, seine Eltern, seinen Onkel und die 1200 Schweine, die sich in den Ställen wälzen.

„Auch wenn die von landwirtschaftlichen Betrieben kommen, wollen die ja selten einen Mann, der einen Hof hat“, sagt Schäfer. „Die“, das sind die Frauen, die für einen wie ihn schwer zu erreichen waren. Jedenfalls solche, die er mochte. „Wahrscheinlich zu wenig Freizeit“, sagt der Jungbauer, der nicht leugnet, dass er nicht genau weiß, wozu Freizeit eigentlich gut sein soll. Mit dem Mofa über die Dörfer heizen, in Diskotheken gehen, Urlaub im Süden, das sind alles so Dinge, die Carsten Schäfer nie interessiert haben. Lieber saß er abends am Rechner und durchkämmte das Internet, wo er auf diese Webseiten stieß, die „Bauernhochzeit“ heißen oder „Landflirt“ oder „Lovebauer“ und die liebesbedürftige Landbewohner zusammenführen wollen. Das gelingt allerdings nicht sehr oft, weil es auf dem bäuerlichen Liebesmarkt zu viele Männer gibt und viel zu wenige Frauen. „Sie sollte die Landwirtschaft akzeptieren“, schrieb Carsten Schäfer. Bürgerlicher Beruf nicht ausgeschlossen, hieß das. Er konnte ja nicht ahnen, dass nur 15 Kilometer weiter eine wohnte, die bereit sein würde, alles für ihn hinzuschmeißen.

Dabei ist Silvia Schäfer keine Frau, die nur darauf gewartet hat, bis sie endlich einer auffordert. Solche Dinge übernahm sie lieber selbst, und als sie Carstens Kontaktanzeige sah, fackelte sie nicht lange, suchte einen Horrorfilm im Kinoprogramm aus, „wenn’s gruslig wird, kann er dann ja den Arm um mich legen“, und teilte ihm per SMS mit, wo er sie abholen konnte. Silvia war 19 und kurz davor, Justizfachangestellte im Amtsgericht zu werden. Und weil hinter ihrer robusten Schale offenbar ein robuster Kern steckt, traute er sich anfangs nicht so recht ran. Aus Angst, „’ne Ohrfeige zu kriegen“.

Sie hat ihn nicht geschlagen, als er vor dem Hof ihrer Eltern aufkreuzte, im Gegenteil. „Als ich ihn zum ersten Mal gesehen habe, wusste ich gleich, dass er mein Typ ist“, erzählt sie. Carsten Schäfer verdreht die Augen und wird rot. Er sitzt seit einer Weile neben ihr im blitzblanken Wohnzimmer, grient in sich hinein und lässt sie berichten, wofür ihm schon damals die Worte fehlten.

Auf dem ganzen langen Weg zum Kino herrschte Totenstille im Auto. „Es war sehr dürftig“, sagt sie. „Man will ja auch nichts Falsches sagen“, sagt er. Silvia dachte, „das Ding ist gelaufen“, als sie zur Kinokasse ging, um Karten zu kaufen – keine gute Idee, wie sich herausstellte. „Sie hat’s so bisschen forsch gesagt.“ Als dann endlich das Licht ausging und der Horrorfilm losbrach, versank Silvia in ihrem Sitz. „Ich bin auch paar Mal zusammengezuckt, aber da tat sich gar nichts.“ Kein Arm, kein Trost, nichts rührte sich. Auf der Rückfahrt dann wieder das Gleiche. Funkstille. Pause. Kein Text. „Schlimmer kann’s nicht werden“, dachte Silvia und küsste ihn zum Abschied auf den Mund. „In Ordnung“ fand er das. Und fuhr heim zu seinen Schweinen.

Die Magd und der Herr

Im Schäferhof geht die Wohnzimmertür auf, Elisabeth Schäfer kommt herein und redet von dem Zaun und dass draußen einer helfen muss. Sie ist eine tatkräftige Frau von 50 Jahren in einer gestreiften Küchenschürze, der man nicht ansieht, dass sie schon Großmutter ist. Dass sie den ganzen Laden hier zusammenhält, merkt man schnell. Und dafür sorgt, dass die Geschichten von gestern keine Macht über das Morgen gewinnen.

Hier, in einem uralten Fachwerkhaus neben der uralten Wiesenmühle, hat schon ihre Mutter am Herd gestanden und als Magd gedient. Eines Tages verliebte sie sich in den Sohn des Hauses – und er sich in sie. Woraus aus Standesgründen nichts wurde, jedenfalls nicht offiziell, denn sie war die uneheliche Tochter einer ärmlichen Familie und er Alleinerbe eines stattlichen Anwesens. Weil aber die Liebe so groß war und der Jungbauer mit 33 Jahren an einem Herzleiden starb, übernahm die Magd die Pflege seiner Eltern. Besser als eine leibliche Tochter soll sie das gemacht haben. Da überschrieben ihr die Bauern aus Dankbarkeit den Hof.

Wäre die Welt ein Heimatfilm, dann wäre nun alles gut geworden. Wurde es aber noch nicht, und wenn man Elisabeth Schäfer so zuhört, wie sie die Familiengeschichten ineinanderspinnt wie Hanfstränge, dann meint man plötzlich zu verstehen, warum die Menschen hier so geschäftig sind, als müssten sie immer auf der Hut sein vor der Vergangenheit.

Aus der Magd nämlich wurde eine Hofherrin, sie fand einen neuen Mann, drei Kinder kamen, eines von ihnen war Elisabeth, und auf den Weiden mehrte sich das Vieh. Irgendwie aber schien ein Fluch auf dem Anwesen zu liegen, der – schon wieder – den künftigen Hoferben traf. Der Bruder von Elisabeth war auserkoren, den Betrieb zu übernehmen, als er plötzlich sonderbar wurde. Wenig später starb auch die Mutter und Hofherrin viel zu jung an einem Tumor, und weil ihre Töchter schon weggeheiratet hatten, blieb ihr Mann mit seinem verwirrten Sohn allein zurück. In so einer Wirtschaft aber geht gar nichts ohne eine Frau. Der Betrieb verkam und die Schuldenberge wuchsen. Bis der Bauer, Elisabeths Vater, eines Tages in einer Blutlache im Keller lag. Er hatte sich eine Kugel in den Kopf gejagt. Aber seltsamerweise starb er nicht dran. Und wenn man mal davon absieht, dass der alte Mann fortan etwas seltsam war und irgendwann in Verdacht geriet, die Scheune angesteckt zu haben, weil er nicht mitansehen konnte, dass die Jungen erfolgreicher wirtschafteten, kam er glimpflich davon. Mit einem Platz im Altersheim.

Carsten Schäfer, der neue Jungbauer, hat beschlossen, sich von der alten Zeit nicht einfangen zu lassen, und dass er jetzt in den Betrieb einsteigt, dass er Schweine züchtet, dass er zimmert und ausbaut, was seine Eltern dem Schicksal abgetrotzt haben, ist Ehrensache. Eine Woche hat er sich damals gegeben, bis er Silvia auf den Hof einlud – um sie gleich mit seiner Mutter auf dem Sofa sitzen zu lassen. Als er zwei Stunden später aus dem Stall zurückkam, wusste sie alles über den Hof. Und über den Krebs, gegen den Carstens Mutter damals kämpfte. Silvia ist nicht mehr heimgefahren an diesem Abend. Drei Monate später erfuhr sie, dass sie schwanger war.

Wenn der Wecker fehlt

Und die Liebe? Die ist von allein gewachsen wie das Kraut hinterm alten Backhaus. Langsam bei Carsten, bei dem sich die Sache „erst mit der Zeit richtig entwickelt“ hat. Schnell bei Silvia, die ihn sofort mochte, „weil er nicht so ein Bauerntrampel“ ist. Sie haben sich entschieden. Schnell und ohne zurückzuschauen. Er sich für sie, sie sich gegen das Amtsgericht und für ihre Tochter Vanessa. Gegen „Jungs, die auf jeder Party mit drei Frauen rumknutschen müssen“ und für einen Mann, der bei ihrem ersten und einzigen Urlaub in Österreich am liebsten gleich wieder heimgefahren wäre. Weil ihm fürchterlich langweilig war ohne die Arbeit und den Wecker um drei Uhr früh. Na ja, sagt sie, irgendwann will sie schon wieder in Urlaub.

Gibt es so was wirklich, das ungebrochene Glück, das einfach gedeiht? Muss einer 21-Jährigen nicht die Decke auf den Kopf fallen, wenn sie sich so früh bindet, noch dazu an eine ganze Großfamilie? Silvia und Carsten Schäfer hören sich solche Fragen geduldig an – und beantworten sie mit immer gleicher Ratlosigkeit. Nein, sie wissen wirklich nicht, wo sie solche Abgründe suchen sollen. „Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass es nicht auch kleine Auseinandersetzungen gibt“, sagt Silvia Schäfer. „Aber wenn man eine Zeit lang zusammen ist, wird die Liebe einfach immer größer, ist ja logisch.“ Als wäre es ein Naturgesetz.

Carsten Schäfer muss jetzt los, die Sommergerste einfahren. Seine Mutter redet über den Zaun und Silvia über ihr Kind, das aus dem Bett will. Im Winter, sagen sie, wenn der Garten kein Wasser mehr braucht und die Ferkel verkauft sind und die Kälte in alle Ritzen kriecht, ist mehr Zeit zum Erzählen.

Was passiert mit den Menschen, wenn es heiß wird? Unsere Autoren beschreiben, wie sich der Sommer anfühlt: am See, am Strand, auf dem Land – eine Serie über die Liebe in loser Folge.

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