Zeitung Heute : Lakritzlikör trinken

Lothar Heinke

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Eigentlich wollte der Herr Rentner über Weihnachtsmärkte schlendern, Glühwein trinken und Geld ausgeben. Oder mit der gläsernen S-Bahn fahren, um sich wie die Queen zu fühlen, als sie letztens durch Berlin geschaukelt wurde. Aber leider . . .

Es muss in dieser Nacht passiert sein, als man uns einen Asteroiden-Schwarm versprach und ich, das Herz voller Wünsche, in der Dachluke auf Sternschnuppen lauerte, aber nurmehr einen herzhaften Schnuppen bekam. Der wurde größer und länger, das Niesen nimmt kein Ende, und dann krauchen auch noch diese Ameisen die Luftröhre hoch, erst eine, dann zehn, alle mit diesem aufreizenden Krabbeln, als ob sie um die Wette laufen oder Panzerketten an den Beinen haben. Wer die Invasion dieser Biester schon einmal in seinem eigenen, just in einem Theater befindlichen Hals erlebt hat, weiß Bescheid. Man schämt sich ob dieser Kulturschande, der nur mit Disziplin, Hustenbonbons oder ärztlicher Hilfe beizukommen ist.

Dieser Fall trat nun ein. Wenn Männer mit Grippe im Bett liegen, bricht alles zusammen, Fieberhitze lähmt jedes Glied, ein Häufchen Elend schleppt sich durch die sibirische Kälte zum Arzt, der früher übrigens, ich erinnere mich, deshalb Hausarzt hieß, weil er ins Haus kam, sich auf die Bettkante setzte, sein Köfferchen aufklappte und angestrengt dem Rasseln der Bronchien lauschte. Heute rührt das nasale Rinnsal keinen Arztdoktor mehr, nicht mal von Huflattich ist die Rede oder von Wadenwickeln mit Kamillendekor. Ich frage bescheiden nach einer kleinen Verschreibung, vielleicht diesen schwarzen Saft, der immer so schön nach Lakritze schmeckte und mit dem wir alle Hustenschnupfenheiserkeiten der Kinder ratzbatz vertrieben hatten. Nein, sagt Frau Doktor, das müssen Sie heutzutage schon selber kaufen. In der Apotheke wissen sie gleich Bescheid: „Ach, Mixtura solvens? Die gibt es nicht mehr, es sei denn, wir fertigen sie an, aber das wird verdammt teuer“.

Wenn schon, denn schon, sagt Katja und stellt eine Flasche Liquore di Liquirizia ans Siechbett. Tiefschwarzer italienischer Lakritzlikör. Also – das Schlimmste ist überstanden.

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