Zeitung Heute : Lachende Dritte

Endlich hat die Suche ein Ende. Was für den Bürger kaum noch nachvollziehbar war, scheint sich nun in Wohlgefallen aufgelöst zu haben. Westerwelle ist glücklich, Merkel damit auch und Stoiber kann mit dem Ergebnis leben. Aber ohne Schrammen sind sie alle nicht davongekommen.

Robert Birnbaum Robert Rimscha

BUNDESPRÄSIDENTENWAHL – BEWERBER GEFUNDEN

Von Robert Birnbaum

und Robert von Rimscha

Angela Merkel ist stark geschminkt, dunkelroter Lippenstift, dunkler Kajalstift um die Augen. Es war eine sehr lange, anstrengende Nacht. Schminke wäre aber angebracht für das ganze Trio, das da in Berlin vor Mikrofonen sitzt, nicht nur des Schlafentzugs wegen. „Herr Schäuble war seit dem 4. 9. meine Präferenz“, sagt CDU-Chefin Merkel. An jenem 4. September 2003, zur Erinnerung, hat Bundespräsident Johannes Rau seinen Verzicht auf eine neue Kandidatur verkündet. „Ich kann nicht sehen, dass hier schlechtes Management vorlag“, sagt Edmund Stoiber. „Gehen Sie davon aus, dass wir natürlich in dieser Frage sehr vertrauensvoll zusammen gearbeitet haben“, sagt Guido Westerwelle. Die drei haben den nächsten Bundespräsidenten untereinander ausgehandelt. Stoiber sieht nicht völlig glücklich aus. Westerwelle grinst. Merkel sagt: „Ich bin zufrieden mit dem Ergebnis.“

Das immerhin kann sie. Noch ein paar nächtliche Stunden früher war von Horst Köhler, dem Präsidenten des Internationalen Währungsfonds (IWF), im CDU-Präsidium nur am Rande die Rede gewesen. Dafür einmal mehr und umso lautstärker von Schäuble. Roland Koch hat am Mittwochabend schon vor dem Adenauer-Haus Krach geschlagen. „Ich bin absolut unzufrieden mit dem Verfahren“, zürnt der hessische Ministerpräsident. „Es war sehr chaotisch.“ Und: „Wir müssen auch darüber reden, wie weit sich die CDU Kandidaten diktieren lässt.“

Drinnen im fünften Stock hat er so weitergemacht. Die FDP habe für die Wahl 2006 gar keine andere Chance, als mit CDU und CSU zusammenzugehen – für dieses Bürgerbündnis müsse man nicht den Kandidaten Schäuble opfern. Ein Führungsfehler Merkels, dass sie das anders sehe! Und: Das Aus für Schäuble dürfe nicht das letzte Wort bleiben. Mehr als zwei Stunden geht es heftig hin und her in der CDU-Spitze. Friedrich Merz schließt sich Koch an, Peter Müller aus dem Saarland bekundet „viel Sympathie“. Auch der Sachse Georg Milbradt und der Brandenburger Jörg Schönbohm finden Rücksicht auf die FDP verzichtbar: „Ich brauche die nicht“, verkündet Milbradt, der mit absoluter Mehrheit regiert. Und noch einer plädiert in diesem Sinne – Schäuble selbst. Die FDP werde einknicken. Und dann ein Satz, den einige Teilnehmer nicht gehört haben, von dem aber andere versichern, er sei genau so gefallen: Er bitte, am Vorschlag Schäuble festzuhalten.

Bei der FDP dreht das Präsidium längst Däumchen. In München wartet die CSU- Spitze. Eine erste Telefonkonferenz der Chefs ergibt nur: Die CDU ist noch nicht so weit. Vertagung auf Mitternacht.

Im fünften Stock haben sich die Fronten derweil in einem Punkt geklärt. Eine Mehrheit findet Merkels Position richtig: Dass es keinen Sinn habe, die FDP als strategischen Partner zu wollen und sie als erstes vor den Kopf zu stoßen – mit Folgen, die die Präsidentenwahl am 23. Mai zum Vabanquespiel machen könnten. Koch selbst zieht zurück: Er sehe, dass seine Haltung ohne Mehrheit sei.

Wer soll es dann werden? Annette Schavan, CDU-Vize aus Baden-Württemberg, erhält die meiste Sympathie. Auf Platz zwei UN-Umweltchef Klaus Töpfer. Dann kommt Köhler dran – und eine denkwürdige Szene. Denn draußen bei den Journalisten hat eine SMS-Botschaft die Runde gemacht: „Köhler ist raus!“ Prompt wandert eine andere Kurzmitteilung in den Saal auf das Handy von CDU-General Laurenz Meyer. So kommt es, dass Meyer von Koch wissen will, ob dessen Sprecher in Berlin sei? Koch, der gerade redet, bejaht. Wieso denn der verbreite, will Meyer wissen, dass Köhler raus sei?

Danach ist der Hesse eher schweigsam. Kurz vor halb eins geht er. Früh um 4 Uhr 15 wird er ab Frankfurt-Hahn mit der Familie nach Spanien fliegen. Oben im Adenauer-Haus spricht Merkel am Telefon mit Stoiber das Personaltableau durch. Niemand außer der Chefin, sagen Teilnehmer, hat im Präsidium für Köhler plädiert. Aber als Merkel und der CSU-Chef mit Westerwelle telefonieren, bekommt der nur noch den IWF-Mann präsentiert. Der FDP-Chef, längst zu Hause, stimmt zu. Der Rest des FDP-Präsidiums ist des Wartens müde auch vor einer guten Stunde heim gegangen. „So scheiden wir nun ohne Arg“, spottet FDP-Fraktionschef Wolfgang Gerhardt.

Donnerstag Morgen winken die Fraktionen den Vorschlag durch. Erleichterung. Aber die drei Tage und Nächte haben Wunden geschlagen. Als CSU-Landesgruppenchef Michael Glos in der Fraktion das Scheitern Schäubles nur Westerwelle anlastet – „infam“ habe der agiert – murren etliche. Die Mitschuld derer, die Schäuble laut als Favoriten ausgerufen haben, ist zu offenkundig. Koch erntet auf Kopfschütteln: zu durchsichtig das Ziel, Merkel zu schaden. Aber „das hat ihm geschadet“, sagt selbst ein Hesse. Und Merkel? „All das, was ich mir vorgenommen habe, habe ich eingehalten“, sagt die CDU-Chefin. Ein Sieg, aber von einer Art, wie man ihn sich nicht oft leisten kann. „Wenn sie das so weitermacht, wird das Lager Koch/Merz anwachsen“, sagt ein Präsidiumsmitglied, das seine Chefin eigentlich schätzt.

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