Zeitung Heute : Kurzmeldungen

Marion Kerstholt

Martina ist drei Jahre alt, als an ihren Armbeugen, Kniekehlen und am Hals zum ersten Mal rote, nässende Stellen auftauchen. Das ist jetzt 26 Jahre her. Doch auch heute noch kann sie sich gut an die Nächte damals erinnern, in denen sie wach wurde, weil sie sich wie besessen kratzte.

Der Juckreiz ist das hervorstechende Merkmal der Neurodermitis – der häufigsten chronischen Hautkrankheit. „Etwa zehn bis 15 Prozent der Bevölkerung in Deutschland sind an Neurodermitis erkrankt oder können erkranken, weil sie dazu veranlagt sind“, sagt Constantin Orfanos, Direktor der Klinik und Poliklinik für Dermatologie des Universitätsklinikums Benjamin Franklin (UKBF). Meist bricht die chronische Entzündung der Haut schon im Kindesalter aus. Aber bei immer mehr Patienten zeigen sich die Symptome auch erst im Erwachsenenalter.

Abwehr der Immunzellen

Die Zahl der Erkrankten wächst. Nach Angaben der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft erkrankten 1964 höchstens 3,1 Prozent der Bevölkerung. Heute sind es einer aktuellen Studie zufolge bei den 13- bis 14-Jährigen 6,9 Prozent (siehe Grafik). Die Untersuchung zeigt, dass Neurodermitis nicht nur Industrienationen plagt: Nigeria verzeichnet mit 17,7 Prozent die höchste Rate.

Was genau die Krankheit auslöst, ist trotz aller Forschung bis heute unklar. Früher wurden Allergien als Auslöser vermutet, doch Studien haben das widerlegt. Dagegen wissen die Ärzte sehr genau, was bei Neurodermitis in der Haut passiert. „Es kommt zu einer überschießenden Abwehrreaktion der Immunzellen in der Haut. Sie setzt eine Kaskade in Kraft. Wir sagen, die immunologische Entzündungssuppe kocht“, erklärt Uwe Gieler, Dermatologe und Psychotherapeut an der Universität Gießen. Wasser lagert sich ein, der Juckreiz entsteht, es bilden sich nässende Papeln und die Haut rötet sich. Oder kurz: Der Patient hat einen Schub.

Eine Vielzahl von Einflüssen kann die Schübe auslösen. Stress, Schweiß und Heizungsluft reizen die Haut. Etwa 75 Prozent der Neurodermitiker haben zudem noch Allergien. „Im Kindesalter sind es meist Nahrungsmittelallergien, später verändern sie sich dann zu Atemwegsallergien wie Asthma oder Pollenallergie“, erklärt Young-Ae Lee, Leiterin einer Forschungsgruppe über Neurodermitis an der Charité.

Die Krankheit ist vererbbar: 60 Prozent der Kinder, deren beide Eltern Neurodermitis haben, erkranken. Aber sie ist nicht ansteckend. Im Schwimmbad fragten andere Kinder Martina früher, ob sie die Krätze hätte. Kein Wunder, dass es ihr unangenehm war, im Badeanzug ihre roten Hautstellen zu zeigen. „Hautkranke tragen ihre Krankheit offen mit sich herum. Jeder kann sehen, dass man krank ist. Das müssen die Patienten erst mal verarbeiten“, sagt Constantin Orfanos.

Kortison nur im Extremfall

Aber es gibt sehr gute Behandlungsmöglichkeiten. Besonders wichtig ist die ständige konsequente Pflege der meist zu trockenen Haut mit Salben. Das oft gefürchtete Kortison wird nur bei sehr starker Entzündung eingesetzt – dann ist es sinnvoll, um wieder Ruhe einkehren zu lassen. Und oft arbeitet auch die Zeit für die Patienten. „70 Prozent der Betroffenen sind als Erwachsene symptomfrei. Deshalb gilt Neurodermitis als heilbar“, sagt Uwe Gieler.

Aber bis dahin steht die Familie unter enormem Druck. „Zu mir kam mal ein Kleinkind. Das hatte ein T-Shirt an, auf dem stand: Wenn ich nicht schlafe, schläft keiner“, erinnert sich Ulrich Wahn, Kinderarzt am Virchow Klinikum. Wegen des nächtlichen Kratzens leidet die ganze Familie unter Schlafdefizit. Die Eltern fühlen sich hilflos und wollen trotzdem die Krankheit beherrschen. Ein Modellprojekt setzt jetzt darauf, Eltern zu schulen, mit der Krankheit richtig umzugehen und verzeichnet damit Erfolge (siehe Interview). „Der Schweregrad der Krankheit und die Hilflosigkeit der Betroffenen werden abgebaut“, fasst Uwe Gieler zusammen.

Auch Martinas Haut hat sich inzwischen beruhigt. Heute bekommt sie kaum noch Schübe, denn nach einer langen Odyssee von Arzt zu Arzt hat sie gelernt, mit der Neurodermitis umzugehen. Für sie ist das Leben – auch mit der Krankheit – wieder lebenswert.

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