Zeitung Heute : Land der schwarzen Ahnen Die Massai kämpfen in Kenia gegen weiße Farmer

Christoph Link[Dol-Dol]

Sakogo und Letiano warten an der staubigen Straße auf ein Auto, das sie nach Dol-Dol bringt. Die Regierung von Kenia hat dort, in der Laikipia-Ebene, zu einem Krisentreffen eingeladen. Kilometerlang geht die Fahrt neben einem hohen Stacheldrahtzaun her. Zu zweit marschieren uniformierte Sicherheitsleute mit Gewehren am Zaun entlang und beschützen das Ranchgelände, sie winken freundlich dem weißen Fahrer im Auto zu. Sakogo und Letiano schauen grimmig. Die Stimmung ist gespannt zwischen den 50000 Massai, die hier leben, und den zwei bis drei Dutzend weißen Ranchern, die hier riesige Ländereien besitzen. Lastwagen der kenianischen Armee, voll besetzt mit bewaffneten Männer der paramilitärischen Einheit GSU, kommen entgegen. Die Massai werfen der GSU Folter und willkürliche Verhaftungen vor. Ende August wurde bei einer illegalen Besetzung von Weiden der Lolldaiga-Ranch ein Massai von GSU-Soldaten erschossen, andere wurden schwer verletzt. Es herrscht Kriegsstimmung in Laikipia. Sakogo deutet in die Ferne. „Das gehört alles Jacky, einem Mzungu (Weißen) – selbst da hinten die blauen Berge sind sein Land.“ Sakogo und Letiano wohnen in Hütten.

Im Jahr 1904 hatte der Massai-Führer Laibon Lenana in einer ausweglosen Lage, als sein Volk von Pocken heimgesucht und das Vieh von Rinderpest dezimiert war, das Land an den britischen Gouverneur auf 99 Jahre verpachtet. Das Auslaufen dieses Pachtvertrages hat nun zum Aufstand der Massai geführt: „Das Land der Weißen gehört uns. Sie sollen weg, dorthin, wo sie herkamen.“

In der Mädchenoberschule von Dol-Dol wartet Kenias Innenminister Chris Murungaru. 150 Honoratioren sind gekommen, Polizisten, Armeeoffiziere, Beamte und Massai-Älteste in ausgetretenen Sandalen. Murungaru vertritt klar die Seite der Siedler. „Diese Rancher sind Kenianer, sie haben das Recht auf den Schutz durch das Gesetz“, sagt er. Die Wut der Massai wird dadurch nicht geringer. Als der Minister am Nachmittag zu einer Versammlung von 600 Massai kommt, wird deren Unmut nur durch ein massives Polizeiaufgebot gezügelt. Alle früheren Regierungen hätten die Massai vernachlässigt, versucht der Minister zu beschwichtigen, seine aber werde jetzt Schulen, Straßen, Wasserleitungen bauen. Es nützt nichts. „Die Regierung hat uns heute wieder betrogen“, schimpft Sakogo.

Bei den weißen Siedlern herrscht wegen der Massai-Proteste tiefe Verunsicherung. Sie leben seit Generationen hier und haben sich in der Laipikia-Ebene aufs Schönste eingerichtet. Schon der Entdecker Joseph Thomson hatte 1885 geschrieben, es gebe wohl „keine charmantere Gegend Afrikas“ als diese. Prinz Philipp kommt zum Urlaub her, und seit einigen Jahren gilt Laikipia mit seinem Reichtum an Wildtieren – vom Löwen bis zum schwarzen Nashorn – als Geheimtipp für gut betuchte Touristen. Die meisten der Rancher haben sich edle Lodges mit Schwimmbad und Flugpiste zugelegt.

In Kenias Medien ist eine Debatte über Landrechte und die Massai an sich entbrannt, die mit 500000 Menschen eine Minderheit unter den 32 Millionen Kenianern bilden. Einige Autoren kritisierten die archaische Lebensweise der Hirten: Mit riesigen Herden durchs Land zu ziehen sei ökonomisch sinnlos, die Regierung müsse die Massai zu moderner Landwirtschaft hinführen. Andere argumentieren, dass sämtliches Kolonialland 1963 an die Regierung von Kenia gefallen und damit eine Rückgabe an einzelne Volksgruppen obsolet sei. Wieder andere sagen, dass sich Kenias Regierung gegen die Massai stelle, habe nur einen Grund: Präsident Mwai Kibaki fürchte einen Flächenbrand in der Landfrage. Denn auch Staatsgründer Jomo Kenyatta hatte riesigen Landbesitz nach der Unabhängigkeit an Günstlinge und seinen Clan verschenkt.

Aber den Massai sind die Hintergründe egal. Sie sehen sich als benachteiligtes Volk. Jetzt halten sie ihre Stunde für gekommen.

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