Zeitung Heute : L.A. Times verkauft redaktionelle Beiträge

Gerti Schön

Es war nicht das erste Mal, dass die Redaktion der renommierten "Los Angeles Times" mit ihren Verlegern übers Kreuz geriet. Der neue Skandal macht jedoch deutlicher denn je, wie sehr die Manager und Finanzstrategen die Medien Amerikas im Griff haben. Die Reporter und Redakteure der "L.A. Times" hatten eine Reihe Geschichten für eine speziell zusammengestellte Magazin-Beilage geschrieben. Darin ging es vor allem um ein neues Sport- und Unterhaltungszentrum, das die Schreibwaren-Kette Staples in Downtown Los Angeles eröffnet hatte, um den abends ausgestorbenen Innenstadt-Bereich zu beleben.

Doch was die Journalisten und mit ihnen Chefredakteur Michael Parks nicht wussten: Verlagsleiterin Kathryn Downing hatte einen Deal mit Staples abgeschlossen, der besagte, dass die Einnahmen aus dem Sonderheft dem Konzern und der Zeitung zu gleichen Anteilen zufallen sollten. Ein Business-Deal, der als Tabu gilt, weil er die redaktionelle Freiheit eines Mediums in Zweifel zieht.

Die Redaktion erfuhr erst davon, nachdem die Beilage bereits zirkulierte. Doch dann brach ein Gewitter los: Praktisch die gesamte Belegschaft konfrontierte die Verlagsleitung in einer Sitzung mit dem Vorwurf, hier sei der "journalistische Rubikon" überschritten worden, berichtete die "New York Times". Kathryn Downing versuchte sich kaum zu rechtfertigen. In einer Erklärung entschuldigte sie sich für die Aktion. Downing, die ihre Karriere bei einem juristischen Verlag begonnen hatte, ist ein Protegé des früheren Verlagschefs der Zeitung, Mark Willes. Willes wurde international berüchtigt dafür, dass er die "Mauer" zwischen Redaktion und der wirtschaftliche orientierten Verlagsseite niederreißen wollte. Er ging sogar so weit, den Redaktionen "Berater" zur Seite zu stellen, die eine optimale Abstimmung zwischen Inhalten und Anzeigen gewährleitesten sollten. Downing war noch ehrgeiziger als Willes. Dessen erklärtes Ziel war es lediglich, die stagnierende Auflage von einer Million um 50 Prozent zu erhöhen. Downing wollte sie verdoppeln.

Doch die einstmals abgerissenen Mauern sollen jetzt wieder errichtet werden. In einem Memorandum an die Redaktion schrieb die Verlagsleiterin, die es ablehnt, zurückzutreten: "Unter Leitung der Redaktion werden wir inhaltliche Richtlinien entwickeln, die die redaktionelle Freiheit und Unabhängigkeit klar definieren werden, genauso wie die Interaktion zwischen Redaktion und Business-Seite."

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