Zeitung Heute : Labyrinth der Spiele

Die BÜHNENARBEITER — SPIELSTÄTTEN IM PORTRÄT Das Ballhaus Ost hat sich als feste Adresse der freien Szene etabliert. Intendant Uwe Moritz Eichler und sein Team bewegen sich in einem produktiven Spannungsfeld aus Chaos und Kontinuität

Patrick Wildermann

Am Anfang wurde oft gefragt: Was unterscheidet euch eigentlich von anderen Theatern, was ist das Besondere an euch? Nicht selten schwang Skepsis dabei mit. Am Anfang, das war im November 2005, als Anne Tismer, Uwe Moritz Eichler und Philipp Reuter das Ballhaus Ost gründeten, mit großem Enthusiasmus und gebrauchtem Equipment. Eichler antwortete damals: „Lasst uns doch erst mal Platz zum Arbeiten schaffen.“

Der ist mittlerweile vorhanden im Ballhaus Ost, reichlich sogar, gerade erst sind neue Spielräume entstanden, auf mehreren Stockwerken im Hinterhaus. Die Renovierungsarbeiten sind noch nicht ganz abgeschlossen, aber das Unfertige, Wandelbare macht hier den freien Geist aus – das Theater ist eine Baustelle. Schon der Einlass verläuft jedes Mal anders, führt durch verschiedene der verschlungenen Gänge des Komplexes, „das Publikum hat Teil am Werden des Hauses“, wie Dramaturg Daniel Schrader sagt.

Das passt auch zur wechselhaften Geschichte des Gebäudes in der Pappelallee: Der große Saal war ursprünglich die Feierhalle einer Freireligiösen Gemeinde, später residierte in den oberen Etagen ein Ledigenheim. Kurz bevor die drei Theaterleute kamen, war dort ein Billardsalon. In den zurückliegenden zwei Jahren hat sich das Ballhaus, obwohl chronisch unterfinanziert, als feste Adresse der freien Szene etabliert. Die Auslastung steigt, auch die Zahl der Vorstellungen, und kürzlich lautete ein Kompliment: „Ihr habt ja tatsächlich Fremdpublikum hier, nicht nur Freunde.“

Die Ballhaus-Macher haben sich ein produktives Spannungsfeld aus Chaos und Kontinuität geschaffen, auf der einen Seite geht es Intendant Eichler und seinen Mitstreitern darum, ein Repertoire aufzubauen, die Krux der Berliner Förderstrukturen zu unterlaufen, die darin liegt, dass Künstler einen Antrag stellen, die Produktion ein paar Mal zeigen, und das war’s. Auf der anderen Seite verweigert das Team sich bewusst der „Verschlagwortung“, wie Dramaturgin Amely von Kapff Siebeck es formuliert, einem aufgesetzten Spielzeitmotto etwa. Eichler nennt das Konzept die „Open-Door-Politik“: Offen sein für Neues, auch kurzfristig; nicht vor Beginn einer Spielzeit wissen, was einen interessiert. Die Künstler, die hier heimisch geworden sind, wissen das zu schätzen – etwa die Puppen-Avantgardisten „Das Helmi“ oder Dirk Cieslak, der mit Lubricat hier angedockt hat. Und Anne Tismer natürlich, die von Beginn an mit der geschäftlichen Seite nichts zu tun haben wollte, sondern hier als Performerin und mit ihrem Kollektiv „Gutes Tun“ arbeitet. Tismer spielt auch in der ersten Premiere der neuen Saison, Cristin Königs „Das blaue Meer“, mit. Die kühne Science-Fiction-Extravaganza ist ein gutes Beispiel dafür, was anders ist am Ballhaus Ost.

Patrick Wildermann

„Das blaue Meer“: Premiere am 4.9., 20 Uhr

Programm auf Seite 9 oder www.ballhausost.de

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