Zeitung Heute : Laden mit Knöpfchen

Seit drei Generationen gibt es bei Familie Espe alles rund um Knopf und Reißverschluss

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Von Silke Zorn Ältere Herren stehen den Errungenschaften des modernen Reißverschlusses oft ein wenig skeptisch gegenüber. Da kann Michael Espe ihnen noch so oft versichern, dass die Dinger heutzutage nicht mehr einfach so aufgehen. Am liebsten wäre ihnen trotzdem das gute alte Modell mit dem kleinen Stift in der Mitte des Schiebers, der früher den „offenen Hosenstall“ verhinderte.

Seit drei Generationen versorgt der Laden von Familie Espe die Charlottenburger mit Reißverschlüssen, Knöpfen und anderen Kurzwaren aller Art. Der jetzige Inhaber Michael Espe flitzte schon als kleiner Junge zwischen Tresen und Trittleitern umher. 1987 stieg er in das Geschäft ein, das damals seine Eltern führten. „Mein Vater war für den Laden zuständig, meine Mutter für den Großhandel“, erzählt Espe. Auch heute noch werden vom ersten Stock des Altbaus aus Schulen, Behörden und andere Gewerbekunden beliefert. Nur die Rollenverteilung hat sich geändert: Während Michael Espe den Großhandel schmeißt, betreut seine Frau Anke gemeinsam mit zwei Mitarbeitern das Geschäft. Früher hat sie als Krankenschwester gearbeitet. Doch nach dem Tod der Schwiegereltern tauschte Anke Espe vor rund fünf Jahren quasi über Nacht Stethoskop gegen Maßband ein. „Ich bekam noch schnell einen Crashkurs in Buchhaltung verpasst“, erinnert sie sich, „und schon ging’s los.“

Während die Espes mit Engelsgeduld für ein Foto posieren, erlebt der kleine Laden einen regelrechten Kundenansturm. Eine ältere Dame mit grauen Locken bringt ihre weinrote Jacke vorbei, für die sie einen neuen Reißverschluss in passender Farbe sucht. Ein sportlicher Mittfünfziger reicht sein Jackett über die Ladentheke, neue Knöpfe sollen es sein. Anke Espe und ihre Kollegen beraten, messen, zeigen Muster. Ihr Mann berichtet derweil, was den besonderen Service im Hause Espe ausmacht. „Im Kaufhaus bekommen Sie fertige Reißverschlüsse nur in Fünf-Zentimeter-Sprüngen. Wir dagegen schneiden jedes Material passgenau zurecht.“

Und das ist allem Anschein nach eine Philosophie für sich. Kunststoffzipper wollen anders behandelt werden als Metallkrampen. Schieber ist nicht gleich Schieber. Und wenn Michael Espe, jetzt ganz in seinem Element, zu den Unterschieden zwischen Spiral- und Krampenreißverschluss kommt, fühlt man sich fast wie bei Loriot. Anders als die meisten Warenhäuser führen Espes Reißverschlüsse in fast allen Farbtönen – passend zum Kleidungsstück. Was nicht vorrätig ist, wird beschafft.

Manchmal zweifeln die Eheleute allerdings daran, ob sich der Aufwand wirklich lohnt. Denn für die meisten Kunden muss es heute schnell gehen, am besten sofort. „Auf eine Bestellung ein oder zwei Wochen warten, das wollen die wenigsten. „Da nehmen sie dann lieber eine Farbe, die vorrätig ist, auch wenn sie nicht hundertprozentig zur Kleidung passt“, sagt Anke Espe.

Doch es gibt auch andere, sozusagen die Genuss-Einkäufer. Frauen etwa, die von früher schwärmen, als sie an Omas Hand zu Espe marschierten und staunend die feinen Borten und bunten Knöpfe bewunderten. Denn Knöpfe, das ist die zweite Spezialität der Espes. Hier werden sie sorgfältig von Hand mit Stoff bezogen, den die Kunden passend zur Kleidung mitbringen. Kaum einer macht das heute noch in Berlin. Die Geräte dazu stehen in einem kleinen Raum, der sich an das Ladengeschäft anschließt, zwischen alten hölzernen Schubladenschränken. „Smokingknöpfe“ steht in sorgfältiger Handschrift darauf, „Bikiniverschlüsse“, „Gürtelschnallen“ oder „Mantelaufhänger“, dazwischen Garne, Gummibänder, Borten und Futterstoffe. Für jeden nur erdenklichen Kurzwaren-Notfall scheint hier das passende Ersatzteil zu lagern.

Ob das Charlottenburger Original allerdings auch kommenden Generationen erhalten bleibt, ist ungewiss. Kinder haben die Espes nicht. „Wenn jemand mit Herzblut käme, hätte ich kein Problem damit, den Laden eines Tages zu verkaufen", sagt der Chef. Die Chefin nickt. Doch bis dahin ist ja zum Glück noch ein wenig Zeit. Und wer weiß, vielleicht kommt sie ja doch noch, die vierte Generation.

Reißverschlüsse und Modewaren Espe, Wilmersdorfer Straße 106, 10629 Berlin, geöffnet Mo. bis Fr. von 9.30 bis 18 Uhr und Sa. von 9.30 bis 13 Uhr.

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