Zeitung Heute : La Spezia: Bucht der toten Dichter

Stefanie Bisping

"Ein einsames Haus nah am Ufer, umgeben von der sanften und edlen Szenerie der Bucht von Lerici..." So beschrieb der englische Romantiker Percy Bysshe Shelley seine Villa Magni am Ufer des Golfs von La Spezia. Wer so wohnt, kommt auch ohne lange Sandstrände aus, die in Ligurien rar sind. Doch die 30 Kilometer Küste der wie ein Fjord ins Land reichenden Bucht von La Spezia hat andere Reize, die reiselustige Engländer schon im frühen 19. Jahrhundert zu entdecken begannen. Lyriker wie Shelley und Lord Byron gehörten dabei zu den Pionieren.

Einsam ist es hier natürlich nicht mehr - aus der abgelegenen Bucht der Dichter und Denker ist längst die gepflegte Ferienadresse von Städtern geworden. Denn die exaltierte Romantiker-Runde lockte bald Urlauber auf ihre Spuren. Einige wollten sich in ihrem Schatten ausruhen, andere suchten dort Inspiration. Richard Wagner kam her, sah die Bucht und summte die Ouvertüre seiner Oper "Rheingold". Der Londoner Romancier Charles Dickens reiste gleich mehrmals an diese Küste, sein jüngerer Kollege D. H. Lawrence verbrachte ein paar Monate im Dorf Tellaro südlich von Lerici. Auch er geriet ins Schwärmen: "Ich bin so begeistert über den Ort, den wir endlich entdeckt haben ... Eine winzig kleine, halb von den Felsen eingeschlossene Bucht ist da, in Olivenhaine eingehüllt, die flink zu Tal tänzeln."

Und wie flink. Steil fällt die Küste zum Meer hinab. Gleich neben dem Pfad kommen Geröll, viel Grün und der Abgrund. Für Wanderer ist es von Vorteil, schwindelfrei zu sein. Dann lohnt der Ausblick. Dunkelgrün glänzen Pinien und Weinreben, tiefblau glitzert dazwischen das Meer. Entlang der Küste des Golfs von La Spezia ist es den Menschen gelungen, mittels schmaler Terrassen aus den steilen Bergen der Riviera di Levante ein Maximum an Anbaufläche zu gewinnen. Zusammengelegt ergeben die pflegeintensiven Terrassen, auf denen Weinreben und Oliven wachsen, die erstaunliche Länge von 9000 Kilometern. Urlaubern bieten sie die Möglichkeit, sich die Küste zu erwandern - denn weil die Geländestufen erreichbar sein müssen, gibt es überall gut ausgebaute Wege.

Einige der alten Badehotels der Engländer sind dort noch erhalten: dreiflügelige Gebäude, in deren Mitteltrakten die Gäste untergebracht wurden, mit dem Stall an der einen und dem Badehaus an der anderen Seite. Die Gäste des 19. Jahrhunderts sprangen nämlich nicht schlicht ins Meer, sondern ließen sich Wasser in die dafür vorgesehenen Kabinen schleppen.

Der Italien-Liebhaber und Romantiker Percy Bysshe Shelley hatte zweifellos eine schicksalhafte Beziehung zum nassen Element. Seine erste Frau Harriet, mit der er durchgebrannt war, als sie noch minderjährig war, ging ins Wasser, nachdem er sich mit Mary Godwin, die später als Autorin von "Frankenstein" Literaturgeschichte schreiben sollte, aus dem Staub gemacht hatte. Er selbst ertrank im Juli 1822, vier Wochen vor seinem 30. Geburtstag, bei einem Segelunfall im Golf von La Spezia. Einer unter Fremdenführern beliebten Legende zufolge hatte er mit seinem Freund und Kollegen George Gordon Lord Byron gewettet, dass beide den Golf in entgegengesetzter Richtung durchschwimmen sollten. Shelley soll unterwegs in schlechtes Wetter geraten sein, während Byron, der gelegentlich von seinem Domizil in Portovenere nach Lerici hinüberschwamm, es sich angeblich im letzten Moment anders überlegte.

Diese Geschichte fügt sich gut in die anekdotenreichen Biografien beider Dichter ein. Da fällt der kleine Schönheitsfehler, dass sie nicht ganz den Tatsachen entspricht, kaum ins Gewicht - die Wette ist bloße Legende. Doch auch, wer nicht im Freistil die Bucht durchquerte, suchte und fand damals in Italien Nervenkitzel und Exotik. Mary Shelley, geborene Godwin, die als Tochter der Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft und als zunächst noch nicht mit ihm verheiratete Lebensgefährtin Shelleys selbst für einigen Gesprächsstoff in ihrer Heimat sorgte, beschrieb die Einheimischen als "ungebärdige, rohe Leute", die ihr wilder gar erschienen als die Insulaner des Pazifiks. Aber sie erwähnte in ihren Briefen aus der Villa Magni in San Terenzo auch eine unverdorbene Bucht in einmalig schöner, Zypressen bestandener Landschaft und die dramatischen Sonnenuntergänge über dem Fischerdorf Portovenere.

Abenteuerlich sind Italienreisen heute eher selten; was die Romantiker aber außerdem hierher lockte, ist noch immer zu erkennen. Die Schönheit Portoveneres hält allen Touristenstürmen Stand. Dunkelrosa, sonnengelb und ockerfarben schimmern die Spiegelbilder der schmalen Fassaden im Hafenbecken, dessen Wasser allerdings längst mehr Ausflugs- als Fischerboote kräuseln. Zu einer einzigen Mauer sind die Häuser verschmolzen, so dass Angreifer dereinst kaum eine Chance hatten, das wehrhafte Städtchen zu erobern. Spät am Abend, wenn die letzten Reisebusse verschwunden, die leeren Weinflaschen in den Bars zusammengestellt und die Teller abgeräumt sind, kann man sich vorstellen, Portovenere gehöre bis heute nur ein paar Romantikern, halbwilden Katzen und den rechtmäßigen Bewohnern. Sie kann man noch immer hier und da beobachten, wie sie ihre Stammplätze in den Fisch-Restaurants am Hafen verteidigen. So unwirklich pastellig leuchten die bunten Häuser im blassen Laternenlicht, dass man kaum überrascht wäre, würde bald darauf die ganze Szenerie als Pappkulisse zur Nacht weggeschoben.

La Spezia, heute angeblich der größte Marinehafen Italiens, ist dagegen rund um die Uhr eine ziemlich wache Stadt. 1797 ließ Napoleon in dem damaligen Fischerdorf auf sich wirken, was er mit dieser Küste erobert hatte. Sein Urteil fiel zufrieden, doch weniger romantisch aus als das spätere der reisenden Dichter: "Es ist der schönste Hafen der Welt", fing er recht begeistert an, um dann nüchtern nachzusetzen: "Seine Reede ist besser geschützt als die von Toulon, und er kann sowohl vom Lande als auch vom Meer her leicht verteidigt werden."

Bis der Korse und seine Mannen die günstige strategische Lage des tief in der Bucht ruhenden Städtchens erkannten, war es ein unbedeutendes Nest von gerade mal 3000 Einwohnern. Trotz massiver Eifersüchteleien aus Genua - dort erwogen die Stadtherren einstmals, den gesamten Golf des ehrgeizigen Nachbarn mit Sand zuzuschütten - entwickelte sich La Spezia im 19. Jahrhundert zur bedeutenden Hafenstadt, die früh politisch unabhängig von der Genueser Republik war.

Heute wird das Bild der Altstadt bestimmt von Matrosen mit adretten blauen Kragen - Italiener können ja alles tragen - und den Studenten der noch neuen Universität. Obwohl sich nicht viele Urlauber nach La Spezia verirren, vibriert das Zentrum vor Leben - vor allem am Freitagabend, wenn sich die Jugend der Stadt trifft. Absätze klappern und Stimmen summen vor der ewig italienischen Geräuschkulisse aus dröhnenden Vespa-Motoren und den Hits des Festivals von San Remo, die aus Boutiquen und Cafés tönen. An Brunnen und auf den kleinen Piazzen stehen Grüppchen hübscher junger Menschen mit Sonnenbrillen und harren der Dunkelheit.

Seit der Industrielle Amadeo Lia der Stadt 1995 seine Kunstsammlung vermachte, entschließen sich auch mehr und mehr Reisende zum Zwischenstopp in La Spezia - der im ehemaligen Franziskanerkloster untergebrachten 1000 Kunstgegenstände und der 200 Gemälde von Tizian bis Tintoretto wegen. 1999 wurde die Sammlung Lias von einer EU-Kommission immerhin für den Titel des schönsten Museums Europas nominiert. Und manche kommen vielleicht auch, weil La Spezia zwischen den Idyllen der malerischen, aber überlaufenen Küstendörfer des Golfs einen Blick ins wahre Leben einer italienischen Stadt gewährt, in der sich nicht alles nur um den Tourismus dreht.

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