Lampedusa : Aufstand einer Insel

Die Touristen kamen, sie liebten die kargen Felsen von Lampedusa, von den Flüchtlingen sahen sie nichts. Dann gehen Bilder der Gestrandeten aus Afrika um die ganze Welt – und die Lampedusaner begreifen voller Wut, dass die Regierung in Rom ihre Insel zum Abschiebegefängnis machen will.

Paul Kreiner[Lampedusa]
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Laura Boldrini ist durchnässt. Eine halbe Stunde hat die Sprecherin des UN-Flüchtlingskommissariats im Regen gestanden, ein deutsches Fernsehteam wollte das so, damit das Interview möglichst dramatisch, möglichst düster wirkt. Und so steht Boldrini nun, dramatisch durchnässt, an der Favarolo-Mole im Hafen von Lampedusa, wo, ohnehin dramatisch genug, die Schiffe der Finanzpolizei vor Anker liegen, militärisch grau, bedrohlich, in steter Bereitschaft, den nächsten altersschwachen Seelenverkäufer aus dem Mittelmeer zu ziehen und die Insassen vor dem Ertrinken zu retten. Bedauernswerte Flüchtlinge werden dann an Land gebracht, oder überzählige Illegale, je nach Blickwinkel; Hauptsache, nicht schon wieder Tote.

Laura Boldrini schüttelt das Wasser aus ihrer Jacke und steuert eine Trattoria an, um sich aufzuwärmen. „Eine einzige Suppe bin ich“, grummelt sie. Und fügt hinzu, dass ihr Regen und Sturm im Grunde ganz recht sind. „Was machen wir, wenn es jetzt aufklart? Wenn von Libyen aus wieder die Boote losfahren? Wir haben keinerlei Möglichkeit mehr, die Leute unterzubringen.“

Lampedusa, das ist eine kahle, karge, kleine Felsplatte im Mittelmeer, ohne Bäume, ohne eigenes Trinkwasser – und zunehmend ohne Platz. Insgesamt 30 657 Afrikaner haben die Insel im Laufe des vergangenen Jahres auf dem Seeweg erreicht; 1800 Einwanderer drängten sich zu Jahresbeginn im Auffanglager, das eigentlich nur für 800 Menschen Platz bietet. Dabei, sagt Boldrini, seien zumindest im Winter nicht mehr Menschen angekommen als sonst. „Zugespitzt hat sich alles nur, weil die Regierung die Leute nicht mehr aufs Festland weitertransportieren will.“

Bisher kam, wer in Lampedusa strandete, zunächst ins Auffanglager, wurde versorgt, medizinisch betreut – und konnte damit rechnen, binnen 48 Stunden aufs italienische Festland ausgeflogen zu werden, in ein weiteres Lager zwar, aber mit guten Aussichten, dort als Flüchtling anerkannt zu werden oder als Illegaler unterzutauchen.

In Rom aber regiert nun eine Mitte-Rechts-Koalition; Innenminister Roberto Maroni gehört der fremdenfeindlichen „Lega Nord“ an, und weil die im Wahlkampf versprochen hat, die Ausländer, dieses „Dauerrisiko für die öffentliche Sicherheit“, von Italien fernzuhalten, sollen möglichst viele Einwanderer auf der entlegensten Insel bleiben, die Italien zu bieten hat: Lampedusa.

Vor gut einer Woche kam es zum Eklat: Frustrierte Flüchtlinge brachen die Tore des Lagers auf und zogen protestierend durch die Innenstadt, begleitet von Inselbewohnern, die sich spontan der Demonstration anschlossen. Inzwischen sind die Flüchtlinge ins Lager zurückgekehrt, die Straße dorthin führt durch Lampedusas bittersüß duftende Macchia, vorbei an Kohlfeldern. Einen Kilometer vor dem Zaun ist Schluss, Carabinieri versperren den Weg. „Aufgrund der heiklen öffentlichen Ordnung“ hat die Präfektur jeden Journalistenbesuch verboten. Selbst wer es bis ans Tor schafft, sieht nicht viel: zweistöckige weiße Gebäude mit Balkonen, Menschen in den Höfen.

„Was das Auge nicht sieht“, sagen die Frauen, die nach der Frühmesse vor der leuchtend gelben Betonkirche im Zentrum von Lampedusa stehen und ihr Schwätzchen halten, „das tut dem Herzen nicht weh“. So interpretieren sie die Politik der Regierung im fernen Rom: aus den Augen, aus dem Sinn. Doch ihre Insel, sagen die Frauen, habe „nicht die breiten Schultern, das alles zu tragen“. Und dann erzählen sie. Dass die Lebensmittel ausgehen, Fleisch und Eier vor allem, weil alles von Sizilien herübertransportiert werden muss, dass das Versorgungsschiff seit elf Tagen nicht auslaufen kann, weil das Wetter zu schlecht ist. „Aber den Immigranten und den Polizisten, die sie bewachen, denen fliegen sie alles frisch ein.“ Sie erzählen, dass seit vier Jahren die absturzgefährdeten Decken der Gemeindeschule saniert werden müssten. „Aber das neue Auffanglager, das war in zwei Monaten fertig.“ Und dass die örtlichen Arztpraxen dauernd voll seien mit Einwanderern. „Die haben das Vorrecht, und wir warten.“

Dann aber erzählen die Frauen, und man hört solche Sätze von allen, die sich in den vergangenen Jahren mit Lampedusa beschäftigt haben, dass die Inselbewohner immer ungemein gastfreundlich gewesen seien – und es auch blieben, als vor rund zehn Jahren die Masseneinwanderung einsetzte. „Wir haben diese armen Teufel in unsere Häuser aufgenommen“, sagen die Frauen. „Wir haben sie gepflegt, wenn sie krank waren, wir haben ihnen zu essen gegeben.“ Und jetzt? Eine der Frauen zwinkert verschwörerisch mit den Augen. „Sie wissen, dass seit dem Ausbruch noch zwei Tunesier auf der Flucht sind? Wer, meinen Sie, gibt denen Essen? Die Polizei vielleicht?“

Die Frühmesse hat Padre Vincent geleitet. Er trägt ganz und gar unklerikale Jeans, einen hellblauen Pulli, eine beige Windjacke. Der 35-Jährige heißt mit Nachnamen Mwagala; er stammt aus Tansania. „Probleme mit der Hautfarbe? Hier auf Lampedusa? Niemals!“, lacht er. „Ich fühle mich hier zu Hause.“ Sogar den sizilianischen Inseldialekt hat er gelernt: „Das macht es leichter, mit den Leuten zu reden, gerade mit den Älteren.“

Padre Vincent ist das Bindeglied zwischen Lampedusas zwei Welten, die normalerweise selten miteinander in Berührung kommen. Er geht ins Lager, wenn er gerufen wird, um Trost zu spenden, Christen wie Muslimen. „Mit mir können sie frei reden. Ich kenne Afrika, ich kenne die Lage dieses eigentlich so reichen, aber ausgebeuteten Kontinents. Bei mir müssen sie nicht immer wieder von vorne anfangen.“

Padre Vincent ist – wie alle Lampedusaner – gegen die Pläne von Innenminister Maroni, gegen die auf dem Rathausplatz der kleinen Stadt jetzt täglich die Bürger demonstrieren. Hätte Maroni alles so gelassen, wie es war, sagen sie, dann hätten sie die Verdreifachung der Einwandererzahlen von rund 10 000 auf mehr als 30 000 in nur einem Jahr noch hingenommen, sie hätten sogar den dringenden Verdacht hinuntergeschluckt, „dass sämtliche Flüchtlinge, die man im Mittelmeer aufgabelt, immer nur zu uns gebracht werden, weil wir eben die Gutmütigsten sind und am weitesten vom Festland entfernt leben“.

Der Innenminister aber plant, zusätzlich zum Auffanglager ein „Zentrum zur Identifizierung und Abschiebung“ zu bauen, eine Art Lager zur Abschiebehaft, und die 6200 Bürger starke Inselgemeinde fürchtet, künftig nur noch Anhängsel eines riesigen Gefängnisbetriebes zu sein. „Sie nehmen uns Lampedusa weg“, sagen die Frauen vor der Kirche. „Sie wollen, dass wir gehen. Aber wir gehen nicht.“ Auf der Piazza sagen die rauen, wettergegerbten Männer, die ihr Leben als Fischer auf dem Meer zugebracht haben: „Bisher haben sich die Einwanderer ruhig verhalten, weil sie wussten, dass man sie nach Italien fliegt. Aber wie will man Tausende von Menschen bewachen, die wissen, dass sie in ihre Heimat zurückgeschickt werden? Da bräuchte man ein Heer von Polizisten. Unsere kleine Insel würde explodieren.“

Andere Bürger fürchten um ihre Sicherheit, denn laut Gesetz muss in Italien jeder, der 60 Tage nach der richterlichen Anordnung noch nicht abgeschoben ist, freigelassen werden. „Dann überschwemmen die unsere ganze Insel“, sagen die Leute auf dem Marktplatz, „dann rauben sie, dann vergewaltigen sie, weil sie sonst nichts zu tun haben, weil sie keinen Job bekommen, mit dem sie die Überfahrt nach Sizilien bezahlen können. Was wird dann aus uns?“

Laura Boldrini vom UN-Flüchtlingskommissariat entgegnet zwar, künftig hätten die Behörden 18 Monate Zeit, die Einwanderer zu identifizieren und abzuschieben – aber das macht die Insulaner erst recht wütend: „Wie viele Tausende werden es dann sein, die sich auf unseren 20 Quadratkilometern stauen?“

Neben der Piazza steht, rosarot getüncht, das Rathaus von Lampedusa. Tabakqualm wabert durch die Flure; das italienische Rauchverbot scheint im extremen Süden noch nicht angekommen zu sein. Oder bekämpfen die Staatsdiener mit Zigaretten ihre Nervosität? Die Versammlung jedenfalls, in der Bürgermeister Dino De Rubeis an diesem Vormittag mit seinem Personal die aktuelle Lage diskutiert, endet mit Geschrei. De Rubeis, ein Zweimetermann im anthrazitfarbenen Maßanzug, versucht zu beschwichtigen, strahlt demonstrativ Ruhe aus. Doch auch er befürchtet, dass „alles zerstört“ wird, insbesondere „die ganzen Investitionen, die wir in den Tourismus gesteckt haben“. Zwischen 20 000 und 30 000 Reisende haben sich jährlich anlocken lassen vom kristallklaren Wasser, von den südseeartigen Badebuchten, von Lampedusas bunter Unterwasserwelt. Von den gut versteckten Einwanderern haben die Touristen nie etwas gesehen. „Wenn die Zeitungen jetzt schreiben“, sagt der Bürgermeister, „dass bei uns Illegale zusammengepfercht werden und womöglich durch die Straßen laufen, dann können wir einpacken.“

Die Fischerei, einst das zweite wirtschaftliche Standbein der Insel, hat bereits kapituliert. Dreißig Kutter mit je zwölf Mann Besatzung gab es hier einmal; Lampedusa hatte die zweitstärkste Flotte Siziliens, 800 Frauen verarbeiteten die Fische und dosten sie ein. „Heute haben wir noch zwei Kutter und 50 Arbeitsplätze in der Verarbeitung“, sagt der Bürgermeister. Warum? „Weil die Wege zu unseren Kunden zu weit sind. Wir sind nicht wettbewerbsfähig. Und der Treibstoff kostet bei uns 40 Prozent mehr als auf dem Festland.“

Also haben die Lampedusaner auf Tourismus umgesattelt. Von den insgesamt 15 000 Gästebetten, sagt der Bürgermeister, seien aber nur 2000 „fiskalisiert“ – was bedeuten soll, dass die privaten Vermieter der restlichen 13 000 Betten mit dem Fiskus möglichst wenig zu tun haben wollen. Ein „diffuser Reichtum“ habe sich deshalb auf der Insel ausgebreitet, sagt eine Einheimische. Und weil mancher private Hotelwirt nicht mehr alle Arbeiten selber erledigen wollte, holten sich die Lampedusaner fürs Putzen, für Portierdienste und zur Pflege alter Menschen das auf ihre Insel, was es dort eigentlich schon im Überfluss gab: arbeitswillige Migranten. Osteuropäer sind es, vor allem Rumänen. „Die arbeiten alle schwarz“, munkeln die Leute. „Aber wenigstens verdienen sie ihren Lebensunterhalt selbst.“

Die Lampedusaner seien „wie Ameisen“, scherzt der Bürgermeister. „Im Sommer arbeiten wir, im Winter verzehren wir die Vorräte.“ Doch in diesem Jahr läuft das Geschäft der Hoteliers auch im Winter gut: Tausende von Polizisten, aus ganz Italien zusammengezogen, füllen die sonst leeren Zimmer. Der Polizeiaufmarsch signalisiert Gefahr, Lampedusa ist ständig im Fernsehen, wird zum Brennpunkt der illegalen Einwanderung erklärt. Dabei weisen Fachleute wie Laura Boldrini vom UN-Flüchtlingskommissariat darauf hin, dass lediglich zehn bis fünfzehn Prozent aller Illegalen das italienische Festland übers Meer und über Lampedusa erreichen. Der Rest, sagt Boldrini, nehme den sichereren Landweg oder bleibe nach dem Ablauf eines regulären Touristenvisums einfach im Land. „Nur geben diese Leute keine dramatischen Fernsehbilder ab“, sagt die durchnässte Flüchtlingskommissarin. „Die bekommt niemand zu sehen.“

Laura Boldrinis Büro liegt auf dem Gelände des Auffanglagers, sie kennt die Verhältnisse dort – und sagt, sie sei im Grunde zufrieden mit den hygienischen Bedingungen und den Unterbringungsmöglichkeiten für die Einwanderer. Auch die Zusammenarbeit mit den italienischen Behörden sei zufriedenstellend, Lampedusa habe aufgrund seiner Transparenz sogar lange als Modell gegolten, international vorzeigbar. Aber jetzt? Mit dem zweiten, dem undurchsichtigen Abschiebelager? Boldrini seufzt, schaut in den Himmel. Zu allem Überfluss reißt jetzt auch noch die Wolkendecke auf. Bestes Seewetter kündigt sich an.

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