Zeitung Heute : Landser- romane aus dem Jahr 2006 Philipp Köster verklärt schon mal hemmungslos die WM

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Fußballfans verklären gerne. Eine grauenhafte 0:3-Auswärtsniederlage in Rostock bei 3 Grad im Schnürregen wird in der Rückschau zum heldenhaften Abwehrkampf gegen übermächtige Rostocker. Und jedes noch so unspektakuläre Abstaubertor aus dem Getümmel heraus wird mit ein klein bisschen Abstand zum Tor des Monats, mindestens.

Weltmeisterschaften werden nun besonders hemmungslos beschönigt, auch in Deutschland. Was wir doch immer für grandiose Mannschaften hatten, schwärmen wir und gemeinden gnädig die versoffene Truppe von 1982 und die Streithanseln von 1986 mit ein. Und jede Wette, es müssen nur noch ein paar Jahre ins Land ziehen, dann geht sicher in der güldenen Nachbetrachtung auch der Nichtangriffspakt von Gijon zwischen Deutschland und Österreich als maßloser Offensivfußball durch.

Weil das so ist, haben wir nun allerdings ein kleines Problem. Wenn wir nämlich im Jahr 2014 unsere Kinder auf den Schoß nehmen und mit flackernden Augen von der WM 2006 erzählen, von Millionen Menschen auf den Fanmeilen, vom Elfmeterschießen gegen Argentinien und der tränenreichen Ehrenrunde unserer Elf nach dem Aus gegen Italien, dann werden sie uns zweifelnd anschauen und nicht ganz zu Unrecht denken, wir hätten gestern Abend mal wieder ausgiebig in Landserromanen geschmökert.

Also scheuchen wir die Kinder weg und greifen uns einen der opulenten Bildbände, die damals gleich nach dem Turnier erschienen sind, betrachten noch einmal all die Bilder von den Schweden in Berlin, vom weinenden Ballack und von den jubelnden Italienern und denken, ganz ohne Verklärung: schön, dass wir dabei gewesen sind.

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