Zeitung Heute : Land ohne Hüter

Mit ihren Kalaschnikows patroullieren Kinder durch die geplünderten Städte des Kongo, sie sind Opfer und Täter zugleich – jetzt will die Uno das Morden beenden

Carter Dougherty[Bunia]

Chipe, ein schmächtiger Junge, nicht viel größer als die Kalaschnikow, die über seiner Schulter hängt, patroulliert über den Marktplatz von Bunia. Viel zu bewachen gibt es hier nicht mehr. In einigen Wänden klaffen mannshohe Löcher, die Türen sind aufgebrochen, die Läden geplündert und die Fassaden von Einschüssen durchlöchert. Durch diese desolate Szenerie marschiert der Junge, barfuß, in einem T-Shirt mit Leopardenmuster. Kaum dass er seine Mission in Worte fassen kann, stotternd ruft er seine Befehle in die Gegend: „Die Leute sollen in ihren Häusern bleiben.“ Dann schleicht er sich schnell in ein ausgeräumtes Geschäft, huscht wieder heraus, um im nächsten zu verschwinden und so fort. Wie eine Katze auf der Suche nach Futter.

Chipe ist vielleicht zehn Jahre alt, seine Eltern sind nicht mehr am Leben, ermordet. Sie lebten in Drodro, einem Dorf im Nordosten, nicht weit von Bunia entfernt, als eines Tages die Soldaten der Lendu kamen – der größten ethnischen Gruppe im Kongo. Die Soldaten kamen, um zu töten. Sie metzelten 300 Menschen vom Stamm der Hema nieder. Auch Chipes Eltern. Seit diesem Tag kann das Kind nicht mehr richtig sprechen.

Aus einem Geschäft, in dem nur noch zerborstenes Glas herumliegt und leer geräumte Regale stehen, kommen zwei Frauen gelaufen. Chipe stellt sie. „Halt!“, brüllt er den beiden entgegen, die Kalaschnikow ruckartig von der einen zur anderen schwenkend. Die Frauen versuchen, ihm die Waffe aus der Hand zu reißen, aber der Junge boxt sich frei und feuert. Die Frauen können noch um die Ecke verschwinden.

Vom Glück nach der Flucht

Chipe ist eines von Tausenden Kindern, die der Bürgerkrieg im Kongo zu Soldaten gemacht hat – sie sind Opfer und Täter zugleich. Viele Regionen des drittgrößten Landes in Afrika sind unter der Kontrolle von Rebellengruppen, sie haben hier die Regierung übernommen, nachdem das Mobuto-Regime zusammengebrochen ist. Am schlimmsten aber steht es in Ituri, auch im Nordosten. Dort ist der Kampf um die Macht noch nicht vorbei, der blutige Krieg zwischen den rivalisierenden Volksgruppen geht weiter – und die Uno musste bisher hilflos zusehen. Am Freitag hat der UN-Sicherheitsrat der Entsendung einer 1400 Mann starken Friedenstruppe zugestimmt, die unter dem Kommando Frankreichs dem Massenmorden ein Ende machen soll. Auch in Deutschland mehren sich die Stimmen in allen Parteien, die einen Bundeswehreinsatz im Kongo unterstützen.

Allein seit Beginn dieses Monats sind in Ituri Hunderte Menschen getötet und Zehntausende in die Flucht getrieben worden. Das Leben hier ist grausam und kurz. Auch Chipes Zeit könnte jeden Augenblick abgelaufen sein – und sie wird zu einem großen Teil aus Angst und Schrecken bestanden haben.

Aber jetzt, in diesem Moment, ist er glücklich. Die von den Hemas angeführte Miliz der Kongolesischen Patrioten kontrolliert Bunia und für Chipe bedeutet das Sicherheit – zumindest vorläufig. Noch vor wenigen Wochen waren er und die Hema-Miliz auf der Flucht und Bunia in der Hand der Lendu. Denn in Ituri ist nach dem Rückzug der ugandischen Armee ein gefährliches Machtvakuum entstanden. Acht verschiedene Völker, insgesamt zweieinhalb Millionen Menschen, bekriegen sich hier. In manchen Vierteln von Bunia liegen die Leichen noch auf den Straßen – Opfer der Hema. Die meisten Überlebenden sind geflohen, entweder nach Osten, in Richtung Uganda, oder zu einem Camp dicht bei den UN-Quartieren, die in der Nähe von Bunia liegen. Die wenigen, die geblieben sind, streifen in kleinen Gruppen zwischen den Lehmhütten umher. Stille liegt über allem.

Vor einer Hütte steht ein alter Mann. Er trägt schwarze Hosen und ein sauberes weißes T-Shirt – eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit in dieser staubig-schmutzigen Stadt. Der Alte erzählt, wie die Hema hier gemordet haben. Er nennt sich Jean-Pierre. Das ist nicht sein richtiger Name, den will er nicht verraten, aus Angst. „Sie sind alle getötet worden, nachdem die Lendu schon geflüchtet waren“, sagt er und zeigt auf die Leichen. „Die Schlacht war doch längst vorbei.“ Jean-Pierre und die anderen sind nur noch da, weil sie die Reste von drei Kinderleichen bergen wollen. Die Hema haben sie mit ihren Macheten in Stücke gehackt, sagt Jean-Pierre.

Schon lange töten die Kämpfer nicht nur die Milizen der Gegner, sondern auch Zivilisten. Und auch wenn sie gesiegt haben, geht das Morden weiter. Dann durchsuchen sie die Hütten, dann sind die Alten, die Frauen und die Kinder dran. Und die bewaffneten UN-Blauhelm-Soldaten durften bislang nicht einschreiten. Sie sind nur als Beobachter hier, so schreibt es ihr Mandat vor. Als die Kämpfe vorbei waren, sind die Blauhelme durch Bunia gefahren. „Aus den Häusern hörtest du das Rattern von Maschinengewehren, poppop-pop“, erzählt ein Soldat.

Lokana Kabagambe, 27, liegt auf dem Flur eines provisorisch eingerichteten Hospitals – einer von Dutzenden Verwundeten, die hier notdürftig behandelt werden. Kabagambes Hals und Hände sind in Verbände gewickelt. Er ist ein Hema. Er vergleicht das Schicksal der Hema mit dem der Tutsi in Ruanda, der ethnischen Minderheit, die 1994 von den herrschenden Hutu beinahe ausgerottet wurde.

Als die Lendu Anfang Mai Bunia einnahmen, stürmten sie auch Kabagambes Haus. Bewaffnet waren sie mit Macheten. Einer verletzte ihn direkt unterm Kinn, sagt er, schlug ihn dann bewusstlos und lässt ihn liegen. Ein Onkel brachte Kabagambe ins Krankenhaus. „Wenn sie nach Geld oder Lebensmitteln gesucht hätten, dann hätten sie doch danach gefragt“, sagt er. „Aber sie haben nicht gefragt. Weil sie nur eines finden wollten: Hema, um sie dann zu töten.“

Die Feinde sind alte Freunde

Kabagambe und die Männer, die ihn angegriffen haben, waren früher einmal Freunde. „Als Kinder haben wir zusammen gespielt“, sagt er. Was hat sie zu Feinden gemacht?

Die Hema, traditionell Nomaden, kommen ursprünglich aus dem Nil-Delta, während die Lendu, ein Bauernvolk, aus dem Süden des Sudan stammen. Der Vernichtungskrieg zwischen den beiden Stämmen hat vor ein paar Jahren begonnen, und er hat mit dem Eingreifen der Nachbarstaaten in den Kongo-Krieg zu tun: Uganda hat zuerst die Hema-Milizen ausgebildet, um anschließend die Lendu mit Waffen zu versorgen. Dafür hat Ruanda dann wiederum die Hema unterstützt. Die beiden Länder, einst Verbündete im Kampf gegen das alte Mobuto-Regime, sind nun Gegner. Es geht ihnen nur um das eine: um die Bodenschätze im Kongo. Am Albert-See, der im Osten die Grenze zwischen Ituri und Uganda bildet, gibt es Ölfelder. Und dann sind da noch die Goldminen, die sich durch das ganze Land ziehen.

In Bunia ist trotz Plünderung und Zerstörung noch der Wohlstand von früher zu erahnen. Auf dem Marktplatz, den Chipe jetzt bewacht, hängen an manchen Läden noch Schilder. „Gold zu verkaufen“, steht darauf geschrieben.

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