Zeitung Heute : Lada: Die "Geliebte" wird 30

Thomas Geiger

Allen technischen Problemen, finanziellen Nöten und politischen Wirrungen zum Trotz feiert in dem Ort Togliatti - etwa 1000 Kilometer südlich von Moskau - eine russische Automobil-Ikone ihr 30-jähriges Bestehen. Im Winter 1970/71 lief dort der erste VAZ 2101 vom Band, der außerhalb Russlands als "Lada" (umgangssprachlich: "Geliebte") eine zweifelhafte Berühmtheit erlangte.

Dass sich das riesige Werk "Awto Vaz" an der Wolga über die Jahrzehnte hinweg retten konnte, verdankte es früher der sowjetischen Planwirtschaft samt der hohen Nachfrage in den sozialistischen Bruderstaaten und heute dem Improvisationstalent sowie andererseits auch einem Mangel an Alternativen. Außerdem scheint das Werk trotz aller Nachschubprobleme so interessant, dass mit Unternehmen wie General Motors seit einigen Jahren über eine Beteiligung verhandelt wird.

Begonnen hat die Geschichte nach Angaben des Unternehmens schon 1966, als man bei Fiat nicht nur die Lizenz für einen Nachbau des Bestsellers 124, sondern gleich auch die ausrangierten Produktionsanlagen erworben hatte. Diese wurden nach Osten verfrachtet und an der Wolga wieder aufgebaut, so dass nach gut vier Jahren der erste Fiat aus Russland vom Band lief. Der Wagen kam als Limousine und Kombi zumindest in Osteuropa derart gut an, dass die jährliche Produktion auf bis zu eine Million Fahrzeuge kletterte.

Technisch änderte sich an diesem automobilen Urgestein, das gemeinhin als robust und unvergänglich gilt, über die Jahre nur wenig. Selbst nach dem ersten Facelift 1980 blieb das Grundkonzept der späten sechziger Jahre erhalten.

Dafür konzentrierten die Russen ihre Ingenieurkapazitäten auf den Geländewagen Niva, der als erste Eigenentwicklung 1977 an den Start ging und, mittlerweile mit westlichen Motoren, auch heute noch angeboten wird. Dazu gesellte sich 1986 der Lada Samara, bei dem das Porsche-Entwicklungszentrum in Weissach viel Schützenhilfe leistete.

Nach überraschend kurzen zehn Jahren wurde dieses Modell Ende der neunziger Jahre von der Baureihe 110, 111 und 112 abgelöst. Davon werden zusammen mit dem Niva noch immer rund 700 000 Exemplare pro Jahr produziert. Zwar tingelt schon wieder ein Nachfolger über die internationalen Messen, doch der ist über den Status eines Prototypen noch nicht hinaus gekommen.

In Deutschland ist die Geschichte von Lada nicht ohne Brüche. So hat der Importeur einige Male gewechselt und zuletzt durch seinen wirtschaftlichen Niedergang viel Vertrauen zerstört. Das zurück zu gewinnen, ist eines der Ziele von Dieter Trzaska, der der im September 1999 neu gegründeten NW Automobilvertriebs GmbH in Buxtehude vorsteht und Lada in Deutschland am Leben halten möchte.

Mit zurzeit 178 Händlern wurden im Jahr 2000 zwar nicht einmal 1000 Autos verkauft, doch wenn das Netz wieder auf 250 Betriebe gewachsen ist, soll auch der Absatz auf 1500 bis 2000 Ladas klettern, sagt Trzaska. Mittelfristig strebt er sogar die Zulassungszahlen von 1998 an, als rund 5000 Ladas verkauft wurden. Alle Autos stammen aus Togliatti und werden über ein ständig mit 100 Fahrzeugen bestücktes Zwischenlager in Litauen ausgeliefert. Dabei verspricht Trzaska, dass zwischen Produktion und Übergabe an den Kunden nie mehr als vier Monate vergehen, so dass man stets ein aktuelles Auto bekomme.

Das beste Argument für den neuen Optimismus ist der niedrige Preis der Ladas. Schließlich steht das Stufenheck 110 mit 14 990 Mark in der Liste, der Kombi 111 kostet 16 990 Mark. Auch das zum März angekündigte Fließheck wird in diesem Rahmen liegen. Außerdem bleibt der Lada Niva mit einem Preis von 19 990 Mark der mit Abstand günstigste Geländewagen der Republik.

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