Zeitung Heute : Kurzmeldungen

Er hat sie geliebt wie eine Schwester: Eka, das Kindermädchen. Sie gehörte für den Sänger Reinhard Mey zu Weihnachten wie Mutters Zimtsterne. Am entscheidenden Tag war sie in Ost-Berlin – das Fest 1961 fand ohne Eka statt. Und die Meys stellten eine traurige Kerze für sie ins Fenster Die Unvergleichliche

Elisabeth Binder

Sie hieß Eka. Eka wie Erika, und sie war das Kindermädchen von Reinhard Mey. Eigentlich war sie eine Schülerin der Mutter, die Hauswirtschaftslehrerin war. Die beiden hatten sich so ungewöhnlich gut verstanden, dass Mutter Mey der 15-Jährigen ihre Kinder anvertraute. Als das mit der Mauer passierte, hätten sie ein Kindermädchen, streng genommen, nicht mehr gebraucht. Reinhard war schließlich schon 18 Jahre alt und ein ernsthafter junger Mann, der im Urlaub in Spanien vom Mauerbau erfahren hatte. Die Nachricht hat ihn getroffen wie ein Schlag, etwas „das mir, Reinhard, ganz persönlich angetan worden ist“. Eka war zu diesem Zeitpunkt längst ein Familienmitglied geworden. So etwas wie eine ältere Schwester. Sehr geliebt.

Weihnachten war sie immer dabei. Der kleine Reinhard verdankte ihr das frühe Training seiner Geschmacksnerven. Eka hatte ja von seiner Mutter, die wunderbar kochen konnte, diese Kunst erlernt, praktizierte sie aber ganz anders. „Es gibt hundert Arten Kartoffelsalat zu machen“, sagt er bei Nudeln und Salat in seinem Lieblingsristorante. Damals konnte er am Geschmack erkennen, welchen Salat Eka und welchen seine Mutter gemacht hatte. Allerdings bei den Zimtsternen, da blieb die Mutter ungeschlagen. Die konnte, befand er, „niemand auf der ganzen Welt so gut machen wie sie“.

Eka hatte sich in ihrer Kindermädchenzeit verliebt. Einem Ost-Berliner Maler schenkte sie ihr Herz und dann auch noch ihre Hand. Also war sie am 13. August auf der anderen Seite der Mauer. Also konnte sie Weihnachten 1961 nicht, wie sonst all die Jahre, mit der Familie zusammen feiern. Konnte nicht den Vater Mey am Klavier hören und den Sohn auf der Gitarre und den künftigen Schwiegersohn auf der Klarinette. Konnte nicht mit dem inzwischen ja doch schon recht großen Reinhard über die ganz und gar unmögliche Sprache von Kirchenliedern witzeln und darüber, wie der „Owie“, („O wie lacht…“), wohl aussehen mag, denn der Satzstellung nach müsste es sich ja wohl doch um einen Menschen handeln, vielleicht ums Christkind gar. Egal, am liebsten hörten sie damals sowieso die englischen Weihnachtslieder auf dem Soldatensender.

Eka konnte in jenem Jahr auch nicht von den roten Geleeplätzchen kosten, in deren Herstellung Mutter Mey ebenfalls ungeschlagen war. Die Geleemasse wurde immer schon Tage vor dem Fest auf flache Teller gegossen und mit Sternen verziert. Und obwohl der kleine Reinhard sie über alles liebte, wäre er nie auf den Gedanken gekommen, sich vor dem Fest daran zu vergreifen, wie er auch nie versucht hat, herauszufinden, was für Geschenke er bekommen würde. Denn er war im Herzen bereits ein Künstler. Künstler aber lieben Überraschungen. Und um sie richtig auskosten zu können, müssen sie aufs Naschen verzichten.

Es gab in jenem Jahr auch noch keine Post- und Päckchen-Routine. Allerdings gab es Kerzen. Wenn seine Frau Hella ohne ihn weggeht, stellt Reinhard Mey ihr abends eine Kerze ins Fenster. Das Gleiche tut sie für ihn auch. Sogar im Sommer tun sie das, wenn es nachts draußen hell ist. Und Weihnachten 1961 stellten die Meys Kerzen für Eka in ihre Fenster. Und obwohl sie besonders hell leuchteten, waren es traurige Kerzen. „Es war sogar schlimmer, als wenn jemand gestorben war“, erinnert sich der Sänger. Mit dem Tod kann man sich abfinden, weil er natürlich ist. Aber mit der Tatsache, dass jemand nur ein paar Kilometer weit weg ist und nicht kommen kann, nur weil irgendjemand eine Mauer gebaut hat? Das kann man ja, bei Licht betrachtet, nicht einmal richtig verstehen. Eka fehlte, und das tat weh.

In den kommenden 28 Jahren hat er sie nicht wiedergesehen. Eine Erklärung, warum er sie nicht besucht hat, obwohl das später ja möglich gewesen wäre, hat er nicht. Vielleicht wollte er einfach instinktiv seine Erinnerung an sie rein halten vom Desinfektionsgeruch des real existierenden Sozialismus. Vielleicht hat ihn auch nur die Ost-Berliner Luft gelähmt. Das Wiedersehen gab es erst im November 1989, zwei Tage nach der Öffnung der Mauer, am Martinstag. Das ist der Tag, an dem die Kinder Kerzen in bunten Fackeln durch finstere Straßen tragen.

Eka kam gerade rechtzeitig genug zurück, um ihre alte Lehrerin in den Tod zu pflegen. Als sie dann schließlich gestorben war, wurde sie für die Kinder des Sängers so etwas wie eine Oma. Omas aber, findet Reinhard Mey, sind fast noch wichtiger als Eltern. Und das nicht nur zur Weihnachtszeit.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben