Zeitung Heute : Lange Nächte im Dorf lassen

Von Elisabeth Binder

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Einerseits ist das mit den langen Nächten ja eine hübsche Mode. Die lange Nacht der Museen etwa gibt es inzwischen auch in anderen Städten. Sie erinnert immer wieder aufs Erwünschteste daran, dass die verstaubten 17Uhr-Zuschließzeiten in Frage gestellt sind und sich somit kulturell immer neue Perspektiven ergeben müssten. Die lange Nacht der Oper wäre eine intelligente Ergänzung, zumal in diesen Zeiten. Und die „lange Nacht des Shoppings“ sollte eigentlich zum Pflichttermin gemacht werden für verknöcherte Gewerkschafter.

Einkaufen ist nun mal nicht das Gleiche wie Shopping. Ginge es nur ums Besorgen der allernötigsten Überlebensmittel, dann würden jederzeit auch täglich vierstündige Öffnungszeiten reichen. Shoppen hingegen ist ein Freizeitvergnügen, das einen desto mehr kostet, je öfter man Gelegenheit dazu hat. Dafür gibt dieses Hobby seinem Betreiber das angenehme Gefühl, die Wirtschaft anzukurbeln. Das heißt, es würde die Wirtschaft ankurbeln, wenn die Gelegenheiten ausreichend wären. Dazu müsste aber erstmal irgendjemand die Gewerkschafter wachrütteln und aus dem vorvorigen Jahrhundert in die Jetztzeit beamen.

Gucken die einen konsequent nach hinten, schießen die anderen zu schnell übers Ziel hinaus. Nun gibt es auch noch die lange Nacht der Bars, und da gerät man doch endgültig ins Grübeln. Handelt nicht das Phänomen „Bar“ vor allem von langen Nächten? Heißt es etwa „Strangers in the Sun“? Nein, natürlich ist von „Night“ die Rede, von der tiefschwarzen Nacht, in der man über den Tanzboden irgendeiner legendären Bar schwebt, vielleicht im Hotel Reids auf Madeira, das schon Kaiserin Sissi und später Churchill mochten, tief unter sich die Lichter von Funchal wie ein glitzernder Teppich ins Glück. Oder man träumt sich zwischen den weißen Spalierwänden der Nachtbar des Cipriani, die zum Teil mit der Zeche des großen Bargängers Hemingway finanziert wurde, einem wasserlichtdurchtränkten Morgen entgegen. Vielleicht versackt man zwischen Zigarrenrauchwolken an der Theke des „21“ in New York, hinter der ein Schild von „Unter den Linden“ grüßt, oder man diskutiert dort ganz in der Nähe, in der Bar des Algonquin, eine neue literarische Welle herbei. Vielleicht ertränkt man aber auch die letzten Tränen über eine alte Liebe auf der Terrasse einer kleinen Whisky Bar in Orange County, am Strand von Alabama. Und der Mond singt dazu weiß und stumm sein Lied, das alles schon einmal gehört hat und auch das Gegenteil davon.

Lange Nacht. Der Bars. Das ist nun wieder so richtig Berlin. Preußisch. Gründlich. Organisiert. Also das glatte Gegenteil von dem sehnsuchtsvollen Gefühl, das Nächte durchweht, die soviel nehmen und soviel geben können. Wer am letzten Wochenende dieses Monats für 20 Euro einen Pass erwirbt für den Einstiegsdrink und einen Shuttle-Transport zwischen acht Hotelbars, mag sicher sein können, wo er hingerät. Aber er verpasst auch was sehr Gutes, sehr Barimmanentes: das verlorene Driften durch die innere Finsternis einer großen Stadt, das endet zwischen schummrigwarmen Lichtern an einer Theke, die den Duft von altem Scotch atmet, und vielleicht, zu den Klängen einer alten, sentimentalen Melodie, in den Armen irgendeines Fremden...

Hätte der einen Shuttle-Pass in der Brusttasche stecken, würde jede halbwegs romantisch veranlagte Lady sofort einen Schreikrampf kriegen und wäre für die Liebe womöglich für immer verloren. Überlasst die langen Nächte den Frühstückscafés. Und lasst, bitte, den Bars ihre letzten Geheimnisse.

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