Zeitung Heute : Land der Kontraste

200 Jahre Unabhängigkeit und 100 Jahre Revolution – ein Blick auf die wechselhafte Geschichte Mexikos

Als Hernan Cortes, 34 Jahre jung, im April 1519 nahe der heutigen Stadt Veracruz an Land geht, ist das für den verwegenen Koquistadoren selbst ein weiterer Schritt in Richtung Unsterblichkeit – für eine der schillerndsten und kämpferischsten indianischen Kulturen aber, die es auf amerikanischem Boden je gegeben hat, bedeutet es den Anfang vom Ende. Hunderte von indianischen Völkern leben Anfang des 16. Jahrhunderts zwischen dem Golf von Mexiko, der Halbinsel von Yucatan und dem Pazifik. Sie bilden Stadtstaaten, errichten Tempel, bauen Observatorien, entwickeln Kalendersysteme – kulturelle und wissenschaftliche Leistungen, die zu den beeindruckendsten der Welt gehören.

Um dieses Land zu unterjochen, im skrupellosen Streben nach Gold, Arbeitskräften und Land, musste Cortes vor allem einen Feind besiegen: die Azteken und ihren Priesterfürsten Moctezuma. Ein Volk und ein Herrscher, die von der prachtvollen Hauptstadt Tenochtitlan in der Mitte des Texcoco-Sees das zentrale Hochland dominierten. Der Spanier fand Verbündete im Aberglauben des Herrschers und den Racheglüsten anderer Indio-Völker. Moctezuma nämlich saß dem Irrtum auf, in Hernan Cortes den heimkehrenden Priestergott Quetzalcoatl vor sich zu haben. Er empfing ihn freundlich, beschenkte ihn reich – und wurde erst entmachtet, dann getötet. Hinzu kam, dass indianische Völker, die unter der kriegerischen Attitüde und dem Menschenopfer-Kult der Azteken gelitten hatten, sich nun dem fremden Heer anschlossen. Gemeinsam besiegelten sie den Untergang des Azteken-Imperiums. Mexiko wurde zur spanischen Kolonie, so chaotisch, irrational und verträumt, so anarchisch, grausam und immer wieder staunenswert wie das europäische Mutterland.

Mexiko hat, so sagt man, „eine lange Vergangenheit und eine kurze Geschichte“. Eine Geschichte, die aus Geschichten besteht, so scharf und abwechslungsreich wie die 200 Chilisorten, die auf mexikanischem Boden wachsen. Die ersten Entdecker kamen zu Fuß über die damals vereiste, heutige Beringstraße von Asien nach Alaska. Nachfolgende Hochkulturen wie die der Olmeken, Mayas und Tolteken entstanden und verschwanden wieder, so wie die der Azteken. Hernan Cortes errichtete das spanische Vizekönigreich „Nueva Espana“ – das Kernland der brutalen spanischen Herrschaft in Mittelamerika, die nahezu 300 Jahre bestand. Die Eroberer teilten das Land unter sich auf, versklavten die Ureinwohner, von denen bis zum Ende des 16. Jahrhunderts 80 Prozent ums Leben kamen, und verwüsteten ihre Städte und Pyramiden. Aus den Silberadern des Landes presste die Kolonie sagenhafte Vermögen für die spanische Krone.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts schürte die wirtschaftliche Abhängigkeit vom Mutterland den Unmut der reich gewordenen Mestizen. In vielen lateinamerikanischen Kolonien brodelte es. Als 1808 Napoleon Spanien unterwarf, entstand ein Machtvakuum. Gleichzeitig gelangten Ideen der Aufklärung nach Mexiko. Im September 1810 kam es zum Aufstand. Der von den Ideen der Französischen Revolution beeinflusste Landpfarrer Miguel Hidalgo setzte das Fanal für den Kampf gegen die Kolonialherren und gegen die katholische Kirche. Zehn Jahre dauerte der Krieg, bis 1821 die Unabhängigkeit und die Gleichheit der Mexikaner proklamiert, die Sklaverei und die Inquisition abgeschafft wurden. Die mexikanische Geschichte konnte beginnen.

Das Jahrhundert war durch ständige politische Unruhen und häufige Regierungswechsel gekennzeichnet. Zu den einschneidensten Ereignissen gehörte der Grenzkrieg mit den USA 1845/48. Mexiko musste nach seiner Niederlage die Gebiete nördlich des Rio Grande, insbesondere Kalifornien und Texas, an die USA abtreten und verlor damit fast die Hälfte seines Territoriums.

Die soziale Hierarchie blieb von der Unabhängigkeit nahezu unberührt. Ländereien und Bergwerke konzentrierten sich weiterhin in der Hand der vermögenden Mestizen. Als Hoffnungsträger der reformfreundigen Schichten galt der erste indianische Präsident des Landes, der Zapoteke Benito Juarez. Seine Politik rief allerdings den Widerstand der klerikalen Konservativen hervor: Er enteignete die Kirche, führte die Religionsfreiheit und die Zivilehe ein, schaffte die Privilegien der Großgrundbesitzer ab und leitete eine Agrarreform ein. International provozierte er mit seiner Weigerung, die Auslandsschulden zu begleichen. 1862 drangen französische Streitkräfte in Mexiko ein und vertrieben Juarez. Unter ihrem Druck wurde auf Veranlassung von Napoleon III die Monarchie ausgerufen und Erzherzog Maximilian von Habsburg als Kaiser eingesetzt. Auch dessen Herrschaft währte nicht lange. Nach dem Abzug der Franzosen wurde er entmachtet, zum Tode verurteilt und 1867 hingerichtet.

Ein bewegtes und bewegendes Jahrhundert war damit noch nicht an sein Ende gelangt: Von 1876 bis 1911 wird Mexiko präsidialdiktatorisch von Porfirio Diaz regiert. In diese Zeit fällt die Gründung von Plantagen und Fabriken durch ausländische Kapitalgesellschaften, mit der Folge, dass sich um 1900 ein Fünftel des Landes in der Hand von Großunternehmen befand. 1910 kommt es deshalb zu einer Revolution, die als Aufstand liberaler bürgerlicher Kräfte unter der Führung des Großgrundbesitzers Francisco Madero beginnt und in die erste radikale soziale Erhebung im Mexiko des 20. Jahrhunderts mündet. Die Helden der land- und sozialreformerischen Umwälzung sind der Bauernführer Emiliano Zapata mit seiner Forderung nach „Land und Freiheit“ und der ehemalige Bandit Pancho Villa. 19 Jahre lang bekämpfen sich Kriegsfürsten und Caudillos in einem der blutigsten Bürgerkriege der Weltgeschichte mit einer Million Toten, darunter Zapata und Villa. 1917 wird eine neue, demokratische Verfassung ausgerufen, die soziale und politische Reformen vorsieht, die aber erst ab 1934 unter der Regierung von Lazaro Cardenas ansatzweise umgesetzt werden, der mit einer Agrarreform und der Verstaatlichung der Ölindustrie und der Eisenbahn auch einstige Forderungen aus der Revolution aufgreift. 1929 vereinen sich die ehemaligen revolutionären Gruppen zu einer Partei, die sich 1946 den Namen „Partei der institutionalisierten Revolution“ (Pri) gibt. Fortan bestimmen Wahlen und nicht mehr Kugeln, wer Mexiko regiert.

71 Jahre lang wird diese „revolutionäre Elite“ an der Macht bleiben. Bis zum Jahr 2000 stellt sie durchgehend die Präsidenten Mexikos. Das Land blieb politisch stabil und von Militärputschen verschont, es entstand jedoch, was der peruanische Autor Mario Vargos Llosa als „perfekte Diktatur“ bezeichnete. Die Pri kontrollierte alles und jeden, Staatsangestellte, Bauern, Gewerkschaften, das Militär, die Unternehmer, die Presse, die Kirche. Dissidenz wurde brutal verfolgt, Gefolgschaft entlohnt. Dies führte in den sechziger Jahren zu Protesten. Ein Massaker an demonstrierenden Studenten 1968 gilt als Wendepunkt: Danach musste die Pri widerstrebend demokratische Reformen zulassen. Gewerkschaften und Oppositionsparteien eroberten sich Freiräume und die Medien öffneten sich für Kritik.

Dank reichlich fließender Erdöleinnahmen konnte die Pri ihr Machtmonopol zunächst aufrecht erhalten. Durch die Finanzkrise von 1982 jedoch begann sich das Blatt endgültig zu wenden. Das Erdbeben von 1985 erschütterte das Machtfundament der Pri zusätzlich. Mit ihrer neoliberalen Regierungspraxis geriet die Pri in krassen Widerspruch zur ihrer ursprünglich linksrevolutionären Ideologie. In der Neujahrsnacht 1994 erheben sich Indiorebellen des verarmten Bundesstaates Chiapas, um auf ihre miserabale Lebenssituation aufmerksam zu machen. Die Forderungen des „Zapatistischen Nationalen Befreiungsheeres“ (EZLN) werfen ein Schlaglicht auf die feudalen Verhältnisse, in denen die zehn Millionen Indigenas des Landes leben. Ihr Anführer, der pfeiferauchende, wortgewandte „Subcommandante Marcos“ erklärt die Zapatisten zu Erben des historischen Widerstandes der indigenen Völker gegen die spanischen Eroberer. Aus dem lakandonischen Urwald heraus wird sein Slogan „Eine andere Welt ist möglich!“ zu einem wichtigen Impuls für die Anti-Globalisierungsbewegung. Zwar gewinnt das Militär rasch die Oberhand, aber die Pri ist verwundet. Im Jahr 2000 verlor sie die Präsidentschaftswahl. Mit dem Slogan „Wechsel“ eroberte Vicente Fox von der konservativen „Partei der Nationalen Aktion“ (Pan) die Herzen der Wähler. 2006 setzte sich sein Parteifreund Felipe Calderon knapp gegen den Kandidaten der Linken López Obrador durch. Zur Ruhe ist das Land auch unter seiner Regierung nicht gekommen. Im Gegenteil. Obrador bestritt das Wahlergebnis, mobilisierte seine Anhänger und rief eine Gegenregierung aus, was praktisch folgenlos blieb, für die Legitimität der Regierung Calderon jedoch fatal war.

Mexiko am Beginn des 21. Jahrhunderts ist, was es immer war: ein Land der Kontraste – am Randes des Abgrunds. Tequila, Telenovelas und Fiestas gehören ebenso dazu wie Armut, Migration und Kriminalität. Gelebte Spiritualität im Namen der Jungfrau von Guadaloupe trifft auf einen ausgeprägten Machismo, die Ruinen indigener Kultur existieren neben urbanen Riesenmetropolen, wo wie im Rest des Landes die Korruption grassiert. Die Wirtschaft stockt. Die Armutsrate ist hoch. Das Schlimmste ist: Das Land droht unregierbar zu werden. Mexiko ist das Opfer rivalisierender Drogenbanden, die sich einen tödlichen Krieg liefern. Allein in den vergangenen vier Jahren kamen 28 000 Menschen ums Leben.

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