Zeitung Heute : La Casserole

Nordafrikanisches Italien

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Mal wieder auf den Dörfern unterwegs gewesen – denen in Berlin. Denn was sind Bezirke wie Tempelhof, Pankow, Köpenick, kulinarisch gesehen, anderes als Dörfer? Und, hochverehrte Bürger des edlen Bezirks Steglitz-Zehlendorf, in welche Restaurants tragt Ihr denn Euer Geld? Nach Mitte und Charlottenburg, versteht sich. Deshalb gibt es im Südwesten Berlins nicht viel mehr als ein paar anständige asiatische und viele nicht ganz so anständige italienische Restaurants, zumal italienische, die gar keine sind, aber zehn Sorten Pizza auf die Karte setzen, weil das halt das Volksnahrungsmittel dort drunten ist.

Doch spotten wir nicht über die Preiswert-Gastronomie, denn sie wird ja gebraucht, muss aber auch fürs geringe Geld angemessenen Gegenwert bringen. So atmeten wir schon ein wenig auf, als uns im Steglitzer „La Casserole“ ein Liter Mineralwasser mit vier Euro berechnet wurde und nicht mit zehn oder mehr, wie es in den Top-Restaurants leider üblich geworden ist. „La Casserole“ ist ein sehr einfaches, kneipenähnliches Restaurant mit einem vorderen Gastraum und einem hinten angrenzenden Schlauch; es wird offenbar von Nordafrikanern betrieben, die ein breites Spektrum von besagter Pizza über Couscous bis hin zu anspruchsvolleren Gerichten anbieten, die auf einer separaten Abendkarte Platz finden. Zum Beispiel Vitello tonnato, kurios auf einem Rucolaberg angerichtet, sehr gutes Fleisch, dazu die angenehme Tunfischsauce separat gereicht, ungewöhnlich, aber gelungen. Damit war das Repertoire der Vorspeisen erschöpft. Wir ließen uns Kürbis-Ricotta-Canneloni bringen, die anstandslos als halbe Portion serviert wurden und jeden „echten“ Italiener durchaus geschmückt hätten.

Bei den Hauptgerichten stießen wir dann rasch auf die stilistischen wie handwerklichen Grenzen der Casserole-Küche: Der gut, also noch nicht ganz durchgebratene Saibling kam mit Haut, was ja in Ordnung ist – nur darf man dann keine Sauce obendrauf kippen, zumal nicht so etwas Seltsames wie die süßliche Amaretto-Sauce, die wohl von der klassischen Mandelforelle inspiriert war. Immerhin zeigten die Gemüsebeilagen – Möhren, Broccoli, Kartoffeln, in grobe Stücke geschnitzt – dass hier frische Ware anständig verarbeitet wird. Zum Hirschkalbsrücken gab es sogar ein wenig Rosenkohl, das Fleisch schmeckte prima, war adrett rosa gegart und fühlte sich in einer leichten, intensiv süß-sauren Sauce richtig wohl – ein feines Gericht aus einer höheren kulinarischen Region, freilich handfest angerichtet ohne optische Ambition.

Soll ich noch über Desserts berichten? Nö. Denn die raren Angebote stammen aus der Mousse-au-chocolat- und Mövenpick-Kugel-pro-Stück-ein-Euro-Abteilung, in der wir uns nicht wirklich heimisch fühlen. Man lege das gesparte Geld lieber für noch ein Glas Wein aus der italienisch-spanisch dominierten Karte an: Der anpassungsfähige, frisch-aromatische Weiße namens „Palacio de Bornos“ aus Spanien kostet sehr angemessene 18 Euro. Das Essen bleibt in diesem Rahmen: Hauptgerichte sind für 13 bis 17 Euro zu haben.

Nein: Sie müssen wegen dieses Restaurants jetzt nicht extra aus Spandau anreisen. Aber wer in der Nähe ist, sollte mal reinschauen – das Risiko des Scheiterns ist relativ gering. Bernd Matthies

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