Zeitung Heute : Lärm

Wie ein Berliner, Ost, die Stadt erleben kann

Robert Ide

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Meinen ersten Ärger mit der Polizei hatte ich mit acht. Mit meinem Schulfreund Ingo warf ich damals auf dem Nachhauseweg haufenweise Schnee in einen Postkasten. Dummerweise sah uns ein in Zivilkleidung herumlaufender Volkspolizist, der uns in die Schule zurückbrachte. Dort mussten wir uns einen langen Vortrag unserer Klassenlehrerin anhören, es ging um die Grenze zwischen Spaß und Ernst. „In dem Postkasten sind vielleicht wichtige Briefe unserer Volksarmee an junge Soldaten“, erklärte die Lehrerin. Dann nahm sie uns das Versprechen ab, dass wir am nächsten Tag zur Hauptpost in Pankow gehen würden, um uns dort für den Anschlag auf die Sicherheit des sozialistischen Briefverkehrs zu entschuldigen. Eine Woche später fragte meine Lehrerin im Unterricht: „Habt Ihr Euch bei der Post entschuldigt?“ Ich stand auf und sagte artig: „Ja, Frau Lehrerin.“ Das war eine Lüge. Zwar war ich tatsächlich bei der Post, doch an den Schaltern waren lange Schlangen. Da entschied ich mich für den Spaß und ging wieder.

Heute, 21 Jahre später, bin ich in ernsten Schwierigkeiten. Vor drei Tagen erreichte mich ein Brief des Bezirksamtes Pankow, Abteilung Umwelt und Natur, mit der Bitte um zügige Stellungnahme. In dem Schreiben wird mir mitgeteilt, dass ich gegen folgende gesetzliche Regelungen verstoßen habe: Gesetz über Ordnungswidrigkeiten, Verordnung zur Bekämpfung des Lärms sowie Verordnung über den Schutz der Sonn- und Feiertage. Diesmal komme ich wohl nicht so leicht davon.

Alles fing ganz harmlos an. Nach einem Jahr voller Ernsthaftigkeit wollte ich mal etwas ausgelassener sein. Zu diesem Zweck lud ich meinen Schulfreund Ingo zu einer Party in meine Wohnung ein. Ungefähr 80 andere Leute kamen auch noch. Ein Fest dieser Art mache ich jedes Jahr, und bis jetzt gab es außer ein paar Scherben, Kratzern und Kopfschmerzen nie etwas zu beanstanden. Diesmal aber wollten meine Freunde die Grenze zwischen Spaß und Ernst ein wenig weiter verschieben als sonst; tanzen, trinken und lachen war ihnen nicht genug. Deshalb liehen sie für ein Wochenende eine Karaoke-Anlage aus und installierten sie in meiner Wohnung. Außerdem schrieben sie mit Kreide an eine im Flur angebrachte Tafel: „Wir feiern, bis die Polizei kommt.“ Weit nach Mitternacht standen Dutzende Leute in meinem Wohnzimmer um zwei Mikrofone herum und sangen lauthals zur eingespielten Musik: „Aloaheehahee, Aloaaaaaheehaahee, Aloooaaaaheehaaaaheee.“ Dann kam die Polizei.

Als die Streifenwagen zum vierten Mal vorfuhren, mussten wir die Wohnung räumen. Ich hätte noch bleiben können, aber ich begleitete meine Gäste lieber in die nächste Kneipe und die nahe gelegene Diskothek. Die Polizisten, die mit Taschenlampen und Schutzkleidung in mein Wohnzimmer eingerückt waren, lächelten uns entschuldigend an und sagten: „Schade, wir hätten gerne mitgefeiert.“ Als ich die Wohnung als letzter verließ, griff eine Beamtin zur Kreide und schrieb an die Tafel: „Ende.“

Da verstand ich, welche Grenze meine Lehrerin gemeint hatte.

Karaoke-Verleih Berlin; Stargarder Straße 45 in Prenzlauer Berg; Tel. 91 60 75 85.

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