Zeitung Heute : Kurzmeldungen

Wilde Mülldeponien, Schrottautos auf den Bürgersteigen, Häuser, in denen Ratten wohnen – Berlin droht, immer mehr zu verwahrlosen. Mit 35 Millionen Euro pro Jahr kämpft die Stadt dagegen an. Das ist viel Geld, und es ist viel zu wenig. Ein Spaziergang zu ein paar hässlichen Ecken. Aufräumen!

Thomas Loy

Bombe drauf, sagt Nico und zeigt mit den Armen, wie man sich die Druckwelle vorstellen sollte. Das wäre die Lösung. Nadine lacht müde.

Mit den Reinigungswerkzeugen vom Grünflächenamt – Spaten, Rechen, Greifer und Schubkarre – geht nur die leichte Oberflächenkosmetik. Die Kronkorken haben sich aber tief in die Rasendecke eingegraben. Zwischen den kränkelnden Grasbüscheln blitzen winzige grüne und braune Scherben. Die würde nicht mal Aschenputtel rausklauben. Nico steckt sich eine Zigarette in den Mund und reißt sie gleich wieder raus. „Das hat hier überhaupt keinen Sinn.“ Jeden Morgen durchkämmen sie den Mauerpark, rund zehn Jugendliche, eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für schwer vermittelbare Schulabgänger. Zwei bis drei Stunden ziehen sie über den vermüllten Rasen, picken die Reste von Grillpartys und Trinkgelagen vom Boden und leeren die überforderten Papierkörbe. Ekelerregend, sagt Nadine. Wenn sie wenigstens die Flaschen nicht zerdeppern würden. Tun sie aber. Das ist die Langeweile, sagt Nico.

Berlin ist groß. Da dürfte es eigentlich nicht auffallen, wenn jemand seine Zigarette wegschnippt oder die Döner-Serviette verliert. Oder das Straßenschild verdreht oder die Hauswand besprüht. Oder ins Gestrüpp uriniert oder sein Schrottauto auf der Straße entsorgt. Es fällt aber auf. Es wird nämlich mehr.

Man kann es auch so sagen: Berlin verwahrlost. Etwa 35 Millionen Euro gibt das Land Berlin jedes Jahr aus, um Müll und Schäden durch Vandalismus zu beseitigen. Zählt man die Ausgaben privater Firmen für Wachschutz und Schadensregulierung hinzu, steigt die Summe noch erheblich. Dabei ist eine der vielen Ursachen der Verwahrlosung gerade der Geldmangel. Die öffentlichen Parkanlagen werden kaum noch gepflegt, durch das Pflaster der Bürgersteige schießt das Kraut, Schulen und Sportplätze verfallen, Brunnen vertrocknen, Straßen werden zu Holperpisten. Berlin ist unübersehbar pleite.

Ist Reinickendorf verwahrlost? Ein glasklares Nein. Michael Wegner ist Politiker und Baustadtrat und muss das so sagen. Dabei konnte er eben noch gar kein Ende finden beim Aufzählen der Untaten, die das schöne Reinickendorf regelmäßig kaputtmachen. In Lübars haben sie die Parklaternen zuletzt sogar „mit Fahrzeuggewalt“ umgerissen. In der Tegeler Fußgängerzone knicken sie die Rückenlehnen der Sitzbänke mit einem kräftigen Fußtritt ab. Wenn die neuen Lehnen montiert sind, werden sie wieder zerstört. Das ist „ein Wettbewerb“, sagt Wegner. Verloren hat, wer zuerst aufgibt.

Bei den Graffiti hat Wegner die Wettbewerbsregeln näher studiert. Seine Firma besitzt mehrere Wohn- und Geschäftshäuser. „Sie müssen die Schmierereien immer wieder wegmachen. Beim siebten Mal haben sie dann jesiecht.“ Bei den Bänken in der Fußgängerzone haben die Vandalen jesiecht. Lehnen gibt es nicht mehr. Zu teuer.

Eine Schmach für Wegner, Berlins profiliertesten Vandalenjäger. Niemand in der Stadt legt sich mehr ins Zeug, wenn es um mutwillige Zerstörungen oder um öffentliche Vermüllung geht. Sonst eher mittig bis liberal, lässt sich CDU-Mann Wegner in dieser Angelegenheit gerne als Radikalen bezeichnen. Er propagiert die Nulltoleranzpolitik wie in Singapur oder New York. 100 Euro Bußgeld für eine weggeworfene Zigarette – warum nicht? Natürlich muss man das Geld auch kassieren. Eine Wachtruppe von 1000 Leute könnte sich Wegner vorstellen. Arbeitslose gibt es ja genug. Eine Ausweitung der Rundumüberwachung von Einkaufszentren auf alle Straßen, so stellt er sich das Idealbild seiner Stadt vor. Könnte man schaffen, meint Wegner. Aber wollen das die Leute?

Ein Aufschrei der Empörung

Sauberkeit und Ordnung sind ein Politikum. Wer so etwas fordert, wird schnell in die rechte Ecke gestellt. Die Senats-Aktion „Saubere Stadt“, ins Leben gerufen Ende der 90er Jahre noch von der großen Koalition, löste im linken Spektrum einen Aufschrei der Empörung aus. Selbst die Grünen vermuteten hinter der Aktion eine „soziale Säuberung“, um Berlin hauptstadttauglich zu machen. Schließlich hatte CDU-Hardliner Klaus Landowsky schon 1997 im Abgeordnetenhaus einen direkten Zusammenhang zwischen Müll, Graffiti und Kleinkriminellen hergestellt. „Wo Müll ist, sind Ratten, und wo Verwahrlosung ist, ist Gesindel.“ Alles zusammen müsse in der Stadt beseitigt werden.

Im Elan des folgenden Wahlkampfs wurden Putzaktionen veranstaltet und vollautomatische Hundekotsaugmaschinen in Dienst gestellt. Dann wurde es wieder still um die „Saubere Stadt“ Berlin. Die Parkaufseher, die Stadtentwicklungssenator Peter Strieder aus dem großen Reservoir überflüssig gewordener Landesbediensteter rekrutieren wollte, verhedderten sich im Dickicht des Beamtenrechts. Auch Versuche, Sozialhilfeempfänger im großen Stil als Umweltkontrolleure einzusetzen, scheiterten.

Eine Spazierfahrt durch Moabit. Stadtgeo- graf Olaf Schnur erklärt, wie im Beusselkiez versucht wird, das Schmuddelimage zu beseitigen – mit Hilfe des „Quartiersmanagements“. Einige vom Senat beauftragte „Manager“ arbeiten daran, Problemviertel wieder attraktiver zu machen. Sie veranstalten Diskussionsforen, zapfen Fördertöpfe an und versuchen, aus anonymen Einzelschicksalen intakte Nachbarschaften zu schmieden. 17 Quartiere werden in Berlin inzwischen gemanagt – eine zweischneidige Sache, denn mit den Managern kommt auch das Stigma: Wir sind ein sozialer Brennpunkt.

In der Rostocker Straße haben die Quartiersmanager das „Stadtschloss“ eingerichtet, eine Art Gemeinschaftshaus für Initiativen und Vereine, mit frisch gestrichener Schmuck-Fassade. Auf der Terrasse davor sitzen zwei Obdachlose an massiven Steintischen und trinken Bier. „Das sind auch Moabiter“, sagt Olaf Schnur. Sauber machen und sanieren darf eben nicht dazu führen, Menschen aus ihrem Kiez zu vertreiben.

Ein paar Meter weiter steht eine vor sich hin modernde Hausruine. Das Fenster im Erdgeschoss hat keine Scheiben mehr. Das Zimmer dahinter ist voller Unrat. Tapeten schälen sich von der Wand. Ein Beispiel für den „Broken-Windows-Effekt“ – Müll breitet sich dort aus, wo etwas kaputtgegangen ist und nicht repariert wird. Wo Normen verletzt wurden, werden sie immer wieder verletzt.

Für Schnur macht das Quartiersmanagement einen Fehler: Es setzt zu sehr auf messbare Erfolge wie Sanierungen von Häusern oder Weiterbildungsangebote. Wichtiger sei es, in die Häuser zu gehen und mit den Bewohnern zu sprechen, um sie für den Kiez zu aktivieren. Die „Ortsbindung“ müsse erhöht werden. „Das ist der Schlüssel“, sagt Schnur. Wenn sich die Bewohner selbst für ihren Kiez verantwortlich fühlen, werden sie auch aufpassen, dass ihm niemand Schaden zufügt.

Mit Studenten hat Schnur vor ein paar Jahren eine Umfrage bei 740 Moabitern gemacht. In einem Punkt waren alle einig: Müll und Hundekot sind die schlimmste Plage. Der Dreck wurde als ein Symptom für den Niedergang des Viertels gewertet. Anstatt selbst dagegen anzugehen, riefen die meisten nach Polizei und Stadtreinigung. Gleichzeitig wurden die Behörden beschimpft, weil sie „nichts tun“. Resigniert wenden sich dann viele von ihrem Kiez ab, sagt Schnur.

Vielleicht ist aber auch alles ganz anders. Vielleicht brauchen wir die verwahrlosten Orte, die Graffiti und die Ruinen in der Stadt. Als Abenteuerspielplatz für Jungs im Mutprobenalter. Als kreativen Erlebnisraum ohne staatliche Reglementierungen. Als Ort für wilde Partys. Für Flohmärkte. Zum Abbau von Aggressionen. Als Kunstort.

An der Kreuzung Schönhauser Allee/Bornholmer Straße in Prenzlauer Berg stand wochenlang ein zerknautschtes Auto auf dem Bürgersteig. Irgendjemand hat dann einen Zettel drangeklebt: Visual Pollution – Sichtbare Verschmutzung. Damit war aus dem Schrottauto ein Kunstobjekt geworden. Die Fußgänger freuten sich über den ungewöhnlichen Anblick, diskutierten, wie lange das Auto wohl schon dasteht, wem es gehören mag. Der Schrott regte die Kommunikation an.

Was den Aggressionsabbau anbelangt, kann David Auskunft geben. Weil er gerade nichts anderes zu tun hat, hämmert er mit der Axt gegen eine Sperrholzplatte an der „Alten Clay“. Die Ruine der Clay-Oberschule am Efeuweg in Neukölln ist wahrscheinlich Berlins verwahrlosester Ort. Wegen asbesthaltiger Baustoffe wurde die Schule 1989 geschlossen, aber aus Geldmangel nicht abgerissen. Seitdem versinkt der graffitiübermalte Koloss langsam im wuchernden Gestrüpp, das auf einer dicken Schicht aus Geröll, Scherben, Papier und zerbeulten Dosen gedeiht.

Absturz in den Keller

David und sein Kumpel René, beide 14 Jahre alt, wollen in die verrammelte Schule einsteigen, um sich drinnen richtig auszutoben. Es ist nicht das erste Mal, David ist schon einmal mit dem Fahrstuhl in den Keller gestürzt. „Der stand noch richtig unter Strom.“ Dort unten habe er dann Unmengen von Ratten aufgeschreckt.

David und René sind eigentlich ganz anständige Jungs. Sie sagen ihre Namen, die wir zu ihrem Schutz geändert haben. Sie siezen Erwachsene und werfen nicht mit Fäkalausdrücken um sich. Dass dieser Ort mal auf sie abfärbt, dass sie selbst verwahrlosen, steht nicht unmittelbar zu befürchten. Furchterregend ist aber, dass die Clay-Ruine schon einen Platz in ihrem Weltbild eingenommen hat. „Schlimm ist, dass Deutschland kein Geld mehr hat, um aufzuräumen“, sagt David. „Man denkt sich, Berlin ist die größte Müllhalde der Welt“, sagt René. Bei den Lehrern oder Eltern sei das aber kein Thema. Die haben sich damit abgefunden, wie man sich mit Regenwetter oder schlechten Aktienkursen abfindet. Auch David und René haben sich an den Müll gewöhnt. Ist nicht schön, aber ist eben so. David erwähnt beiläufig, er habe vor kurzem mit dem Rauchen angefangen. Die Kippen schmeißt er nicht direkt auf die Straße, sondern in die Rabatten am Rand. Da sollen sie dann in Ruhe verrotten.

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