Zeitung Heute : Kurzmeldungen

Deutschland gehört zu den reichsten Ländern der Welt. Trotzdem wachsen immer mehr Kinder in Armut auf – nicht nur am Rand der Gesellschaft. Regierung und Opposition suchen nach Auswegen – mit zusätzlichem Geld und mehr Betreuung. Was auf dem Spiel steht

Cordula Eubel Martin Gehlen

TUN WIR GENUG FÜR UNSERE KINDER?

Von Cordula Eubel

und Martin Gehlen

Unsere Gesellschaft ist auf Kinder angewiesen. Aber tun wir auch genügend für unseren Nachwuchs? Waren früher vor allem ältere Menschen einem erhöhten Armutsrisiko ausgesetzt, so sind es heute besonders Kinder. Obwohl Deutschland eines der reichsten Länder der Welt ist, sind Kinder für ihre Eltern mittlerweile das Armutsrisiko Nummer eins. Etwa 1,1 Millionen Kinder leben von Sozialhilfe, noch nicht dazu gezählt die „verdeckte Armut“.

Die Kinderarmut könnte mit den Sozialreformen der Bundesregierung wachsen, fürchten Verbände. Die Zahl armer Kinder, die von Sozialhilfe leben, werde um bis zu 500 000 auf 1,5 Millionen steigen, prognostizieren der Paritätische Wohlfahrtsverband und das Deutsche Kinderhilfswerk. Verantwortlich dafür sei die Absenkung der Arbeitslosenhilfe auf Sozialhilfeniveau. Auch der hessische Sozialrichter Jürgen Borchert warnt, etwa durch Kürzung der Pendlerpauschale drohe kinderreichen Familien Armut.

Große Familien besonders betroffen

Doch wie lässt sich Armut messen? In der Sozialforschung hat sich eine Definition von Armut durchgesetzt, die sich auf den jeweiligen Lebensstandard in einem Land bezieht. Danach gelten Familien als arm, wenn sie weniger als 50 Prozent des durchschnittlichen Einkommens zur Verfügung haben. In „prekärem Wohlstand“ leben dagegen Haushalte, die knapp über der Armutsschwelle liegen, also beispielsweise 60 Prozent des Durchschnittseinkommens verdienen. Rund 6,6 Prozent der Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren leben nach Angaben des Deutschen Kinderhilfswerks gegenwärtig von Sozialhilfe. Dieser Wert sei doppelt so hoch wie der Anteil dieser Altersgruppe an der Gesamtbevölkerung. Allein in Berlin müssten fast 100 000 junge Menschen mit Sozialhilfe auskommen, Tendenz steigend.

Betroffen sind zum einen Familien mit mehreren Kindern, zum anderen Alleinerziehende. In knapp einem Fünftel der Haushalte mit Kindern kümmert sich nur die Mutter (oder der Vater) alleine um das Kind. Verarmung ist nicht mehr auf wenige soziale Schichten begrenzt. Weil es keine ausreichenden Kinderbetreuungsmöglichkeiten gibt oder die Unterhaltszahlungen nicht ausreichen, geraten vor allem alleinerziehende Frauen in Einkommensarmut. Der jüngste Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung zeigt außerdem, dass Familien mit drei oder mehr Kindern in Not geraten, ebenso wie ausländische und Migrantenfamilien.

Die Folge: Große Familien und Alleinerziehende sind auf billigen Wohnraum angewiesen. Wie Sozialforscher zeigen, wohnen sie in den Städten eher in Stadtteilen mit schlechterer Infrastruktur, stärkerer Umweltbelastung und schlechterer Bausubstanz. Für Jugendliche aus armen Familien ein Teufelskreis: Ihre Schulqualifikation ist geringer als die ihrer Altersgenossen, sie haben später im Beruf geringere Aufstiegschancen.

Wie Kinderarmut bekämpft werden kann, da sind sich die Parteien nur zum Teil einig. Eine Grundsicherung für Kinder schlagen die Grünen vor. Ziel ist es, eine eigenständige Existenzsicherung von Kindern aufzubauen, unabhängig vom Einkommen der Eltern. Ihr Mindestbedarf soll über einen eigenen Transfer abgedeckt werden, den Eltern gleichzeitig ein Anreiz geboten werden, Arbeit aufzunehmen. Langfristig sollen nach Vorstellungen der Grünen alle Leistungen, die Kindern zugute kommen, in einer Kinderkasse gebündelt werden.

Ein Kind braucht 366 000 Euro

Die Union setzt dagegen auf ein einkommensunabhängiges Familiengeld. Für die ersten drei Jahre eines Kindes sollen die Eltern 600 Euro im Monat erhalten, bis zum 18. Lebensjahr dann ein Kindergeld von 300 Euro. Mit etwa 20 bis 30 Milliarden Euro ist die Finanzierung eines solchen Familiengeldes allerdings noch ungeklärt. Vertreter von Rot-Grün kritisieren die Maßnahme außerdem als „Herdprämie“.

Für die finanziellen Lasten, die Kinder mit sich bringen, kann der Staat ohnehin kaum vollständig aufkommen. Kinder brauchen nach Berechnungen des Kinderhilfswerks im Minimum 300 Euro im Monat zum Leben. Bis zum 18. Lebensjahr kostet ein Kind seine Eltern durchschnittlich knapp 366 000 Euro. Der Staat übernimmt nur ein Drittel der Kosten. Familie und Beruf können aber leichter unter einen Hut gebracht werden, wenn die Betreuungsangebote ausgebaut werden: vom Kleinkind bis zur Ganztagsschule. Da sind sich alle Parteien einig.

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