Landwirtschaft : Die Saat des Bösen

Er macht es seit 2005, und auch in diesem Jahr hatte er es wieder vor: Genmais anbauen - doch vor ein paar Tagen wurde das plötzlich verboten. Seinen Acker mit etwas anderem bestellen darf er aber auch nicht

Ariane Bemmer[Hohenstein]
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Verbotene Früchte. So hoch stand im vergangenen Mai der Genmais bei Landwirt Jörg Piprek. Foto: Michael Urban/ddp

Er wird es trotzdem tun, er wird säen. Auch da, wo er nicht darf.

„Was bleibt mir anderes übrig?“, sagt Jörg Piprek.

Er ist kurz nur in seinem Büro, das niedrig ist und dunkel, alte Resopalregalschränke, ein widerständiger Gummibaum, ein Teppich, der unter ungezählten Fußtritten jede Farbe verloren hat, zwei Schreibtische, ein Computer mit einem Ackerfoto als Bildschirmhintergrund.

Draußen in der Mittagssonne steht sein Sohn auf dem Traktor, ein John Deere 4455, gebaut in den USA um 1990, 160 PS, fünf Meter lang, drei Meter hoch, grüne Karosserie, gelb die Felgen der mannshohen Räder. Gleich soll er den gut sechs Meter breiten Maiskorneinzelverteiler übers Feld ziehen, aber noch sind seine Rücklichter kaputt.

„Was bleibt mir anderes übrig?“, sagt Jörg Piprek, Ende 40, klein, kräftig, Metallrandbrille, kariertes Hemd, Jeans. Er findet, dass ihm keine Wahl bleibt.

Piprek ist Landwirt in Hohenstein bei Strausberg östlich Berlins, und er hatte vor, von seinen 600 Hektar Land 100 Hektar mit Mon 810 zu bepflanzen, einer gentechnisch veränderten Maissorte. Es ist die einzige Genpflanze, die in Europa für den kommerziellen Anbau zugelassen ist, ein Produkt der Firma Monsanto. Sie produziert selbsttätig ein Gift, das ihren ärgsten Schädling tötet: den Maiszünsler.

Aber dann hat Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner am frühen Nachmittag des 14. April, es war der Dienstag nach Ostern, Pipreks Mais verboten. Sie berief sich auf Studien aus Luxemburg über Genmais und Marienkäfer, aus denen sie neue Zweifel an der Unbedenklichkeit von Mon 810 ableitete.

So kommt das Land in Sachen Genmais nicht zur Ruhe, es gibt auch innerhalb politischer Gruppen keine einheitliche Meinung. Ein CSU-Minister ließ den Genmais 2005 zu, eine CSU-Ministerin verbietet in vier Jahre später, worüber die CDU sich ärgert. Und in der Wissenschaft wird, seit der Genmais 1998 EU-weit zugelassen wurde, gestritten, folgten Gutachten auf Studien auf Expertisen auf Untersuchungen. Es ging um den Mindestabstand zum nächsten nicht gentechnisch manipulierten Gewächs, um Auswirkungen auf Insekten jenseits des Maiszünslers, es ging um Bienen, die gentechnisch manipulierte Pollen aufnehmen und den Bioimkern ihr Geschäft verderben könnten, es ging um mögliche Folgen für die Kuhmilch, denn der Genmais wird verfüttert, es ging um den Monarchfalter und den Wasserfloh, und jetzt geht es um den Zweipunktmarienkäfer.

Piprek hat das karierte Hemd gegen eine grüngelbe Jacke mit dem Aufdruck „Landfarm Hohenstein“ getauscht und das Büro verlassen. Er passt nun farblich zu seinem Traktor, dessen Lichter, das hat der Sohn hingekriegt, wieder funktionieren. Licht ist wichtig, denn sie säen 24 Stunden lang, zwei Zwölfstundenschichten, es fährt also auch in der Schwärze der ländlichen Nacht einer draußen rum.

Das Feld, das heute bestellt wird, es stand dort nie Genmais, liegt ein paar Kilometer außerhalb, deshalb machen Vater und Sohn jetzt den Maissaatverteiler straßentauglich, eine Knochenarbeit, alles an diesen Maschinen ist groß und schwer. Sie sprechen nicht viel, bis sie fertig sind.

Der Vater fährt voran, in einem schwarzen Pick-up, auf der Ladefläche liegen pinkfarbene und gelbblaue große Säcke, darin ist Saatgut. Konventionelles Saatgut. Die Säcke mit dem Genmais lagern auf dem Hof. Was damit wird, weiß Piprek nicht. Wie er überhaupt nicht weiß, was er tun soll.

Als er das Saatgut kaufte – „nicht bei Monsanto, ich habe keinen einzigen Vertrag mit Monsanto“, sagt er, sondern beim Saatguthändler der Region –, war es legal. Säcke à 50 000 Körner, für rund 9000 Euro. 80 000 Körner passen auf einen Hektar.

Die neue Situation verlangt von ihm, dass er 100 Hektar, ein Sechstel seiner landwirtschaftlichen Fläche, brachliegen lässt. Die Fläche, auf der er den Genmais anbauen wollte, so wie er es schon im Vorjahr getan hat und im Jahr davor und im Jahr davor und sogar schon 2005.

Piprek war einer der ersten Landwirte, die Mon 810 anbauten. Und er hat seitdem einiges mitgemacht. Es gab hitzige Streitereien, die Empörung der Gegner habe ihn überrascht, sagt er. Im August 2005 wurde sein Acker bedroht von Mitstreitern der „Aktion Gendreck weg!“, die dem hochwachsenden Einkeimblättrigen aus der Familie der Süßgräser an den Stängel wollten, was ein Großaufgebot an Polizei verhinderte und Piprek in die überregionalen Nachrichten brachte. 2007 musste er dann einen Teil der Genpflanzen vernichten, weil er ihre Aussaat nicht ordnungsgemäß angemeldet hatte. Und nun das Verbot.

Genmais darf er jetzt nicht mehr pflanzen. Ersetzen durch konventionelles Saatgut darf er ihn aber auch nicht. Das verhindert die seit April 2008 geltende „Verordnung über die gute fachliche Praxis bei der Erzeugung gentechnisch veränderter Pflanzen“, die vorschreibt, dass eine Fläche, auf der gentechnisch veränderter Mais angebaut wurde, frühestens nach einem Jahr wieder mit konventionellem Saatgut bestellt werden darf. Aber umplanen, seine Felder anders aufteilen, kann Piprek auch nicht mehr, dafür ist es zu spät, die Hälfte seiner 600 Hektar ist schon bepflanzt: mit Roggen, Raps und Wintergerste.

Auf der anderen Seite braucht Piprek aber die Maiserträge, die 300 Hektar hergeben, nicht nur die Erträge, die 200 Hektar hergeben. Weil er mit dem Mais etwas herstellt, das als gut gilt, das steuerlich gefördert wurde: Er produziert Energie. Dafür hat er Ende 2007 auf seinem Gelände eine Biogasanlage gebaut, hat 1,5 Millionen Euro investiert. 26 Tonnen Mais frisst die pro Tag, 530 Kilowatt Ökostrom kommen dabei heraus, die liefert Piprek an den Versorger Eon. Mit dem hat er einen Vertrag, der ist zu erfüllen, außerdem muss er den Kredit tilgen, Zinsen zahlen. Das kann er jetzt nicht alles lassen, nur „weil ein Marienkäfer Kopfschmerzen bekommt“.

Piprek ist ein kühler Typ, die Ideologie, die er im Genmais-Streit bei den Gegnern ausgemacht hat, ist ihm unsympathisch. Doch ist auch er nicht frei davon.

Er habe sich schon so viel Quatsch angehört in den Jahren, sagt er, denn hingegangen ist er oft, zu den Vorträgen, Diskussionen. Vor allem auch den Quatsch mit der Abhängigkeit von Monsanto, dass die Firma Abnehmer zwinge, Jahr für Jahr neues Saatgut von ihr zu kaufen, statt aus der eigenen Ernte Samen für die nächste Saison zu schöpfen.

Piprek sagt, dass er auch bei konventionellem Mais Jahr für Jahr neues Saatgut nachkaufen muss. Das seien Hochleistungssaatkörner, Hybride, die könne er nicht nachzüchten, dürfe es auch gar nicht, es sei denn gegen Lizenzgebühr.

So fest ist Piprek in seiner Kritikabwehrstrategie, dass er auch grundsätzlichere Bedenken gegenüber Monsanto nicht gelten lassen will, dem Konzern aus St. Louis, Missouri, einem Giganten auf dem weltweiten Saatgutmarkt, der 90 Prozent des Genpflanzenanbaus kontrolliert. Der Agent Orange hergestellt hat, ein Entlaubungsmittel, versprüht von der US-Army über Vietnam mit schlimmsten Folgen für die Menschen dort. Zu den großen Namen der Firmengeschichte zählt der ehemalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, der zum Irakkrieg blies, und in Entwicklungsländern gilt das Auftreten Monsantos als rüde.

Das ist alles nicht Pipreks Problem.

Was er weiß, ist: Genmanipulierte Sojabohnen werden seit den 90er Jahren an Kühe verfüttert, deren Milch überall verkauft wird, genmanipulierte Baumwolle wächst in allen großen Anbauländern, deren Material am Ende auch in deutschen Modegeschäften ausliegt.

Meckert da jemand? Nein. Na also.

Dass jetzt aber eine Landwirtschaftsministerin ihren Landwirten eine so wichtige Entscheidung wie das Genmaisverbot gerade dann vor die Füße wirft, wenn die zur Aussaat schreiten wollen, das nennt er eine „Sauerei“.

Dasselbe moniert auch sein Interessenverband, der Verein Innoplanta aus dem Sachsen-Anhaltinischen, Befürworter „moderner Methoden der Pflanzenzucht“. Dessen Chef, der FDP-Landtagsabgeordnete Uwe Schrader, beklagt, dass der ungünstige Zeitpunkt des Verbots Existenzen bedrohe, er plädiert für Ausnahmeregelungen. Das Deutsche Maiskomitee notiert, dass es zu Aigners Verbot „ keine neuen Erkenntnisse“ gegeben habe, „die ein derart kurzfristig vor der Maisaussaat ausgesprochenes Verbot von Mon 810 erklären würden“. So sieht das auch Monsanto selbst, weshalb der Konzern gegen das Verbot Klage eingereicht und einen Eilantrag gestellt hat.

Ob Monsanto ansonsten das nunmehr verbotene Saatgut zurücknimmt, tauscht gegen konventionelles, ist ungeklärt, es gebe Signale, heißt es.

„Mein Geld“, sagt Piprek, „will ich eigentlich von Aigner zurück.“

Kurz hinter Hohenstein sind Vater und Sohn nun angekommen, ein Feldweg zweigt von der Landstraße, hellbraun liegt der Acker in der Sonne, der Wind wirbelt Staub auf – es bleibt also trocken, sagt die Bauernregel. Sie fahren an einem kleinen Stück Wald vorbei, dann halten sie. Sie kippen das Saatgut aus den Tüten in sechs Kanister, die der Einzelkornverteiler später in Sechserreihen in den Boden drücken wird. Die Körner sind rot, imprägniert gegen Schädlinge.

Seit er den Genmais anbaue, benötige er viel weniger Insektenvernichtungsmittel, sagt Piprek. Was ja auch das Hauptverkaufsargument ist. Gentechnik schone, statt zu belasten. Je länger Piprek spricht, desto weniger ist übrig vom Bauernhof als ländlichem Idyll, als Gegenentwurf zur durchrationalisierten Industrienähe der Städte. Auch Landwirtschaft ist Industrie, es geht um Ertragssteigerung, Effizienz, Gewinn, da wird investiert, geforscht und ausprobiert. Wer nicht mitmache, verliere den Anschluss. So redet Piprek. Als wäre er ein Ingenieur.

Und auch der Mais, den einst Christoph Kolumbus nach Europa brachte, hat sich in den Jahren gewandelt. Ist, von ein paar Tortillas abgesehen, kaum noch Nahrungsmittel, sondern Tierfutter, Füllmaterial und zunehmend Energielieferant. 800 Maissaatsorten gebe es, sagt Piprek, das sei doch auch nicht normal. Weltweit sind die Anbauflächen für Genmais gewachsen auf inzwischen 37 Millionen Hektar. Hauptanbauländer sind die USA, Argentinien, Kanada. In Europa haben 2008 sieben Länder Genmais angebaut, die Gesamtfläche betrug 100 000 Hektar, Vorreiter ist Spanien.

In Deutschland wurden laut Bundeslandwirtschaftsministerium in diesem Jahr 3700 Hektar für Genmais angemeldet, was 0,2 Prozent der gesamten Maisfläche entspreche. Fast alle Felder liegen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Brandenburg. Im Jahr 20 nach der Wende könnte man auch sagen: Da, wo der Osten sich von seiner amerikanischen Seite zeigt, großflächig und fortschrittsorientiert, ist es auch wieder nicht recht.

Die Kanister sind befüllt, es kann losgehen. Der Vater fährt den Sohn zurück zum Hof, dessen zwölf Stunden sind vorbei, und bringt den Mitarbeiter, der die zweite Schicht übernimmt, raus zum Traktor. Einen stattlichen Mann mit Umhängetasche, in der eine silberne Thermoskanne steht.

Piprek fährt wieder zurück zum Hof. Der Mitarbeiter verstaut seine Tasche unterm Sitz in der Traktorkabine, stellt die Thermoskanne ans Fenster. Er kann Radio hören und, wenn es kalt wird, eine Klimaanlage einschalten. Er startet die Maschine und fährt aufs Feld. Schnaufend bezieht der John Deere 4455 Position, gerade ausgerichtet am Feldrand. Sechsmal außen rum wird er fahren, dann hin und her. Abstandsmesser sichern, dass nichts vergessen wird.

Der Mann in der Kabine winkt und fährt los. Er wird die nächsten zwölf Stunden nichts anderes tun als Gas geben, bremsen, lenken, nach hinten schauen, anhalten, nachladen, weiterfahren. Er wird nichts anderes tun als Mais säen, die effektivste Frucht, die sie haben in Hohenstein, ihre Einnahmequelle.

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