Zeitung Heute : Langes Leben fängt mit Treppensteigen an Fitness zählt: Die eigenen Beine sind der beste Schrittmacher

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Von Adelheid Müller-Lissner

Was ein Herz im Lauf eines Menschenlebens leistet, kann sich sehen lassen. Unser „muskulöses Zentralorgan", wie die Dichterin Ulla Hahn es prosaisch nennt, schlägt in 70 Jahren zweieinhalb Milliarden Mal und transportiert dabei rund 200 Millionen Liter Blut. Mit seinem Lebensstil kann man die Chancen deutlich erhöhen, dass „die Pumpe“ ihre Aufgaben lange Zeit gut erfüllt.

Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie (ESC) hat sich jüngst für die Vorbeugung vor Arteriosklerose, Herzinfarkt und Schlaganfällen stark gemacht. 40 Prozent der Menschen, die in Europa bei ihrem Tod unter 74 Jahre alt sind, sterben an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung. Die Kardiologen wollen erreichen, dass Risikofaktoren wie erhöhter Cholesterin-Spiegel und Bluthochdruck in der Bevölkerung deutlich sinken. Außerdem haben sie sich den Kampf gegen das Rauchen zum Ziel gesetzt.

Die amerikanische Herzgesellschaft hat ihre Empfehlungen zur Herzinfarkt-Vorbeugung in diesem Jahr aktualisiert. Alle zwei Jahre sollen demnach schon junge Amerikaner ab 20 sich den Puls fühlen und ihren Blutdruck messen lassen. Zugleich sollen sie den Body-Mass-Index (Gewicht in Kilo geteilt durch Körpergröße in Metern im Quadrat) und den Hüftumfang kontrollieren. Alle fünf Jahre sollen Cholesterinwerte und Blutzucker bestimmt werden.Die Gesundheit von Herz und Kreislauf wird dabei natürlich an erster Stelle nicht durch das Messen, sondern durch das Beeinflussen dieser Risikofaktoren erhalten.

Gelungen und gesund

Die Ratschläge, die die Experten dafür übereinstimmend geben, klingen eigentlich nach einem gelungenen Urlaub. Alles kommt aber darauf an, dass sie auch im Alltag durchgehalten werden. Da ist zunächst die herz- und gefäßfreundliche Ernährung, der die Mediziner den schönen Bein „mediterrane Kost“ gegeben haben - womit sie der asiatischen Küche vielleicht ein wenig Unrecht tun, die die gewünschten Merkmale ebenfalls aufweist.

Wichtig ist, dass viel Obst und Gemüse auf den Tisch kommen. In den USA ergab eine Studie, für die 44 000 gesunde Männer zwischen 40 und 75 über acht Jahre beobachtet wurden: Diejenigen, die viel Gemüse und Früchte und dazu pflanzliche Öle, Fisch und Geflügel gegessen hatten, hatten ein um mehr als 50 Prozent vermindertes Risiko, an Herz und Blutgefäßen zu erkranken, als die Liebhaber von Pommes Frites, fettreichen Süßigkeiten und großen Fleisch-Portionen.

Das zweite, nach neueren Erkenntnissen wahrscheinlich noch wichtigere Element des herzfreundlichen Lebensstils ist Bewegung. Der Berufsalltag bringt für immer weniger Menschen die Notwendigkeit mit sich, sich körperlich wirklich anzustrengen. Deshalb ist es heute gefährlich, „Faulenzen“ als den Inbegriff der Erholung zu betrachten. „Das Sofa erscheint als sicherer Ort, aber auf die Dauer kann es sehr gefährlich sein“, sagt Jürgen Steinacker, Leiter der Sektion Sport- und Rehabilitationsmedizin an der Uni Ulm.

Eine Fülle von Studien aus den letzten Jahrzehnten unterstützen diese These. Zuletzt zeigte eine groß angelegte Studie an 6213 Männern, dass die Fittesten unter ihnen das längste Leben vor sich hatten. Das galt auch für den Vergleich innerhalb der Gruppe der Herzpatienten. Frühere Studien haben gezeigt, dass durch konsequentes Training die Leistungsfähigkeit bis ins hohe Alter hinein innerhalb weniger Monate um bis zu 30 Prozent gesteigert werden kann.

Durchblutung contra Blutdruck

Herz und Kreislauf brauchen die Bewegung aus mehreren Gründen: Die Gefäße der Skelettmuskeln werden in Ruhestellung wenig durchblutet und ziehen sich zusammen. Der Körper steuert mit erhöhtem Blutdruck gegen. Der Durchblutungsmangel kann zudem zu unbemerkten chronischen Gefäßentzündungen führen. Wer die Muskeln mehr spielen lässt, verbessert die Blutfettwerte, erhöht aber natürlich auch die Stoffwechselrate und hat es leichter, schlank zu bleiben oder zu werden.

Auch das Risiko, einen Diabetes vom Typ II (fälschlich immer wieder als Alterszucker bezeichnet) zu entwickeln, sinkt. „Bei körperlicher Belastung wird ein Stoffwechsel-Enzym aktiviert, das dafür sorgt, dass Glukose unabhängig von Insulin aufgenommen werden kann. Man braucht also deutlich weniger Insulin“, erläutert Steinacker. „Diabetes ist wahrscheinlich zu 90 Prozent eine Bewegungsmangel-Krankheit.“

Muss man, um sich zu schützen, täglich ein schweißtreibendes Sportprogramm absolvieren? Steinacker kann sich einen Seitenhieb auf die eigene Zunft nicht verkneifen: „Die Sportmedizin hat viele Leute durch arrogante Anforderungen verschreckt.“ Am wichtigsten ist es, regelmäßig die Ausdauer zu trainieren, und das funktioniert schon bei täglichen Spaziergängen im flotten Tempo. Eine gute neue Gewohnheit kann auch darin bestehen, Treppen statt Fahrstühle zu benutzen. „Wenn ich in den dritten Stock muss, habe ich eigentlich keinen Grund, den Aufzug zu nehmen“, sagt der Sportmediziner.

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