Zeitung Heute : Langsam fahren

Marius Meller

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Der Neuberliner und seine Lebenspartnerin sind zu einer Hochzeit in Kloster Zinna eingeladen. Abgesehen vom erfreulichen Anlass ist das eine Gelegenheit, einmal die Stadtgrenze zu überwinden. Zwischen Kirche und abendlichem Festessen gibt es Programm. Man hat die Wahl: Besichtigung des klösterlichen Schnapsmuseums oder Kartrennen auf der nahe gelegenen Rennbahn. Die Lebenspartnerin entscheidet für das Kartrennen. Das Kloster kann man ja morgen anschauen, denkt der Neuberliner und erzählt auf dem Weg zur Rennbahn, was er sich über das Kloster angelesen hat: 1170 gegründet, 1176 erste Zerstörung durch heidnische Pommern und Wenden, berühmte Klosterschnäpse, ab 1680 Jagdschloss der Hohenzollern, 1764 stiftet Friedrich der Große das Dorf Kloster Zinna als Plansiedlung, lässt Maulbeerbaumplantagen für die Seidenraupenzucht anlegen... Die Lebenspartnerin sagt, sie freue sich schon auf das Kartrennen.

An der Rennbahn sammeln sich zahlreiche Hochzeitsgäste. Man wartet noch ein Weilchen, weil zuerst die Opel-Freunde Ludwigsfelde dran sind – das sieht man an den T-Shirts. In einer Todeskurve wirft es einen Opelfreund aus der Bahn. Dem Neuberliner wird mulmig, denn das sah fast so aus wie der letzte Crash von Ralf Schumacher. Er macht sich Sorgen um seine Lebenspartnerin und wünscht sich und sie in das Schnapsmuseum. Der Opelfreund hinkt von der Piste und bestellt sich fröhlich ein Bier.

Jetzt sind die Hochzeitsgäste dran und steigen in die 18-PS-Mini-Rennwagen. In schönster Nachmittagssonne drehen der Neuberliner und seine Lebenspartnerin unglaublich langsame Runden auf der Kartrennbahn. Nur einmal überholt der Neuberliner, fährt kurz darauf aber an den Rand und lässt die Lebenspartnerin wieder vorfahren. Die anderen Hochzeitsgäste zischen in Lichtgeschwindigkeit vorbei, beschweren sich aber nicht über die beiden Schleicher. Als die Lebenspartnerin den Helm abnimmt, sagt sie stolz, sie habe nur zweimal bremsen müssen. Der Neuberliner sagt, er habe den Rausch der Langsamkeit sehr genossen.

Kartrennbahn „Altes Lager“ (zehn Autominuten von Kloster Zinna), Flugplatzweg 6, 14913 Niedergörsdorf, jeden Tag geöffnet, Telefon: 033741/72066.

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