Zeitung Heute : Land hinter den Wäldern

Andrea Exler

Anderthalb Stunden fährt der Linienbus von Hermannstadt in Siebenbürgen durch die karge Karpatenlandschaft in den Gebirgsort Pâltinis. Als sich der Busfahrer zur Abfahrt bereit macht, hat sich ein buntes Publikum an der Haltestelle eingefunden. Mircea und Anca, ein junges rumänisches Ehepaar, haben sich ein paar Tage frei genommen, um in den Bergen zu wandern. Sie tragen teure amerikanische Labels und sprechen fließend Englisch. Hinter Mircea und Anca steigt schnaufend die 71 Jahre alte Nicolina in den Bus.

Die Rentnerin rückt ihr altes, geblümtes Perlon-Kopftuch zurecht und knöpft die wenigen verbliebenen Knöpfe ihrer Strickjacke zu, die noch aus der Zeit Ceausescus stammt. Sie fährt nicht zur Erholung ins Gebirge. Um ihre Rente von nur 80 Mark im Monat aufzubessern, verkauft sie wild wachsende Beeren an Touristen, zwei Mark das Kilo. "An einem Tag gehen höchstens fünf Kilo weg", erzählt Nicolina. Ihr 15-jähriger Enkel sammelt die Beeren, die sie am Straßenrand feilbietet. Oben in den Bergen schlafen die beiden in einer Hütte aus Holz und Plastikplanen.

Roma-Familien erbetteln bei Reisenden Kleingeld und Zigaretten. Die Einheimischen weisen sie mit einer kaum merklichen Handbewegung ab. Nur Pamela, eine Lehrerin aus dem US-Bundesstaat Wisconsin, kramt eine Schachtel Kekse aus ihrer Handtasche und gibt sie einem Roma-Kind. Ausländer verirren sich selten in den Bus nach Pâltinis. "Woher kommen Sie?", fragt Mircea, der erfolgreiche Geschäftsmann. Oh, Amerika ... Was Touristen aus dem reichen Westen an den ärmlichen und verfallenen Bergdörfern Siebenbürgens sehenswert erscheint, bleibt dem Manager aus Bukarest ein Rätsel. Und doch ist Transsilvanien, wie der rumänische Name des vor 900 Jahren von Sachsen kolonisierten Siebenbürgens lautet, eine der reizvollsten Naturlandschaften Europas.

Hier gab es nie flächendeckende Flurbereinigungen, die im übrigen Europa die Industrialisierung der Landwirtschaft begleiteten. Zum Glück scheiterte auch Ceausescus Plan, die Lebensverhältnisse in den Städten und auf dem Land anzugleichen, indem er Jahrhunderte alte Dörfer zerstören und die Menschen zwangsweise in Plattenbauten umsiedeln ließ. Der Diktator hatte diese von ihm so genannte "Systematisierung" 1988 beschlossen, fiel aber ein Jahr später dem Volkszorn zum Opfer. In der Walachai sind einige dieser gespenstischen Siedlungen zu sehen, die seinerzeit aus dem Boden gestampft wurden. Ebenso wie die gelblichen Staubwolken, die noch heute in der Umgebung der Chemiefabriken aufsteigen, bilden diese Spuren der jüngsten Vergangenheit bizarre Kontraste in einer Landschaft, in der die Zeit stehengeblieben zu sein scheint.

Im Süden säumen die Karpaten das Gebiet, Transilvania heißt übersetzt das "Land hinter den Wäldern" dieser Berge. Asphaltierte Straßen gibt es nur zwischen den Städten auf dem flachen Land, kleinere Ansiedlungen in den Bergen erreichen die Rumänen mit Pferdewagen, die Touristen gerne fotografieren. Holzkarren mit Gummireifen ausrangierter Lastwagen, auf denen neben Strohballen die ganze Großfamilie Platz findet. Fast die Hälfte der Bevölkerung lebt auf dem Land, und die meisten versorgen mit den Erträgen sich selbst und die Verwandtschaft in der Stadt. Noch heute blüht der Tauschhandel mit Naturalien, denn Geld genießt kein hohes Ansehen in einem Land, in dem die Inflationsrate 140 Prozent erreichen kann.

"Früher habe ich als Fabrikarbeiterin im Monat 2000 Lei verdient", sagt die Rentnerin Nicolina. "Heute zahlt mir die Regierung eine Pension von einer Million, und sie sagen, das sei doch eine beträchtliche Steigerung." Eine Million Lei entspricht 80 Mark, und das reicht gerade, um den Bedarf an Grundnahrungsmitteln zu decken.

In kaum einem Land des ehemaligen Ostblocks ist die Kluft zwischen Armen und Reichen tiefer als in Rumänien. Während eine kleine Schicht wohlhabender Unternehmer und Funktionäre es verstanden hat, den Wandel für sich zu nutzen, kann die Masse der Bevölkerung auch zwölf Jahre nach dem Sturz Ceausescus nur das Notwendigste kaufen. Häuser und Wohnungen verfallen.

Um hin und wieder einen kleinen Zusatzverdienst zu erzielen, zeigen sich die Rumänen erfinderisch. Wer einen Raum in seiner Wohnung frei machen kann, hält auf dem Bahnhof nach Touristen Ausschau, die Unterkünfte suchen. Zwar liegen die Zimmerpreise in der Regel nicht unter denen der örtlichen Pensionen. Aber viele Rumänien-Besucher nutzen die Gelegenheit, das Leben und Denken der Menschen kennenzulernen. Nicht nur Privatleute, die Reisende beherbergen, setzen ihre Hoffnungen in den Tourismus. Die Regierung will die Landschaften und historischen Stätten als Reiseziel anpreisen, und der Tourismus wurde kürzlich gar zur "nationalen Priorität" erklärt.

Im Jahr 2000 besuchten 5,5 Millionen ausländische Touristen das Land, die meisten kamen aus Nachbarstaaten wie Ungarn oder Bulgarien. Westeuropäer machen sich dagegen rar: Mit 255 000 Besuchern rangierten die Deutschen an erster Stelle.

Die kulturelle Vielfalt der Region weckt zwar das Interesse der Bildungsbürger. Jahrhunderte lang haben in dem slawisch-orthodoxen Land mit romanischer Sprache Ungarn, Deutsche, Osmanen und Roma mit den ethnischen Rumänen zusammengelebt, und jede Gruppe hat Spuren hinterlassen, die zu den spannendsten Relikten der osteuropäischen Vielvölkergemeinschaften gehören. Dennoch schreckt viele das Negativ-Image ab, das sich Rumänien Anfang der neunziger Jahre erworben hat: Schlechte Infrastruktur bis hin zu Versorgungsengpässen bei Nahrungsmitteln. Obwohl sich die Lage inzwischen deutlich verbessert hat, gehört Rumänien kaum zu den bevorzugten Urlauberzielen.

Mit einem umstrittenen Großprojekt will Bukarest den Pauschaltourismus ankurbeln: In der Nähe des mittelalterlichen Städtchens Sighisoara (Schässburg) soll für 250 Millionen Mark der Vergnügungspark "Dracula Land" entstehen, eine Art rumänisches Disneyland. Die Eröffnung ist für Mitte 2002 geplant. In Sighisoara, das zu den schönsten erhalten gebliebenen Kirchenburgen Europas zählt, befindet sich das - historisch allerdings nicht verbürgte - Geburtshaus des 1476 verstorbenen rumänischen Fürsten Vlad Dracula, der dank Bram Stokers Roman aus dem Jahr 1879 als legendärer Blutsauger weltberühmt wurde. Gegen den geplanten Vergnügungspark werden allerdings kritische Stimmen laut. Viele Rumänen beklagen, dass ihr Land vor allem mit Vampiren und inhumanen Asylen für Waisenkinder und Behinderte in Verbindung gebracht wird. Sie fürchten denn auch, dass "Dracula Land" das mittelalterliche Image zementieren wird.

Siebenbürgen, die Region in der Mitte Rumäniens, verdankt seinen Namen den ursprünglich sieben Kirchenburgen, die sächsische Siedler unter ungarischer Herrschaft vom zwölften Jahrhundert an erbauen ließen. In Sibiu (Hermannstadt), Brasov (Kronstadt) oder Cluj (Klausenburg) sind nicht nur prächtige Häuser und Burgen, trutzige Türme und Basteien erhalten geblieben. Jede dieser Städte hat ihr "Deutsches Lyzeum", das die Kinder der lokalen Prominenz besuchen und mit dem "Abitur" abschließen. Viele dieser Gymnasiasten, die fließend Deutsch sprechen, wollen Informatik studieren und haben sich im Internet schon über die "Green Card" informiert. Câlin, ein 15-jähriger Schüler aus Sighisoara, sagt: "Es ist die schönste Stadt der Welt, aber wenn ich etwas erreichen will, muss ich nach Deutschland oder Amerika gehen."

Tipps für Rumänien

Anreise: Tarom, die rumänische Fluggesellschaft, fliegt vier Mal pro Woche von Berlin-Schönefeld nach Bukarest. Wer mit anderen Airlines fliegen möchte, muss den Umweg über Frankfurt am Main, Paris oder Amsterdam in Kauf nehmen.

Berlin Linien Bus bedient Bukarest von Berlin aus zwei Mal pro Woche (dienstags und sonnabends). Abfahrt ist jeweils 10 Uhr in Berlin, Ankunft am nächsten Tag um 20 Uhr. Die Hin- und Rückfahrt zum Normaltarif kostet 400 Mark. Auskunft unter der Rufnummer 030 / 86 09 60 oder gebührenfrei unter 01 80 / 154 64 36.

Einreise: Die Einreiseformalitäten sind in den vergangenen Jahren entbürokratisiert worden. Es empfiehlt sich aber, Geldumtausch-Quittungen bis zur Ausreise aufzubewahren. Um gegen den schwarzen Geldmarkt vorzugehen, verlangen Beamte mitunter die Vorlage dieser Bescheinigungen.

Deutsche Staatsbürger benötigen für einen Aufenthalt von bis zu drei Monaten kein Visum. Für andere Staatsangehörigkeiten Auskunft bei der Rumänischen Botschaft, Matterhornstraße 79, 14129 Berlin; Telefon: 030 / 80 49 16 92.

Geld: Der illegale Tausch ist nicht ratsam, denn er ist kaum vorteilhafter als der Wechsel zum offiziellen Kurs und birgt zudem die Gefahr, dass arglose Touristen mit "Blüten" abgespeist werden. Quittungen und Devisen sollten allerdings nie bei Kontrollen auf offener Straße vorgezeigt werden.

Kriminalität: Bei rumänischen Kleinkriminellen ist es in Mode gekommen, als Polizisten verkleidet Touristen zu überrumpeln, die sie zur Vorlage von Fremdwährungen und Quittungen auffordern. In den größeren Städten verschwinden die vermeintlichen Beamten dann mit den D-Mark-Scheinen im Gedränge. Wer von Polizisten angesprochen wird, sollte darauf bestehen, sie ins nächstgelegene Revier zu begleiten.

Unterkunft: Günstig ist zum Beispiel das Drei-Sterne-Haus Hotel Imparatul Romanilor. Die Übernachtung im Doppelzimmer kostet mit Frühstück 41 Mark pro Person; in Kronstadt gibt es das Vier-Sterne-Hotel Aro Palace, Übernachtung mit Frühstück im Doppelzimmer 103 Mark pro Person.

Veranstalter: Pauschalreisen in alle Regionen des Landes bietet der Veranstalter Intertouring in Frankfurt am Main, Telefon: 069 / 25 28 84, Fax: 069 / 25 29 83, E-Mail: info@intertouring.de

Auskunft: Rumänisches Touristenamt, Budapester Straße 20"a, 10787 Berlin; Telefon: 030 / 241 90 41. Beratung von Rumänien-Besuchern, die ihre Reiseroute selbst zusammenstellen wollen. Dort erhält man Listen mit Hotels und Pensionen sowie eine Fülle von Tipps.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar