Lafontaines Linke : Augen auf

Von Stephan-Andreas Casdorff

Da ist was Großes im Gange. So groß, dass manche davor die Augen verschließen. Aber nein: Augen auf! In Deutschland, und das ist nur wenig übertrieben, ereignet sich eine politische Entwicklung, die es so nach dem Fall der Mauer noch nicht gegeben hat. Noch mehr: die es so in der Republik im Westen auch nicht gegeben hat. Gemeint ist – die Linke.

Sie breitet sich aus, weitet sich, dehnt sich, ist schon drittstärkste Kraft. Wobei das Wort Kraft genau richtig ist. Die Linke findet überall neue Kraft, bei den Altlinken, den Gefühlslinken, den Gewerkschaftslinken, den Nationallinken, dazu allen anderen, die sich entrechtet und entmachtet fühlen. Von Osten kommt das Neue. Die, von denen man im Westen so wenig hielt, dass man meinte, alles besser zu wissen, zeigen, wo es langgeht. Und es führt sie: Oskar Lafontaine.

Augen auf! Schluss damit, ihn nicht so ernst nehmen zu wollen, wie er es braucht. Persönlich braucht, werden jetzt einige sagen, um das Thema herunterzureden. Also nur ein Gernegroß? Nein, ganz entschieden nein. Er ist auferstanden aus den Demütigungen. Ein Dämon. Gegen diesen Lafontaine war Franz Josef Strauß, der so kläglich mit der Ausdehnung seiner CSU nach Westdeutschland scheiterte, der klein beigab nach dem Sezessionsbeschluss von Kreuth, ein strategischer Pygmäe.

Es ist nämlich nicht nur Taktik, was Lafontaine und seine Gefolgsleute betreiben, das ist Strategie. Und es wird Zeit, allerhöchste, dass es alle sehen: Er sammelt alles ein, eine Stimme nach der anderen, um damit das ganz große Projekt voranzutreiben – die Vereinigung der deutschen Linken. Das ist es, was ihn umtreibt, antreibt, was ihn auch so ruhelos wirken lässt. Nebenbei will er noch mal Ministerpräsident der geliebten Saar-Heimat werden.

Der andere Saarländer, der Erich Honecker, wird in seinem Grab lachen. Seine gewendete SED, repräsentiert vom freundlichen, eloquenten, intellektuellen Springteufelchen Gregor Gysi, macht sich unter der Führung eines Frontalpolitikers aus dem Westen daran, die Republik zu verändern. Und Lafontaines Kader räumen Schwierigkeiten aus dem Weg. Mit modernen „Backoffice“-Methoden der Konzerne: Redet vorne einer und will was, vielleicht auch was werden, wird hinten gegoogelt, ob etwas gegen ihn spricht. Und wer die Stasi wiederhaben will, wer nicht versteht, dass er damit das Projekt gefährdet, wird radikal beiseitegeschoben, rausgeworfen.

Die Grünen waren nie ein solches Projekt. Sie sind dem hier auch gar nicht gewachsen. Wenn das so weitergeht, wenn es nicht gestoppt wird, werden ihre Linken auch noch geschluckt. Dann können die anderen Schwarz-Grün machen – als Mitglieder der Schwarzen. Und die SPD schaut staunend, innerlich zerrissen. Wenn das mit ihnen so weitergeht, wird die Partei tatsächlich zerrissen.

Die anderen haben Lafontaine, die SPD hat Beck. Wo das Herz schlägt, ist klar. Alle Versuche, sich Lafontaine aus dem Herzen zu reißen, haben nicht geklappt. Die Schröderianer haben versucht, ihn zu isolieren, zu stigmatisieren, zu marginalisieren. Und, das Ergebnis: Lafontaine wird stärker und stärker, die SPD schwächer und schwächer. Das, nicht Hartz IV, ist die größte Niederlage. Johannes Rau hätte gesagt: Ich halte, um gehalten zu werden. Kann Beck sie halten? Gegen Lafontaine? Diese Auseinandersetzung entscheidet das Schicksal der deutschen Linken. Mindestens das. So sieht es aus. Welch eine Vorstellung.

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