Zeitung Heute : Kurzmeldungen

Adelheid Müller-Lissner

Sie haben es getan: Gerhard Schröder und George W. Bush haben sich versöhnt. Nun ist Streit in der Politik nichts Besonderes, aber dieser nahm im letzten Wahlkampf persönliche Züge an. Er drohte gar, die deutsch-amerikanischen Beziehungen zu belasten, doch die Aussprache ließ auf sich warten. Versöhnen scheint nicht so einfach zu sein. Nicht in der Politik, nicht im privaten Leben. Weshalb wir zuweilen einiges auszuhalten haben.

Traditionell ist Verzeihen, Vergeben und Versöhnen eine Forderung vieler Religionen. Doch längst haben Psychologie und Sozialwissenschaften begonnen, das Thema für sich zu beanspruchen. Ihr Rat scheint gefragt: „Wo immer sich Menschen begegnen, ob in der Schule, in der Arbeitswelt, in Freundschaften, in Paarbeziehungen oder bei Geschwistern, stößt man auf den Widerspruch zwischen dem Wunsch nach einem möglichst harmonischen Einverständnis und der oft totalen Unfähigkeit, Meinungsverschiedenheiten auszutragen und Spannungen zu lösen“, sagt der Berliner Psychoanalytiker und Psychiater Horst Petri.

Neue Handlungsfähigkeit

In den USA ist „forgiveness“ sogar zum Forschungsthema geworden. Wenn wir zur Versöhnung bereit sind, so die wichtigste Botschaft, dann tun wir damit nicht nur den anderen, sondern vor allem uns selbst etwas Gutes. Am Institute of Social Research der Universität von Michigan ergab eine Befragung von fast 1500 Bürgern, dass die Bereitschaft, seinen Mitmenschen zu vergeben, zu mehr Lebenszufriedenheit führte. Stress, Unruhe und Traurigkeit wurden dadurch erkennbar gemindert. Dieser Effekt nimmt anscheinend im Lauf des Lebens zu: „Besonders deutlich war der Zusammenhang zwischen der Bereitschaft, anderen zu vergeben, und der seelischen Gesundheit bei Amerikanern im mittleren und höheren Lebensalter“, erklärt der an der Studie beteiligte Soziologe David Williams. An der University of Wisconsin konnten mit einem eigenen „Forgiveness“-Training sogar Stressreaktionen von Herzpatienten gemindert werden.

Dem deutschen Magazin „Psychologie Heute“ war das Thema Versöhnung ein Schwerpunkt-Heft wert. „Wenn wir daran arbeiten, eine Kränkung zu verzeihen, bringt es uns weiter, wenn wir die seelischen Kosten des Ressentiments und des Grolls abwägen gegen die kleine Mühe, die es uns kostet, eine Versöhnung einzuleiten“, schreibt dort der Psychologe Axel Wolf. Auf der Haben-Seite steht zuerst die Seelenruhe. Mindestens ebenso wichtig sind aber Klarheit und neue Handlungsfähigkeit: Beziehungen können gerettet oder aber ohne Ressentiments beendet werden. Wenn der Groll auf ungerechte Eltern, undankbare Kinder, untreue Partner oder unzuverlässige Freunde wegfällt, wird Energie für neue Lebensaufgaben frei.

Der New Yorker Pychotherapeut Robert Karen, Autor des Buchs „The Forgiving Self. The Road from Resentment to Connection“ warnt allerdings vor überzogenen Erwartungen an die eigene Bereitschaft, den ersten Schritt zu tun. „Um eine realistische Option zu sein, muss die Versöhnungsbereitschaft die ganze Realität der menschlichen Psychologie ins Kalkül ziehen.“ Doch da tut sich zuweilen ein Abgrund auf: „Wir sind verletzt, sind ärgerlich, und das manchmal in erschreckendem Ausmaß. Und es gelingt entweder, daran zu wachsen und sich zu versöhnen, oder es gelingt nicht.“

Das braucht seine Zeit. Wie die Trauer, so Karen, ist der Prozess, der der Versöhnung vorausgeht, harte Arbeit. Wenn das Ergebnis echt sein soll, müssen zuvor die negativen Emotionen durchlebt werden. Der Weg zur erneuten Harmonie ist oft mit Wut, Vorwürfen und Vergeltungswünschen gepflastert. Mancher macht dabei auch die Erfahrung, zu welchen Racheakten er – zumindest in der Phantasie – fähig ist.

Psychologen gehen davon aus, dass unsere Reaktionen auf Kränkungen und erlittenes Unrecht stark von frühen Bindungserfahrungen bestimmt sind. Robert Karen spricht vom „binären Baby“ und meint damit die frühe Phase, in der ein Kind seine Mutter als zwei getrennte Personen empfindet: Die gute Bezugsperson, die es hegt und pflegt auf der einen, die „böse“, verweigernde Person auf der anderen Seite. Wut und Zuneigung sind klar verteilt. Wenn das Kind begreift, dass beide Gefühle ein und derselben Person gelten, wird die Welt komplizierter. Im besten Fall lernt das Kind aber auch, dass negative Gefühle, dass Konflikte und Überreaktionen die Beziehung nicht gefährden. Dann ist es, wie die Bindungstheoretiker sagen, „sicher gebunden“. Schuldzuweisungen und Rechthaberei sind dieser Theorie zufolge dagegen ein Anzeichen dafür, dass ein Mensch dem binären Denken verhaftet geblieben ist.

„Versöhnungsbereitschaft entsteht, wenn wir einen Konflikt intellektuell bearbeiten können und uns mit den Wurzeln der eigenen Reaktionsmuster auseinander setzen“, schreibt Wolf in „Psychologie Heute“. Wer sich mit anderen versöhnen will, muss lernen, sich in ihre Schwierigkeiten einzufühlen und die Bereitschaft mitbringen, sich selbst mit ihren Augen zu sehen.

Dabei haben Frauen nach amerikanischen Forschungsergebnissen eine etwas höhere Bereitschaft zur Versöhnung als Männer. Bei einer kleinen Gruppe der Befragten führt das Harmoniebedürfnis allerdings zu allzu viel Selbstbezichtigung: Wer seine Mitmenschen ständig um Entschuldigung bittet oder immer wieder zu Gott um Vergebung für sich und andere betet, ist, wie die Sozialwissenschaftler aus Michigan ermittelten, meist mit seinem Leben weniger zufrieden und steht unter bedenklichem Stress.

Versöhnung kommt von Sühne

Das gilt nicht für die unzähligen Male, die wir andere im Alltag aus banalem Anlass um Verzeihung bitten. Wenn aber mehr dahinter steckt als ein versehentliches Anrempeln in der U-Bahn, ist eine solche Bitte oft unendlich schwer. Robert Karen warnt deshalb davor, Kinder dazu zu zwingen, sich zu entschuldigen. Versöhnung kommt schließlich von „Sühne“, und die ist weder im privaten noch im öffentlichen Rahmen einfach.

Manchmal braucht es eine großzügige Geste. So schickte der biblische Jakob seinem Bruder Esau Hunderte von Herdentieren als Geschenk, bevor er sich persönlich mit ihm traf. „Ich will ihn durch das Geschenk, das mir vorauszieht, günstig stimmen. Erst dann will ich ihm vor die Augen treten.“ Der ältere Zwillingsbruder, der mit dem ehrgeizigen Jakob, dem Liebling der Mutter, Jahre zuvor einiges mitgemacht hatte, verstand und verzieh. Bruderliebe siegte über den Hass – „und sie weineten“.

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