Zeitung Heute : Landesgartenschau: Blühende Landschaft statt Kloake

Claus-Dieter Steyer

Mit dem Fahrrad zur Landesgartenschau in Eberswalde? Der Tipp hörte sich nicht gerade wohl durchdacht an. Denn auf dem Mitte April eröffneten Gelände am Finowkanal sind Drahtesel zumindest für Besucher tabu. Nichts soll offenbar den Blütengenuss stören. Dennoch, das Fahrrad sollte man bei einem Besuch der Gartenschau nicht zu Hause lassen.

Direkt am Haupteingang beginnt nämlich ein Rundkurs für Radler entlang dem Finowkanal, durch die Schorfheide und um den Werbellinsee. Die Strecke ist für jedermann geeignet und stellt keinerlei Ansprüche an Kraft, Kondition oder Technik. Ein Sonderbus auf der genannten Strecke erleichtert zudem die Angelegenheit. An jedem Wochenende verkehrt die Linie 917 im Stundentakt zwischen 9 und 20 Uhr. Und der Bus zieht einen Hänger mit viel Platz für das mitgebrachte Rad, und auch einige Leihfahrräder stehen zur Verfügung. Eine Empfehlung für den richtigen Zeitpunkt einer Radtour ist schwierig. Sowohl ein Ausflug vor als auch nach dem Bummel durch die Blumen- und Staudenpracht hat seine Vorzüge.

Die lange Bank an einem mit Staudenpflanzen eingefassten Seitenarm des Finowkanals gehört zweifellos zu den Lieblingsplätzen der Besucher. Fürs Lesen, Eisschlecken oder einfach nur für Träumereien ist die mehr als 100 Meter lange Sitzgelegenheit nahezu ideal.

Nach einer Stärkung im Biergarten am richtigen Kanal könnte die nächste sportliche Herausforderung in Angriff genommen werden: eine Fahrt im Ruderboot, Kanu oder Tretboot. Wenn nicht gerade der hier beheimatete kleine Ausflugsdampfer, das für Touristen umgebaute Floß oder ein Freizeitkapitän mit seiner Yacht vorbeikommt, kann sich der auf eigene Muskelkraft angewiesene Wasserwanderer durchaus wie im Urwald fühlen.

"Das ist immer noch ein kleines Wunder", schwärmt ein Einheimischer im Kahn nebenan. "Jahrelang stank es hier buchstäblich zum Himmel." Kloake aus Abwässern der Industrie und der Haushalte sei die beste Beschreibung für die immerhin älteste noch im Betrieb befindliche Wasserstraße gewesen. Mehr als 400 Jahre zähle sie. Dieser Umstand muss wohl das Bundesverkehrsministerium so überzeugt haben, dass es mehrere Millionen Euro für eine Sanierung des Kanals und seiner zahlreichen Schleusen bereitstellte.

Zurück auf der Gartenschau, sollten Lust und Kraft unbedingt noch für den Aufstieg auf den großen Kran reichen. Das Symbol des einst das Leben in der heute zirka 45 000 Einwohner zählenden Stadt dominierenden Industriezweiges bietet den besten Blick über das Band der vielen Themengärten.

Die Mühen des Treppensteigens lohnen sich. Aus 28 Meter Höhe erscheinen 17 Hektar Fläche, die in den vergangenen drei Jahren in wirkliche blühende Landschaften umgestaltet wirken plötzlich gar nicht so groß.

In luftiger Höhe können gleich die nächsten Besichtigungsziele festgemacht werden: der als fliegender Teppich mit Palmen gestaltete Garten, das Herz aus Beetrosen, eine Miniaturlandschaft aus Bonsai mit einer Modelleisenbahn oder die ebenfalls zur Aussichtsplattform umfunktionierten Teile einer Kranbahn.

Bis zum nächsten Sonntag gehören auch die neun rustikalen Holzhütten in der Nähe der Freilichtbühne zum "Pflichtprogramm". Sie bilden ein finnisches Dorf, in dem Kunsthandwerk und Reiseinformationen präsentiert werden. Köche braten über offenem Feuer Lachsforellen und Rentierfleisch. Andere bereiten karelische Piroggen und Rußkesselkaffee zu.

Nach so vielen Kostproben wartet weitere sportliche Bewegung. Neben der Halle für die Blumenschauen, wo derzeit exotische Pflanzen aus aller Welt dominieren, geht es einige Meter in die Tiefe. Mit einem Plastikhelm auf dem Kopf fahren die Besucher in Tretbooten auf den alten Kanälen für das Kühlwasser des Walzwerkes. Die Licht- und Tonshow steht zwar in keiner Verbindung zur Gartenschau, doch als Kontrast zu den vielen Blumenbeeten hat auch sie ihren Reiz.

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