Lala Süsskind : Die Friedensstifterin

Die Reihen der Skandalhungrigen haben sich gelichtet – Lala Süsskind, seit einem Jahr Chefin von Berlins Jüdischer Gemeinde, hat aus Streithähnen wieder Partner gemacht. Wie sie dem Krawall entgegengetreten ist? Mit Stille

Claudia Keller

Es ist kurz vor halb sieben, als Lala Süsskind das Gemeindehaus in der Fasanenstraße betritt. „Sie werden sich wundern, wie schnell das heute geht“, sagt sie noch, bevor sie im Sitzungssaal des Parlaments verschwindet. Es ist ein Mittwochabend im Januar, die Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde tagt, wie jeden Monat.

Nicht selten zogen sich solche Sitzungen in der Vergangenheit vier, fünf Stunden hin, ohne dass am Ende irgendetwas beschlossen worden wäre. Heute aber wird bereits um acht Uhr Schluss sein, und allein schon das ist eine Neuigkeit für Berlins krisengeschüttelte Gemeinde, deren Bild in den vergangenen Jahren vor allem durch öffentlich ausgetragene Schlammschlachten geprägt war. Ein Klima von Missgunst, Eitelkeit und verletztem Stolz prägte die Gemeinde, Vorstandsmitglieder warfen sich gegenseitig Korruption vor, bekriegten sich auf Gemeindekosten vor Gericht, kaum eine Führungsriege hielt die volle Legislaturperiode durch. Bei den Parlamentsversammlungen sparten die verfeindeten Seiten nicht mit Kraftausdrücken, das Publikum im Sitzungssaal johlte. „Wir sollten Eintritt für dieses Theater nehmen“, sagten viele – halb belustigt, halb verzweifelt.

Dann, heute vor einem Jahr, wurde Lala Süsskind zur neuen Vorsitzenden gewählt. Das war eine Zäsur für die Jüdische Gemeinde in Berlin, und womöglich auch darüber hinaus. In diesen Tagen beschweren sich Charlotte Knobloch und Stephan J. Kramer, Präsidentin und Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, über Papst Benedikt XVI. und Bundestagspräsident Norbert Lammert. Sie tun es wie so oft lautstark und empört. Genau so, wie Lala Süsskind es nicht machen würde. Mit ihr ist eine Frau an die Macht gekommen, die Konflikte leise, pragmatisch und unprätentiös angeht. Und in ihrer Berliner Gemeinde, der größten Jüdischen Gemeinde in Deutschland, ist sie damit erfolgreich.

So erfolgreich, dass an jenem Mittwoch im Gemeindeparlament die Reihen der skandalhungrigen Zuschauer fast leer sind und Vorstand und Parlamentarier sich freundlich begrüßen, mit Handschlag oder Wangenküsschen.

Als die Debatten beginnen, geht es zunächst, wie so oft in diesen Tagen, um Gaza und den Krieg. Menschen mit Israel-Fähnchen sind in Berlin von arabischen Jugendlichen attackiert worden, die Gemeinde wurde mit Hassmails bombardiert, das Thema beschäftigt alle. In der Parlamentssitzung wird über eine Solidaritätskundgebung für Israel diskutiert, die man sonntags zuvor organisiert hatte. Manche der 21 Parlamentarier haben sich an der israelkritischen Rede einer Grünen-Politikerin gestört, andere verteidigen sie. Vor zwei Jahren noch wäre eine solche Debatte schnell in persönliche Attacken umgeschlagen. Nicht heute. Am heftigsten beklagt sich über den Auftritt der Grünen-Politikerin der ehemalige Gemeindechef Alexander Brenner, in dessen Amtszeit zwischen 2001 und 2004 es mitunter zu Auseinandersetzungen gekommen war. „Ach Sascha, lass doch die Polemik“, sagt Lala Süsskind. Und erzählt vom Schicksal eines Exil-Iraners, der ebenfalls auf der Solidaritätskundgebung gesprochen hatte und danach wegen Drohungen untertauchen musste. Brenner hört aufmerksam zu. „Du hast ja recht“, sagt er schließlich zu Süsskind, „es gibt wirklich Schlimmeres, lassen wir das Gezänk.“

Dass im Gemeindesaal eine freundschaftliche Atmosphäre herrscht, dass kontrovers diskutiert werden kann, das hat viel mit dieser 1,63 Meter kleinen, zierlichen Frau zu tun. Lala Süsskind tritt bescheiden auf. Das fängt bei den Schuhen an. Während viele Frauen in der Gemeinde bis ins hohe Alter Stöckelschuhe tragen, kommt Süsskind, 62 Jahre alt, auf flachen Sohlen daher. Dazu trägt sie an diesem Abend ein schlichtes, schwarzes Kostüm. Sie lebt in einer Villa in Dahlem, kommt aber aus kleinen Verhältnissen. Ihre Eltern waren 1947 illegal aus Schlesien eingewandert. Sie brachten mit, was sie am Leib trugen, „und zwei Windeln für mich“, erzählt Süsskind. Der Vater, gelernter Konditor, handelte mit Drogerieartikeln und Lederwaren. „Willst du S-Bahn fahren oder Tomaten haben?“, fragte er seine Tochter, wenn er ihr sonntags eine Freude machen wollte. Beides konnte er sich nicht leisten. Einmal, erzählt Süsskind, seien sie und ihr Vater auch in die Dahlemer Villengegend gefahren. „Hier wohne ich, wenn ich groß und reich bin“, sagte die kleine Lala. Mit kaum 30 Jahren zog sie dann mit ihrem Mann in eine der Villen.

Lala Süsskind weiß, dass viele der 11 000 Gemeindemitglieder von Hartz IV leben. Prahlerei kommt da nicht gut an. Während ihre männlichen Vorgänger beim Vortrag der Tätigkeitsberichte gerne herausstellten, dass sie bei mehreren Empfängen dem Regierenden Bürgermeister zugeprostet hätten, schwärmt Süsskind lieber von der Chanukka-Feier, die erstmals mehrere Synagogen gemeinsam veranstaltet haben. „Wie eine große Familie“, habe sie das erlebt, ihr sei „ganz warm ums Herz geworden“.

Den Zusammenhalt der Gemeinde will Süsskind stärken, über religiöse und soziale Unterschiede hinweg. Beim Neujahrsempfang der SPD sei sie zwar auch gewesen, sagt sie in ihrem Rechenschaftsbericht. „Aber nicht, weil ich so gerne auf Empfängen rumstehe.“ Man müsse schließlich die Bedürfnisse der Jüdischen Gemeinde zu Gehör bringen.

Das tut Süsskind, indem sie sich in tagesaktuelle Debatten einschaltet. Dieser Tage kritisiert sie den Papst dafür, dass er dem exkommunizierten Holocaust- Leugner Richard Williamson die Rückkehr in die Kirche ermöglichte. Süsskind will nicht am Geburtstagsempfang teilnehmen, der in Berlin für Benedikt XVI. gegeben wird. „Ist ja eigentlich eine schöne Geste, Vertreter aller großen Religionen dazu einzuladen“, sagt sie. „Aber solange der Papst alles im Uneindeutigen lässt, werde ich da nicht hingehen.“

Teilgenommen hat Süsskind hingegen an der Holocaust-Gedenkveranstaltung des Bundestags, die der Zentralrat der Juden in Deutschland boykottierte. Süsskind ist deswegen sogar ziemlich wütend auf die Führung des Zentralrats, in dessen Präsidium auch sie selbst sitzt: „Man hätte mich und die anderen Gemeinden im Vorfeld nach unserer Meinung fragen können, bevor man sich im Namen der Jüdischen Gemeinschaft empört.“

Dass die Gemeindeleitung in Berlin heute vergleichsweise reibungslos funktioniert, liegt auch an der weitgehend homogenen Zusammensetzung von Parlament und Vorstand – fast alle im Saal sind Kinder der alten West-Berliner Gemeinde. Dagegen ist die Gruppe der Berliner Juden, die in den vergangenen 16 Jahren aus ehemaligen Sowjetländern zugewandert sind und die drei Viertel der Gemeinde stellen, im jetzigen Parlament kaum vertreten. Zwischen diesen beiden sehr unterschiedlichen Fraktionen war es ständig zu Reibereien gekommen, deren Wegfall nun die Arbeit erleichtert. Dennoch, sagt Süsskind, könne die derzeitige Gemeindevertretung nur eine „Übergangslösung“ sein, die Handlungsfähigkeit zurückerobern und den Weg ebnen müsse für ein künftiges Parlament, in dem die osteuropäischen Mitglieder angemessen repräsentiert sind.

„Es hilft ja nichts, wir müssen da durch“, sagt Süsskind. Dass sie Problemen nicht aus dem Weg geht, hat sie schon oft bewiesen. Anstatt in ihrer Villa ein Hausfrauendasein zu führen, leitete sie sechs Jahre einen Jeansladen in Neukölln. Manche Kunden dort suchten ihre Jeans danach aus, ob sie zu Springerstiefeln und Glatze passten. Süsskind sagte ihnen ins Gesicht, dass sie Jüdin ist, und diskutierte mit ihnen über Antisemitismus und den Holocaust.

Ihrem Team, sagen Gemeindemitglieder, merke man an, „dass die etwas verändern wollen“. Die Parlamentssitzungen seien gut vorbereitet und strukturiert. „Die wollen Ergebnisse sehen und nicht lange rumreden.“ Gerade das aber gefällt in der Gemeindeverwaltung nicht allen. Im Gegenteil, es knirsche hier und da gewaltig, klagen manche Mitarbeiter. Ganz ohne Querelen kommt die Jüdische Gemeinde dann doch nicht aus. Gerade erst zum Beispiel ist der Kultus-Dezernent zurückgetreten, in Folge einer Lappalie: Man konnte sich nicht darauf einigen, wer die Einhaltung der koscheren Speisevorschriften in der zur Gemeinde gehörenden Grundschule gewährleisten soll.

Nach dem Amtsantritt vor einem Jahr machten Süsskind und ihr Team einen Kassensturz. Sie stellten fest, dass es um die Gemeindefinanzen noch katastrophaler bestellt war, als alle geahnt hatten. Deshalb werden nun überall Sparmöglichkeiten gesucht. Auch das geht nicht ohne Streit ab – so wurden für die gemeindefinanzierten Schulen die Gebühren erhöht, und für den Schulbus müssen Eltern das Doppelte zahlen. „Freunde schafft man sich so natürlich nicht“, sagt Süsskind. Trotzdem, sie ist entschlossen, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen.

Gleichzeitig hat der Vorstand im vergangenen Jahr neue Prioritäten gesetzt: Ein Beauftragter für die Bekämpfung des Antisemitismus wurde ernannt, auch hat die Gemeinde nach Jahrzehnten endlich einen informativen Internetauftritt. Und selbst die leicht angestaubte Jüdische Volkshochschule versucht mit einem Wechsel an der Spitze einen Neuanfang.

Es gibt keine große Show, kein großes Theater in der Parlamentssitzung an diesem Mittwochabend. „Ist doch irgendwie langweilig geworden hier“, sagen die einen an jenem Mittwoch um acht Uhr, als sie rausgehen. „Endlich ist es mal ruhiger geworden“, sagen die anderen.

Draußen im Hof wartet Lala Süsskinds Dienstwagen mit den Bodyguards auf sie. Sie könne sich nicht vorstellen, ständig bewacht zu werden, hatte die kleine Frau noch vor zwölf Monaten gesagt. Seit dem Gaza-Krieg aber macht sie keinen Schritt mehr ohne ihre Beschützer. So richtig habe sie sich immer noch nicht daran gewöhnt. „Aber wenn das noch ein Jahr so weitergeht“, sagt sie, „dann gehören die Jungs zur Familie.“

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