Zeitung Heute : Lange leben

Der Film „2030 – Aufstand der Alten“ ruft Diskussionen hervor. Wie sieht die Gesellschaft der Zukunft aus?

Annika Kiessler Dagmar Rosenfeld

Das Alter macht den Menschen Angst, gleich in doppelter Hinsicht. Sie fürchten sich nicht nur vor dem Altern selbst, sondern auch vor den Alten. Das hat sich in diesen Tagen mal wieder gezeigt: Da ist zum einen der Film „2030 – Aufstand der Alten“, eine Utopie einer vergreisenden Gesellschaft, die mit diesen Ängsten spielt. Zum anderen hat eine Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung ergeben, dass jeder dritte Bundesbürger darüber nachdenkt, sich umzubringen. sollte er ein Pflegefall werden.

Das Thema „demografischer Wandel“ ist nicht neu, es gibt eine Menge Zahlen und Studien. Eine kleine Auswahl daraus belegt, dass der nüchtern daherkommende Fachbegriff letztlich eine dramatische Umwälzung beschreibt. 2050 wird etwa ein Drittel der Bevölkerung in Deutschland 65 Jahre und älter sein. Die Zahl der 60-Jährigen wird dann mit gut einer Million doppelt so hoch sein wie die Zahl der Neugeborenen, hat das Statistische Bundesamt errechnet. Zum Vergleich: 2005 gab es fast genauso viele Neugeborene wie 60-Jährige. Die Zahl der 80-Jährigen und Älteren wird sich bis 2050 mit zehn Millionen sogar nahezu verdreifacht haben und damit den am schnellsten wachsenden Bevölkerungsteil stellen. Und noch eine Zahl: 1965 lebten in Deutschland 8095 Menschen, die älter waren als 95. Im Jahr 2000 waren es ungefähr 114 000.

Eine Entwicklung, die die Position der Älteren in der Gesellschaft verändern und bedeutender machen wird, sagen Wissenschaftler. „Wir werden unser Altersbild korrigieren müssen, das heißt, das Alter weniger als Last denn als Potenzial zu sehen“, sagt Peter Zeman vom Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA) in Berlin. Anders formuliert: „Noch nie waren die Alten so jung wie heute“, wie es in einem Papier der Immobilienwirtschaft heißt, das sich mit der Zielgruppe 65 plus befasst. „Von Altersjahrgang zu Altersjahrgang verbessert sich der Gesundheitszustand und steigt das Bildungsniveau“, erklärt Zeman. Kurz gesagt: Die Älteren werden immer gesünder und immer gebildeter – das wiederum hält sie länger jung. Nicht nur Immobilienmakler, Versicherer, Textil- und Kosmetikhersteller haben längst die Älteren als gewinnbringende Kunden entdeckt, auch die Politik versucht sich auf eine alternde Gesellschaft einzustellen – die Rente mit 67 oder ein spezielles Jobprogramm für über 55-Jährige sind nur zwei Beispiele. Und die Bundesregierung hat ihren fünften Altenbericht dem Schwerpunkt „Potenziale des Alters“ gewidmet.

Doch nicht alles ist so positiv wie es klingt. Denn mit der zunehmenden Lebenserwartung der Menschen steigt auch die Zahl der Pflegefälle. Schon bis 2020, so die Prognosen, werde die Zahl der Pflegefälle von derzeit rund zwei Millionen auf mindestens 2,5 Millionen ansteigen. Noch wird der überwiegende Teil der Pflegefälle von Familienangehörigen betreut, wie es beim Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) heißt. Doch in einer schrumpfenden Gesellschaft – bis 2050 werden in Deutschland voraussichtlich nur noch 69 Millionen Menschen leben, rund 13 Millionen weniger als heute – verändern sich auch die Familienstrukturen. Wenn immer weniger Kinder geboren werden, sinkt auch die Zahl der Verwandten, die sich um einen Pflegebedürftigen kümmern könnten. Das heißt, immer mehr Menschen werden ihren Lebensabend in Pflegeheimen verbringen müssen. Nur sind die 9000 deutschen Heime nicht ausreichend darauf vorbereitet. Der Bundesverband der Diakonie erwartet in den kommenden 20 Jahren einen zusätzlichen Bedarf von 400 000 Pflegekräften. Dabei reicht schon heute das vorhandene Personal nicht aus, um den Bedürfnissen der zu Pflegenden wirklich gerecht zu werden. So heißt es in einer Mitteilung des MDS (Medizinischer Dienst der Spitzenverbände der Krankenkassen) zu einer Qualitätsprüfung in ambulanten Pflegediensten und Pflegeheimen: „Bei 41 Prozent der untersuchten Personen werden bei der Enährung und Flüssigkeitsversorgung Mängel festgestellt.“ Sprich: Sie bekommen nicht genug zu essen und zu trinken. „Um den Menschen einen möglichst normalen Alltag im Pflegeheim zu ermöglichen, müsste das Pflegesystem insgesamt differenzierter gestaltet werden“, sagt KDA-Geschäftsführer Klaus Großjohann. Insgesamt würden die neuen Herausforderungen in der Altenpflege zu wenig von der Politik gewürdigt werden.

Bis 2030 ist also noch viel zu tun.

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