Zeitung Heute : „Lahm ist fast ein kleiner Held“

Ulrike Nasse-Meyfarth gewann 1972 in München als 16-Jährige die Goldmedaille im Hochsprung und ist seitdem die jüngste deutsche Leichtathletik-Olympiasiegerin aller Zeiten. Fußball gehört nicht zu ihren Lieblingssportarten, aber Philipp Lahm hat ihr Herz schon im Eröffnungsspiel im Sturm erobert. Sie sagt: Der Sport braucht Helden.

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Ulrike Nasse-Meyfarth, was bedeutet Ihnen die WM in Deutschland?

Ich habe ein eher distanziertes Verhältnis dazu, obwohl ich mich darüber freue, dass Deutschland ein solches Turnier ausrichten darf. Oder ist nur die Fifa der Ausrichter und stößt sich an der Veranstaltung gesund? Das Internationale Olympische Komitee hält sich bei den Spielen mehr im Hintergrund.

Was fällt Ihnen derzeit noch auf?

Ich sehe sehr viele Deutschlandfahnen an Ecken, die bislang nur verschüchtert von Schumi-Flaggen geziert wurden. In Deutschland ist das völlig neu, und das finde ich gar nicht so schlecht.

Die Zurückhaltung gegenüber Flaggensymbolen hat in Deutschland ja historische Gründe.

Klar, aber das gespaltene Verhältnis zur Flagge muss sich durch jüngere Generationen auswachsen, die einen unverkrampften Umgang damit haben.

Braucht der Sport Heldenfiguren?

Ja, es ist wichtig, dass sich der Sport auf Helden konzentriert. Für mich ist ein Held jemand, der eine große Nachhaltigkeit in den Medien erzeugt. Helden sind über einen längeren Zeitraum präsent und fallen nicht sofort in die Normalität zurück. Das schafft Aufmerksamkeit.

Sehen Sie schon Helden bei der WM?

Der junge Philipp Lahm könnte ein kleiner Held werden. Wie er trotz seiner Manschette am verletzten Arm im Eröffnungsspiel aufgetreten ist, war stark. Dafür bekommt er bestimmt das Bundesverdienstkreuz (lacht). Oliver Kahn dagegen war ein tragischer Held. An ihm hat man gesehen, was ein Held ertragen muss, wenn er sein Privatleben nicht im Griff hat.

Für welches Land schlägt Ihr Herz bei der WM?

Oje, darüber habe ich mir keine besonderen Gedanken gemacht. Ich finde Überraschungen gut und Mannschaften, die spielerischer sind, wie Brasilien oder die afrikanischen Vertreter. Die Deutschen sind so kontrolliert und unspontan in ihrer Spielweise, da kann ich oft gar nicht hinsehen.

Aber unter Klinsmann wird doch alles besser.

Klinsmann ist der beste Mann, den wir finden konnten. Man sollte ihm Zeit geben. Schade, dass er diesen Hockeymenschen nicht mit ins Team holen darf.

Was hätte Bernhard Peters denn leisten können?

Er hat Distanz zu dem ganzen Geschehen, betrachtet die Dinge aus einem anderen Blickwinkel und hat Erfahrungen im Mannschaftssport. Doch wenn der arme Hockeysport beim mächtigen DFB kein Ansehen genießt, ist nichts zu machen.

Wer soll denn Weltmeister werden?

Das Team, das sich am besten durchschlängelt.

Also Deutschland.

Ich weiß nicht, ob Deutschland das verdient hätte. Wegen der Stimmung sollten wir nicht zu früh rausfliegen. Auch wenn neulich in einer Talkshow jemand behauptet hat, ein Finaleinzug könnte Deutschland überschnappen und die Stimmung hier zu Lande kippen lassen.

Stört es Sie eigentlich, immer wieder mit dem Titel „jüngste deutsche Leichtathletik-Olympiasiegerin aller Zeiten“ konfrontiert zu werden?

Nein. Der Sport holt mich zwar immer wieder ein, aber ich profitiere auch viel von meinen Erfolgen. Ich wurde schon gefragt, ob ich immer noch springe. Ich sehe das als Kompliment, denn offenbar sehe ich noch nicht so alt aus.

Im Jahr 1984 sind Sie noch einmal an die Spitze zurückgekommen.

Ich habe mir immer vorgenommen, den Erfolg von 1972 zu bestätigen. Es macht immer riesigen Spaß, mich aus einem absoluten Tief wieder herauszuziehen.

Spaß? Was gab Ihnen die Kraft?

Das hat man oder nicht. Ich brauchte den Sport, um mich auszutoben. Als schlaksiges Mädchen war ich für Männer nicht so attraktiv, ich habe es ihnen aber auch schwer gemacht (lacht).

Warum haben Sie Ihre aktive Laufbahn schon mit 28 Jahren beendet?

Der Zeitpunkt war richtig. Heute arbeiten die meisten Sportler mit Sponsoren zusammen und schaffen dadurch nicht so gut den Absprung. Es ist manchmal entwürdigend, die schleppen sich dann von einer Krankheit zur anderen, und es zählen nur noch die Penunzen.

Sie haben mal Ihren frühen Erfolg als Fluch bezeichnet. Was wäre an einem späteren Triumph anders gewesen?

Wenn man sich einen Erfolg vornimmt und erarbeitet, ist das gesünder und leichter zu verkraften, als wenn dir der Sieg einfach so in den Schoß fällt. Ich bin immer dran gemessen worden und konnte lange Zeit die Leistung nicht bestätigen. Das war fatal.

Was ist passiert?

Es kamen diverse unsachliche Kommentare in den Medien, wie zum Beispiel: „Die Meyfarth ist dick geworden“, geschrieben von Leuten, die an den Hintergründen kein Interesse hatten. Und mein Trainer meinte, eine Olympiasiegerin könne es sich nicht erlauben, unter 1,80 Metern zu springen. Unter pädagogischen Aspekten war das natürlich nicht so gut.

Von Ihnen waren schon häufiger kritische Äußerungen über Sportförderung zu hören.

Ein Sportler ist oft allein gelassen, bis er Erfolg hat. Dann kommen Politik und Wirtschaft und wollen sich mit dir schmücken. Dabei brauchst du gerade am Anfang deiner Karriere Unterstützung, das Verhältnis sollte wechselseitig sein.

Das Gespräch führte

Volker Backes.

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