Kuschelpartys : Happy Hour

Für 13 Euro bekommt man ein Heizkissen. Oder ein bisschen Glück. Auf Kuschelpartys treffen sich einsame Großstädter und holen sich von Fremden eine Portion Wärme.

Als sie kurz zuvor ihre Arbeit beendete, ihren Computer in der Zeitarbeitsfirma ausschaltete, als sie ihre Jacke nahm, da hätte sie fast wieder einen Rückzieher gemacht: Johanna, 38, hatte sich fest vorgenommen, an diesem kalten Donnerstagabend in den Arm genommen zu werden – von Menschen, die sie noch nie im Leben gesehen hatte. Doch die Vorstellung schien ihr plötzlich wieder so absurd. „Ich hatte Angst vor der Nähe“, sagt sie. Was, wenn da Leute sind, die mich abstoßen, habe sie sich gefragt, „auch vor Körpergeruch habe ich mich gefürchtet“. Fast wäre Johanna nach Hause gegangen, unberührt, wie an den meisten Abenden.

Jetzt liegt sie flach auf dem Rücken, und zwei Männer drücken sich an ihren Körper. Sie berühren sie mit den Händen, massieren sie, streicheln sie. Es ist heiß, die Luft riecht nach Kerzen und schwitzenden Menschen, das Licht flackert, rundherum liegen noch andere auf gelben Matratzen. Doch Johanna sieht all das nicht: Sie hat sich die Augen mit einem Tuch verbunden, damit sie nicht mehr so viel denkt, sondern endlich nur noch fühlt. Sie ist glücklich in diesem Moment, wird sie später sagen, glücklich wie schon lang nicht mehr.

Kuschelpartys sind eine Erfindung aus New York, Welthauptstadt der Singles. 2004 lud ein junger Judolehrer namens Reid Mihalko erstmals zu einer „Cuddle Party“ in seine Einzimmerwohnung in der Eastside. Da kamen kuschelbedürftige Großstädter, um sich nach festen Regeln zu berühren: Sex war tabu, die Kleider blieben an. Berührung ist ein Grundbedürfnis, hieß es, und das sollte in einem sicheren Rahmen gestillt werden. Die Nachfrage war so groß, dass der Trainer schon bald einen Raum in Soho mietete und andere Kuscheltrainer ausbildete. Mittlerweile werden in fast jeder großen Stadt solche Partys angeboten. In Berlin-Kreuzberg sind an diesem Abend 26 Menschen in ein Meditationszentrum gekommen, um berührt zu werden oder sich einfach mal wieder anzulehnen.

Da ist zum Beispiel Martin, ein junger Blonder mit Brille. Wenn er spricht, kommt er etwas zu nah ran an sein Gegenüber, aber das merkt er nicht: „Ich habe Angst vor Freiheitsverlust“, sagt er, trotzdem spüre er diese Sehnsucht nach Nähe. Da ist Dagmar, die zwar einen netten Partner hat, wie sie sagt, aber der könne nicht kuscheln, der könne Nähe und Sex nicht voneinander trennen. Da ist der alleinerziehende Vater Paul, der es schwer hat, eine Frau zu finden.

Und da ist Johanna. Blonde Haare, kinnlang, Augenfarbe: blau. Seriös sieht sie aus mit ihren Perlenohrringen, der randlosen Brille und der aufrechten Haltung. „Ich bin allein“, sagt sie, „und ich habe Bedürfnisse.“ Vorhin, als sie im Büro stand und mit sich kämpfte, da habe sie einen Entschluss gefasst: Warum soll ich leiden, wenn ich mein Verlangen nach Nähe hier stillen kann. Mit Rückenschmerzen geht man zur Massage, mit Langeweile ins Kino, ich gehe zum Kuscheln. Seit einem Jahr sucht sie einen Partner: „Ich denke über Familie nach – das verschreckt die meisten Männer.“

Am Eingang schon ziehen die Teilnehmer die Schuhe aus. Rosi Doebner, die Trainerin, grüßt mit einem Lächeln, dann kassiert sie 13 Euro. Jeder bekommt ein Klebeschild auf die Brust, darauf ist mit Edding der Vorname geschrieben und dahinter ein rotes Herzchen gemalt. In der Ecke stehen ein Sofa und Holzstühle, darauf haben manche Platz gefunden, andere stehen verlegen auf Socken herum oder drücken sich mit dem Rücken an die Wand. Wieder andere kennen sich vom letzten Mal, begrüßen sich mit Küsschen, machen ein bisschen Smalltalk.

Worüber soll man auch groß reden, wenn man sich fremd ist und sich kurze Zeit später auf einer Schaumstoffmatratze wälzen soll? „Viele schätzen die Anonymität“, sagt die Kuscheltrainerin. Zwischendurch herrscht immer wieder Schweigen, man hört die Leute atmen.

„Ich habe mal einen Tantrakurs gemacht“, sagt einer in die Runde, seine Brillengläser vergrößern die Augen wie Lupen. Er grinst, „da waren alle nackt“. Aber hier gehe es ihm wirklich nur ums Kuscheln, beeilt er sich hinzuzufügen, das sei etwas ganz anderes. Schweigen.

„Ich bin ganz locker und leicht nach dem Kuscheln“, sagt eine Frau mit Ringelpullover. In ihrer Beziehung sei sie „unterkuschelt“, deshalb komme sie regelmäßig. Wieder Schweigen.

Die Party beginnt. Im Kuschelraum stehen Kerzen auf orangefarbenen Seidentüchern, eine Buddhastatue, die ist noch vom Yogakurs übrig, und jede Menge Kissen. „Wir bilden einen Sitzkreis“, sagt Rosi Doebner, ihre Stimme klingt, als wolle sie hypnotisieren. „Kuscheln“, erklärt sie, „Kuscheln setzt Energie frei und bringt Entspannung. Im Gehirn werden Glückshormone ausgeschüttet, Kuschelhormone, ja, die gibt es.“ Rosi Doebner ist Diplombiologin. Seit zwei Jahren leitet sie Kuschelseminare in Berlin und Frankfurt: vom Börsenmakler zur Managerin, zum Familienvater – da kämen die unterschiedlichsten Leute, sagt sie.

Aufwärmphase. Jeder muss sich kurz vorstellen. Die Leute sitzen aufrecht auf kleinen Kissen, einige rutschen nervös vom Schneidersitz zurück in die Hocke. Noch hängt die Distanz zwischen ihnen wie ein schwerer Vorhang.

„Ich bin zum ersten Mal hier“, sagt Johanna, „und ich freue mich auf Kontakt.“ Ihre Wangen röten sich, sie lächelt und gibt schnell weiter. „Heut ist richtiges Kuschelwetter“, sagt die Frau neben ihr. Einige kichern, Rosi Doebner nickt zustimmend. „Ich bin der Markus, und ich komme regelmäßig“, sagt einer im blauen Trägerhemd, er könne jedem versichern, dass er nach der Party glücklicher sein werde.

Es gibt 11,2 Millionen Singles in Deutschland. Was, wenn man jahrelang nicht berührt wurde, wenn ein Händeschütteln für lange Zeit der wärmste Kontakt zu anderen Menschen war? Einsamkeit macht taub. „Irgendwann spürt man den Körper nicht mehr. Man vergisst, welche Empfindungen man haben kann. Und auch, welche man braucht“, sagt Kuscheltrainerin Doebner. Es gebe Menschen, die seien körperlich so unsicher, die können sich gar nicht mehr berühren lassen. Aber „nach einer Gewöhnungsphase blühen sie so richtig auf“.

Nach ein paar Lockerungsübungen der erste Körperkontakt: Mit geschlossenen Augen laufen die Kuschelbedürftigen in die Mitte des Raumes, tasten sich im Stehen an die vielen fremden Körper heran, bis sie ein riesiges schwankendes Menschenknäuel sind. Ein kleiner Mann legt den Kopf auf die fleischigen Schultern einer Frau, einer umarmt fünf Leute von hinten, eine Frau in lila Leggins krault einer anderen den Nacken. Die Kuscheltrainerin schaut derweil, ob sich alle wohlfühlen, ob keiner zu aufdringlich wird. Alle lächeln benebelt, die Wangen glühen, einige seufzen. Die Luft im Raum ist heiß und dick wie in der Sauna.

„Unsere Gesellschaft ist kalt“, findet Johanna. Die Menschen wollen immer mehr Freiheit und Individualität, sagt sie, da sei es schwer, sich nicht einsam zu fühlen. Zwar habe sie viele Freunde und es mache ihr nichts aus, mal etwas allein zu unternehmen, Fahrrad fahren, Ausstellungen, „aber trotzdem gibt es diese Momente, in denen das nicht reicht“.

Jetzt legen sich alle auf die Matten. Die „Verwöhnübung“ ist für viele das Beste: Man darf sich mit verbundenen Augen ausstrecken und von anderen wünschen, an bestimmten Stellen berührt zu werden. „Etwas fester im Nacken, an den Beinen und die Füße bitte“, sagt ein junger Mann, er ist zum ersten Mal dabei. „An der Taille bitte und im Gesicht“, sagt eine kleine Frau mit Wollsocken. „Die Augenbinde hilft euch, euer Wertesystem auszuschalten und euch nur noch auf Gefühle zu konzentrieren“, sagt Rosi Doebner. „Denkt immer daran, dass ihr auch Nein sagen könnt.“ „Danke, das fühlt sich so toll an“, sagt einer und seufzt.

In der Abschlussphase, kündigt Rosi Doebner an, dürfen alle durcheinanderkuscheln: Da legen sich Männer über Männer, Frauen über Frauen, kreuz und quer verschlingen sich Arme, Beine, Köpfe zu wilden Körperlandschaften. Ein älterer Herr kuschelt eng umschlungen mit einer Dame, als wollten sie sich nie mehr loslassen. Auch Johanna liegt zwischen zwei Männern. Ihr Kopf schmiegt sich an die Brust des einen, der andere hat von hinten das Bein über sie gelegt. Bis auf das Geräusch von Haut, die über Stoff gleitet und hin und wieder ein Lachen, ist nichts zu hören.

Euphorie, Glück, Geborgenheit und Wärme, sagt Johanna später mit glänzenden Augen, „das war wie ein Rausch für mich, diese männliche Energie“. Nein, sexuell sei daran nichts gewesen. Aber süchtig mache es, wie eine Droge. Die nächste Kuschelparty wolle sie lieber auslassen, sagt sie, „sonst vergesse ich noch, dass ich in Wirklichkeit einsam bin. Das wäre nicht gut: Ich will ja einen Partner finden.

Sie trennen sich nur widerwillig. Rosi Doebner schaltet die Musik ab und dreht das Licht etwas heller. Mit zerzausten Haaren und roten Gesichtern setzen sich die Ersten auf, lösen sich aus der Umarmung, verwirrt, als wären sie aus einem merkwürdigen Traum erwacht.

Bald werden sie sich wieder fremd sein, zurück in der Anonymität. Doch erst verabschieden sie sich wie Freunde, klopfen sich auf die Schulter, umarmen sich. Dann ziehen sie ihre Schuhe aus dem Regal, streichen sich die Haare glatt. Und verschwinden in der Berliner Nacht, etwas glücklicher als vorher.

Infos unter www.die-kuschelparty.de

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