Zeitung Heute : Kurzmeldungen

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KLASSISCH: Sergej Iwanow, 41

Mein Akkordeon stammt noch aus Russland. Ich habe es dort vor mehr als 20 Jahren in einem Geschäft gekauft. Es ist fast das einzige, das ich von dort mitgebracht habe, als ich vor zehn Jahren nach Deutschland kam. Seither lebe ich in Berlin, die ganze Zeit schon. Leider spreche ich nicht so gut Deutsch. Aber dann habe ich vor acht Jahren angefangen, mein Geld als Straßenmusiker zu verdienen, und Musik funktioniert ja ohne Worte. Dabei ist es geblieben. Was ich früher in Russland gemacht habe? Ach, wissen Sie, früher ist früher.

In Berlin habe ich wieder einen geregelten Arbeitstag. Ich spiele etwa acht Stunden am Tag, meistens Klassik: Händel, Bach, Mozart. Das machen nicht viele Kollegen. Ich weiß auch nicht warum. Die Konkurrenz in diesem Sektor ist jedenfalls gering. Es gibt noch einen Musikanten am Alexanderplatz, der auf dem Synthesizer Klassik spielt. Ansonsten hört man an jeder Ecke Schlager. Wenn ich russische Musik spiele, dann nur leichte Volkslieder und Romanzen, die die Leute auch in Berlin irgendwie kennen: „Schwarze Augen“ oder „Moskauer Abende“. An einem guten Tag verdiene ich etwa 30 Euro, wenn es sehr gut läuft sogar 35 Euro. Ich wechsle oft meinen Standort, weil die BVG mir jeden Tag eine Genehmigung für einen anderen Ort gibt. Heute stehe ich zum Beispiel an der UBahn-Station Möckernbrücke, morgen in Stadtmitte und dann vielleicht am Halleschen Tor. Jetzt im Winter ist es schwieriger, über die Runden zu kommen. Die Menschen möchten einfach weitergehen und haben die Hände in den Taschen. Man muss sich sehr anstrengen. Wenn es kalt ist, rückt niemand so schnell Geld heraus. Im Sommer ist das anders. Aber was soll man machen? In Russland ist der Sommer ja noch kürzer.

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