Zeitung Heute : Lärmen lassen

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

Nicola Kuhn

Ich will ja nicht jetzt schon klagen, wir sind grade mitten im Herbst. Aber Berliner Winter können für Zwillingsmütter ganz schön hart sein. Das weiß ich noch vom letzten Jahr. Bevor es raus geht, muss eben nicht nur ein Kind, sondern immer auch ein zweites in einen Kokon aus wattiertem Anzug, Jacke, Mütze, Schal und Handschuhen verpackt werden. Doch während sich Jan und Josefine damals nach dieser gemeinsamen Anstrengung still und leise durch Parks schieben ließen, beginnt der eigentliche Kraftakt nun im Kinderwagen. Das gegenseitige Handschuhe-Klauen und Mütze-vom-Kopf- Ziehen ist ja noch harmlos. Kritisch wird es, wenn die beiden mitten in der Fahrt aus ihrem Winterfutter auszusteigen versuchen. Und das in verschiedene Richtungen.

Da hilft nur eins: unverzagt ein Liedchen trällern, Zwiebäcke nach vorne reichen und mit Engelszungen versprechen „Wir sind ja gleich da, wir sind ja gleich da!“

Aber wohin, wenn es draußen so garstig ist? Für Menschen, die sich noch vornehmlich bäuchlings durchs Leben bewegen und höchstens auf Stoppsocken erste Schritte wagen, ist der Winter wirklich keine gute Jahreszeit. Die Spielplatzsaison ist ja vorbeigegangen, noch bevor sie für Jan und Josefine richtig hätte beginnen können. Werden die beiden im Frühjahr also wieder wie zwei Bremsklötze am Ende der Rutschbahn sitzen, weil sie immer noch nicht wissen, dass das Rutschen eigentlich oben beginnt?

Seit unserem Besuch des Kreuzberger Winterspielplatzes brauche ich mir darum keine Sorgen mehr zu machen. Der ist sozusagen ein Geschenk des Himmels: Die Berliner Stadtmission hat ihn eingerichtet, und zwar in ihren 200 Quadratmeter großen Keller. Der ist in den kalten Monaten mit Spielsachen voll gestellt. Jan und Josefine fanden es sofort großartig, während ich zunächst eher verhalten die frommen Bibelsprüche an den Wänden studierte. Die beiden haben eben den Blick fürs Wesentliche und inspizierten sogleich den Fuhrpark: jede Menge Bobby-Cars und Lauflernwägelchen. Kirmes-Autoscooter nehmen sich im Vergleich zu den Zusammenstößen und Fast-Unfällen, die sich auf diesem Parcours ereignen, harmlos aus.

Sodann zog es Jan und Josefine zur Kletterburg, danach zu den Riesen-Bauklötzen, schließlich zu den Stofftunnels, in denen sie endgültig verschwanden. Von ihren Spielplatzkollegen ließen sie sich kaum beirren, zur Not klettert man übereinander hinweg. Ich konnte mich nur wundern: Stört die Kleinen das Tohuwabohu, der Lärm denn gar nicht? Offensichtlich kaum. Und auch die meisten Mütter blieben unbekümmert. Meine ganze Bewunderung galt der Mama, die sich mit Krimi und Tasse Tee auf einem der rundum stehenden Sofas niedergelassen hatte. Ich dagegen hätte mir beinahe Josefines Nuckel in den Mund geschoben – zur Beruhigung. Am Ende sind wir drei jedenfalls einträchtig wieder nach Hause spaziert: Jan und Josefine still und leise wie einst. Nur hin und wieder war ein Schnarchen zu hören. Nicola Kuhn

Winterspielplatz, Berliner Stadtmission in Kreuzberg, Johanniterstraße 2, Telefon 69 19 000.

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