LÄRMKUNSTLaibach : Provokation ist sexy

Nazis, die seit 70 Jahren auf der Rückseite des Mondes ausharren und die Eroberung der Erde planen – die kommende Woche anlaufende Science-Fiction- Satire „Iron Sky“ verlangte nach einer kraftvollen Musik. Und genau die bekommt sie mit dem Score von Laibach. Schon zu Beginn ihrer Karriere sorgte die slowenische Band für einen Eklat, als 1983 bei einem Konzert in Zagreb Ausschnitte aus Pornofilmen und Aufnahmen des Staatsgründers Tito übereinander projiziert wurden. Die gezielte Verunsicherung des Publikums blieb ein zentrales Stilmittel von Laibach: das ambivalente Spiel mit der Propagandasymbolik totalitärer Systeme, die Auftritte in SS-Uniformen, die Verwendung der deutschen Sprache, was im ehemaligen Jugoslawien Assoziationen an die Besatzungszeit während des Zweiten Weltkriegs weckt – alles nur postmoderne Ironie von linken Berufsprovokateuren? Ganz so einfach haben sie es ihren Fans nicht gemacht, wenn sie Statements wie dieses im Raum stehen ließen: „Wir lieben die deutsche Sprache. Sie ist stark und militant, sexy und romantisch. Sie passt gut zu uns.“

Musikalisch haben Laibach seit den frühen Achtzigern die metallische Schroffheit des Industrial Noise mit grobmotorischen Robotergrooves zu einer eigenen Klangästhetik geformt, die Gruppen wie Rammstein den Weg geebnet hat. Ihre Interpretationen von Pop-Evergreens waren stets berüchtigt, weil sie das Grauen hinter der Naivität der Originale entlarvten: So wurde aus Queens „One Vision“ bei wörtlicher Übertragung des Textes ins Deutsche eine faschistoide Hymne, während der Ballermann-Sommerhit „Live Is Life“ im martialischen Stechschritt zu „Leben heißt Leben“ mutierte. Kein Schelm, wer Böses dabei denkt.Jörg Wunder

Heimathafen Neukölln, Di 3.4., 21 Uhr, 28 €

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar